InterviewCornelius Meister: Schumann komplett „Immer mal wieder die Perspektive wechseln“

Von Susanne Benda 

Am Sonntag und Montag dirigiert Cornelius Meister beim Staatsorchester Stuttgart alle vier Sinfonien von Robert Schumann – und packt Musik von John Cage dazu.

Cornelius Meister Foto: Marco Borggreve
Cornelius Meister Foto: Marco Borggreve

Stuttgart - Ein Doppel-Konzert des Staatsorchesters als Zyklus: das hat es in Stuttgart noch nie gegeben. Der junge GMD der Staatsoper ergänzt Schumans Sinfonien mit den „Quartets for 93 Players“ von John Cage.

Herr Meister, wie kamen Sie auf die Idee, Sonntag und Montag zwei verschiedene Programme aufzuführen? Sonst wird am Montag doch immer das Sonntagskonzert wiederholt.

Nicht nur für das Staatsorchester ist es wichtig, Schumanns vier Sinfonien einmal als Zyklus aufzuführen. Wenn wir die Stücke in zwei aufeinander folgenden Sinfoniekonzerten gespielt hätten, dann wären zwei komplette Programme mit einem Thema belegt gewesen. Ich möchte aber, dass das Orchester sein Repertoire erweitert – deshalb geben wir ja gerade den Komponisten, die in der Oper weniger präsent sind, im Konzert viel Raum. Auch aus Publikumssicht ist dieses Konzert-Doppel ungemein spannend, und zwar nicht nur, weil unsere Konzertbesucherinnen und -besucher die Möglichkeit haben, das Konzert des jeweils anderen Tages zu einem ermäßigten Preis auch noch zu erleben. So etwas gab es hier in der Region meines Wissens noch nie.

Ist bei Schumann zwischen der ersten und der vierten Sinfonie eine Entwicklung spürbar?

Ja, ganz stark. Die Reife, mit der Schumann an die vierte Sinfonie herangeht, vor allem bei der von uns gespielten revidierten Fassung, ist eine ganz andere als bei den früheren Sinfonien. Das ist allerdings kein Werturteil: Auch jugendliches Ungestüm hat eine große Qualität.

Schumann ist oftmals vorgeworfen worden, er könne nicht instrumentieren. Finden Sie das auch?

Nein, gar nicht. Der springende Punkt ist: Stücke von Strauss oder Schostakowitsch erzielen häufig auch dann eine große Wirkung, wenn sie schwach interpretiert werden. Die Aufführung muss schon verdammt schlecht sein, damit das nicht der Fall ist. Schumanns Musik dagegen will fein erarbeitet sein, ebenso wie die von Haydn.

Was für eine Art von Arbeit ist das?

Für Schumann als Pianist war es selbstverständlich, dass er alleine ein ganzes Werk spielen kann, deshalb fand er es als Komponist überflüssig, alles bis ins Detail ausdrücklich zu notieren. Für ihn ist es zum Beispiel vollkommen klar, dass und wie man phrasiert, da schreibt er beispielsweise schlicht „Forte“, hätte als Pianist aber wahrscheinlich nie vier Takte in einer Lautstärke gespielt, sondern die Dynamik biegsam gehalten. Andere Komponisten, denen bewusst ist, dass ein großes Orchester nicht automatisch gemeinsam phrasiert, wenn nichts in den Noten steht, legen mehr fest. Wobei Schumann in der vierten Sinfonie schon ganz anders schreibt als vorher.

„So rasch wie möglich“ fordert Schumann in seiner zweiten Klaviersonate, danach „schneller“, schließlich „noch schneller“. Gibt es derart Utopisches auch in den Sinfonien?

Schumann nennt es in den Sinfonien anders, aber gerade in den schnellen Schluss-Passagen schreibt er oft ganz ohne Rücksicht auf irdische Notwendigkeiten - das mit einem ganzen Orchester präzise zu realisieren, ist richtig anspruchsvoll. Deshalb haben wir für die beiden Konzerte auch komplett doppelte Probenzeit angesetzt, und die Solostreicherinnen und -streicher und ich haben uns im Vorhinein mehrmals zusammengesetzt, um das Notenmaterial einzurichten, damit wir bei den Tutti-Proben keine Zeit verlieren.

Passt Schumann zu John Cage?

Ich hoffe schon! Cages „Quartets“ basieren ja auf amerikanischer A-Cappella-Chormusik des 19. Jahrhunderts. Sie sind ganz tonal – und leben nur von der interessanten Idee, dass die Vierstimmigkeit im Wechsel von insgesamt 93 Musikern produziert wird, die mal einen Ton spielen, dann wieder lange nichts. Das ist so simpel und so genial wie bei „4‘33‘‘, hier wie dort kann man sagen, das hätte man auch gekonnt – es hat aber vor Cage halt keiner gemacht. So auch bei diesen Quartetten. Alle Orchestermitglieder sitzen auf Plätzen, auf denen sie idealerweise noch nie gesessen haben, und gerade für die Tutti-Streicher ist es eine besondere Erfahrung, mal ganz alleine zu spielen. Immer mal wieder die Perspektive zu wechseln, das möchte ich unterstützen. Kunst, so scheint es, braucht manchmal ein Zuviel, eine vermeintliche Verschwendung, etwas aus ökonomischer Sicht Unnötiges. Womit ich natürlich nicht sagen will, dass jede Verschwendung Kunst ist.

Zu Ihrer Verschwendung gehört jetzt auch, dass nicht nur Musiker des Staatsorchesters auf der Bühne sitzen . . .

Wir haben Musikliebhaberinnen und -liebhaber aufgefordert, sich zu bewerben, daraufhin haben sich etliche Menschen aus der Region zum Mitmachen gemeldet, und es werden auch Kolleginnen und Kollegen aus anderen Abteilungen des Hauses auf der Bühne sitzen, die gefragt haben, ob sie mitmachen dürfen. Hintergrund ist, dass wir ja nicht alle Quartette aufführen, dass also bei keinem Satz alle 93 Musiker spielen. Am Sonntag sind 23 Gäste auf der Bühne, am Montag 30. Sie haben auch Instrumente dabei, geben aber keinen Ton von sich. Auf diese Weise verschwimmen die Grenzen: Ab wann ist jemand Musiker, ab wann nicht? Und wie nennen wir die Menschen, die zwar keine Töne spielen, wohl aber Pausen?

Termin: So, 11 Uhr: Schumann, Sinfonie Nr. 2 und Nr. 3; Cage, Quartets for 93 Players III, IV, V. Mo, 19.30 Uhr: Schumann, Sinfonien Nr. 1 und Nr. 4, Cage, Quartets VI, VII. Beethovensaal. Während des Sonntagskonzertes gibt es auch einen Kinderworkshop.