Cornelius Meister über die Zukunft Meisters Pläne
Mendelssohn, Mahler, Bruckner, Babylon Berlin: Cornelius Meister stellt das Konzertprogramm des Stuttgarter Staatsorchesters vor – und erklärt, warum er 2026 geht.
Mendelssohn, Mahler, Bruckner, Babylon Berlin: Cornelius Meister stellt das Konzertprogramm des Stuttgarter Staatsorchesters vor – und erklärt, warum er 2026 geht.
Ein Orchesterstück, ein Mann am Klavier. Gustav Mahlers achte Sinfonie steht in der nächsten Saison auf dem Spielplan des Stuttgarter Staatsorchesters, und als der Generalmusikdirektor der Staatsoper, Cornelius Meister, am Freitagabend im Kammertheater am Flügel sehr, sehr langsam deren Abschlusschor anstimmt, ist man plötzlich mittendrin in einem Kosmos von Assoziationen. Hier die „Sinfonie der Tausend“, dort ein einsamer Pianist; dazu Goethes „Faust“-Worte, die Mahler vertont hat: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis. Das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis.“ Unzulänglich ist nicht das Klavierspiel des Dirigenten. Aber die Spielzeitpräsentation des Staatsorchesters am Freitagabend holt die Neuigkeiten der vergangenen Woche nochmals ins Bewusstsein. Cornelius Meister hört 2026 auf, er hat seinen Vertrag nicht verlängert. Streckt die Waffen im langjährigen Kampf um weniger unzulängliche Arbeitsbedingungen für sein Orchester.
Meisters (gefühlte) Omnipräsenz in der Stadt ist somit ebenso vergänglich wie die Kunst, die er ausübt. Musik stirbt mit jedem Ton, der nach seinem Erklingen ins Nichts verschwindet, und wenn der Stuttgarter GMD geht, dann kann es nur trösten, dass er erstens nicht ins Nichts verschwindet und zweitens noch zwei Spielzeiten als Orchesterchef mitgestalten wird. Die erste davon hat er jetzt gemeinsam mit der Konzertdramaturgin Claudia Jahn-Schuster vorgestellt, und das Programm für 2024/25 hat wieder genau jene Qualitäten, die man bei den Konzerten dieses Klangkörpers schätzt: Vielfalt und dramaturgische Linien.
Mahlers Achte wird die Konzertspielzeit als sinfonischer Monolith beschließen. Bruckner, 100-Jahr-Jubilar des Jahres 2024, ist der zweite Gigant im Programm; David Afkham dirigiert seine vierte, Cornelius Meister seine achte Sinfonie, ergänzt durch die „Notations“ des 100-Jahr-Jubilars von 2025, Pierre Boulez – ihm hat Meister in seinen Lehrjahren assistiert. Die Bündelung eines sinfonischen Werks an einem Konzertwochenende führt Cornelius Meister mit Mendelssohns vier Orchestersinfonien fort, ergänzt um Zeitgenössisches. In weiteren Sinfoniekonzerten gibt es ein Wiederhören mit Nicola Luisotti und eine Neubegegnung mit dem multinationalen Babylon Orchester Berlin . Außerdem präsentiert sich das Staatsorchester zu Neujahr, Open-Air auf dem Killesberg und beim (Robin-Hood-)Familienkonzert, kooperiert mit dem Popbüro und setzt seine Reihe der Kammer- wie der Liedkonzerte (mit der Hugo-Wolf-Akademie) fort.
Nach der Präsentation ist Cornelius Meister spontan zu einem Gespräch bereit. „Ich fühle mich dem Orchester, dem Chor und dem Stuttgarter Publikum stark verbunden. Daran hat sich nichts geändert.” Das ist einer der ersten Sätze, die er sagt. Ein weiterer: „Wenn ich von einer Sache überzeugt bin, dann stehe ich immer dafür ein – und bin bereit, auch persönlich die Konsequenzen davon zu tragen.“ Die Gründe für seinen angekündigten Abschied 2026 liegen in den Regelungen des seit gut 100 Jahren (!) geltenden Tarifvertrags ebenso wie im Umgang der Verantwortlichen damit. 1920 waren Orchestermitglieder noch nicht wie heute auch Musikvermittler und medial aktiv. Für diese Tätigkeiten müssen Bedingungen geschaffen werden, auch finanziell. Noch vor wenigen Jahrzehnten rangierte das Staatsorchester im nationalen Vergleich auf Rang 6. Heute haben 27 deutsche Orchester zeitgemäßere und finanziell attraktivere Arbeitsbedingungen – weil sie aus dem überholten Flächentarifvertrag ausgestiegen sind. „Kaum jemand”, sagt Meister über die Situation in Stuttgart, „bezweifelt die Notwendigkeit eines Haustarifvertrags, dennoch gibt es seit mehr als einem Jahrzehnt keine greifbaren Ergebnisse.”
Seiner letzten Vertragsverlängerung im Herbst 2022 hat Cornelius Meister nur zugestimmt, weil ein Prozess in Gang kommen sollte. „Das einzige greifbare Ergebnis seither ist aber, dass vor wenigen Wochen eine Ausschreibung, gerichtet an Unternehmensberatungen, veröffentlicht wurde, um das, was bereits mehrfach überprüft wurde, noch einmal untersuchen zu lassen.“
Gerade hat das Staatsorchester seinen Solotrompeter an das HR-Sinfonieorchester verloren. Das schmerzt Meister sehr. Und: „Etwa 140 Musikerinnen im Staatsorchester – das sind zehn Prozent der Angestellten bei den Staatstheatern. Aber da das Orchester keinem Intendanten allein zugeordnet ist, bedarf es immer der Einigkeit unter den Intendanten, ehe etwas vorangeht.“ Das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis. Und der Opernintendant Viktor Schoner hat bei seiner Vertragsverlängerung (bis 2029) den Haustarifvertrag für das Staatsorchester nicht zum Thema gemacht.
Auftakt
Die Moderation des Saisoneröffnungskonzert am 15. 9. übernimmt Maeckes.
Sinfoniekonzerte
Am 27./28.10. dirigiert Tianyi Lu Staatsorchester und Babylon Orchester Berlin. Cornelius Meister leitet die Konzerte am 8./9.12. (Bruckner, Boulez), am 25./26.5. (Mendelssohn) und am 13./14.7. (Mahler). Im ersten Konzert unter Kerem Hasan (27./28.4.) spielt auch das Partnerorchester des Staatsorchesters, das Landesjugendorchester. Bruckners Vierte unter David Afkham gibt es am 19./20.1. Nicola Luisotti dirigiert am 30./31.3. Tschaikowsky und Prokofjew.
Lied
Die Konzertreihe im Opernhausfoyer beginnt am 4.11. Jenseits der Reihe präsentieren Matthias Klink, Natalie Karl und das Magnus-Mehl-Quartett am 20.4. einen Brecht/Eisler/Weill-Abend.
Karten
gibt es ab 8.7. unter 07 11 /20 20 90 und unter www.staatsoper-stuttgart.de