Corona an Schulen in Baden-Württemberg Maske ab – ist das gerechtfertigt?

Seit diesem Montag müssen Schüler im Unterricht keine Maske mehr tragen. Geben die Infektionszahlen diese Lockerung her? Wir haben die aktuellsten Daten analysiert.

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Stuttgart - Seit Montag müssen Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg am Platz keine Maske mehr tragen, überall sonst jedoch schon. In Grundschulen entfällt die Maskenpflicht zumindest im Klassenzimmer komplett. Für die Kinder und Jugendlichen ist das eine klare Erleichterung. Doch geben die aktuellen Infektionszahlen den Schritt her?

 

Die Antwort geben Daten, die im „SurvStat“ des Robert-Koch-Instituts (RKI) frei abrufbar sind. Dort sind alle per PCR-Test bestätigten Corona-Infektionen nach Altersgruppen hinterlegt. Wir stellen die wöchentlichen Infektionen je 100 000 Einwohner für Baden-Württemberg für die Zeit seit Schuljahresbeginn dar – zunächst für die Grundschüler:

Das Schaubild ist eher unspektakulär: Die Werte sind seit Mitte September weitgehend stabil, die Lockerung der Maskenpflicht ist also zumindest nicht fahrlässig. Die Inzidenz ist bei Grundschülern allerdings deutlich höher als in der Gesamtbevölkerung.

Lockerungen: Für und Wider

Unter Eltern wird das manchmal als „Durchseuchung“ kritisiert. Für Unter-12-Jährige gibt es keinen Impfschutz, zudem lassen sich offenbar längst nicht alle Infektionen durch Hygienemaßnahmen unterbinden. Davon zeugt auch die im Corona-Lagebericht des Landesgesundheitsamts abgebildete, tendenziell steigende Zahl von Corona-Infektionen im Schulumfeld.

Andererseits stecken sich Kinder auch außerhalb der Schule an, zudem werden wegen der relativ hohen Testintensität auch symptomlose Infektionen unter Schülern häufiger erkannt. Alle Schüler im Land müssen pro Woche zwei PCR- oder drei Schnelltests nachweisen. Selbst wenn das de facto nicht in jedem einzelnen Fall durchgezogen wird, dürften Schüler zu den am intensivsten getesteten Bevölkerungsgruppen im Land zählen.

Impfeffekt bei älteren Schülern?

Bei den älteren Schülern an weiterführenden Schulen liegt die 7-Tage-Inzidenz der Infektionen etwas höher als bei den Grundschülern:

Auch hier verlaufen die Kurven seitwärts, die Infektionszahlen sind also relativ stabil. Anfang Oktober war noch ein Höchstwert bei infizierten Schülern im Land verzeichnet worden. Der deutliche Zuwachs hat sich nicht fortgesetzt. Das gilt auch für die Zahl der Schüler in Quarantäne, die das Kultusministerium tagesscharf veröffentlicht.

Bei den älteren Schülern fällt auf: je älter sie sind, desto niedriger ist die Infektionsrate. Das gilt auch für die hier nicht gezeigten 17- und 18-Jährigen, weil in dieser Altersgruppe nicht mehr alle die Schule besuchen. Vermutlich handelt es sich hier um einen Effekt der Impfungen. Laut RKI sind im Land aktuell etwa 41 Prozent der 12- bis 17-Jährigen mindestens einmal, 36 Prozent vollständig geimpft.

Unterschiedliche Regeln

Die Kultusministerin Theresia Schopper wird in einer Pressemeldung ihres Ministeriums zitiert, die Maskenpflicht könne wegen der „aktuell niedrigen Zahlen“ gelockert werden. Wirklich niedrig ist eine Inzidenz um die 200 auch bei hoher Testintensität nicht. Für einzelne Kreise gibt das RKI unter 5- bis 14-Jährigen sogar Werte über 300 wöchentlich Infizierte je 100 000 Einwohner an.

Baden-Württemberg zählt mit Bayern und Sachsen zu den Ländern mit den höchsten Inzidenzen bei Schülern. Jedes Land handhabt die Maskenpflicht anders: In Bayern müssen Schüler schon seit Anfang Oktober am Platz keine Maske mehr tragen. In Sachsen soll die Maskenpflicht an weiterführenden Schulen Anfang November wegfallen – allerdings nur, wenn die in Sachsen die Zahl der Infizierten und Erkrankten nicht mehr so stark steigt wie zuletzt.

Thüringen ist diesen Schritt schon Mitte September gegangen. „Dort ist die Inzidenz bei den 5-14-Jährigen explodiert“, wurde Ralf Scholl vergangene Woche in einer Pressemitteilung zitiert. Für den Landeschef des baden-württembergischen Philologenverbands kommt die Lockerung im Südwesten daher zu früh.

Zweifellos ist die leichte Lockerung in Baden-Württemberg der von Kultusministerin Schopper beschriebene „Schritt in Richtung Normalität“. Ob die gelockerte Maskenpflicht das Infektionsrisiko an den Schulen signifikant erhöht, werden die Daten der kommenden zwei Wochen zeigen.

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