Corona-Folgen für die Stuttgarter Schauspielbühnen „Ohne Kurzarbeit wären wir schon tot“

Lobt die Stadt Stuttgart im Umgang mit den krisengebeutelten Kulturinstitutionen: Axel Preuß vor dem Alten Schauspielhaus. Foto: dpa/Sina Schuldt

Während man in den Stuttgarter Staatstheatern die Zähne knirscht, atmet man in den Stuttgarter Schauspielbühnen auf: Der Intendant Axel Preuß ist froh über das Instrument der Kurzarbeit.

Stuttgart - Jüngst bei der Spielplankonferenz der Stuttgarter Staatstheater: Der Generalmusikdirektor der Oper wundert sich über die Kurzarbeit am Dreispartenhaus. „Ich verstehe das nicht“, sagt Cornelius Meister, „wenn es Probleme gibt, arbeite ich normalerweise mehr, um sie zu lösen. Jetzt ist mir das verboten. Jetzt werde ich gezwungen, weniger zu arbeiten, damit wir Geld bekommen.“ Ein Freund der Kurzarbeit, das lässt sich aus diesen Äußerungen schließen, ist der Chefdirigent offensichtlich nicht. Für ihn ist das kein geeignetes Mittel, um das auf 12 Millionen Euro bezifferte Corona-Defizit der von Stadt und Land getragenen Staatstheater auszugleichen.

 

Damit steht Meister nicht allein. Dass auch die vier Intendanten gerne auf Kurzarbeit verzichtet hätten, ist ein offenes Geheimnis. Nur zähneknirschend haben sie die zum 1. Juli anempfohlene Sparmaßnahme umgesetzt, nicht ohne mit der radikalen Kürzung des Schauspielprogramms auch unverzüglich die Folgen der Minderarbeit zu demonstrieren: Kurzarbeit geht auf Kosten der Kunst, lautete die Botschaft der Theaterchefs. Schlimmer noch: Sie geht auch zulasten der Vernunft. Und ja, man kann das so sehen, wenn man über einen weitgehend aus Steuergeldern finanzierten 120-Millionen-Euro Etat verfügt und zur Defizit-Deckung auf anderes Steuergeld zurückgreifen muss, auf jenes der die Kurzarbeit finanzierenden Bundesagentur für Arbeit. Geld wandert von einem öffentlichen Topf zum anderen, mit dem als paradox empfundenen Arbeitsverbot als Bedingung. „Ich hoffe“, sagte der konsternierte Cornelius Meister noch, „in den Sommerferien jemanden zu finden, der mir das erklären kann.“

Die Stadt springt in die Bresche

Axel Preuß könnte es, zumindest für seine nicht in der Komfortzone arbeitenden Theater. Als Intendant leitet er das Alte Schauspielhaus und die Komödie im Marquardt, die gemeinsam als Stuttgarter Schauspielbühnen firmieren. Zusammen bringen sie es auf fast 200 000 Zuschauer pro Saison, erheblich mehr als das Schauspiel an den Staatstheatern. Das ist aber nicht der einzige Unterschied. Finanziell sind die Staatstheater ein Riese, die Schauspielbühnen ein Zwerg. Organisiert als Privattheater, verfügen sie über ein jährliches Budget von 7 Millionen Euro, von dem rund 50 Prozent – beim Staatstheater liegt die Quote bei höchstens 20 Prozent – erwirtschaftet werden muss. Weil das unter Corona-Bedingungen nicht möglich war, mussten die beiden Bühnen um ihre Existenz bangen. Preuß war um jede Einsparmöglichkeit froh. Notgedrungen sieht der wetterfeste Krisenmanager die Sache also anders als Cornelius Meister: „Kurzarbeit ist zu einem enorm wichtigen Instrument für unser Theater geworden. Ohne Kurzarbeit wären wir jetzt schon tot.“

Jährlich zahlen die Schauspielbühnen rund 3,8 Millionen Euro an Gehälter und Gagen aus, mehr als die Hälfe des Etats. Durch die Kurzarbeit zum 1. April, mit der ein Großteil der 117 Mitarbeiter nach Hause geschickt wurde, kann Preuß bis Jahresende 1,4 Millionen Euro einsparen. Eine beträchtliche Entlastung, die aber zum Überleben nicht reicht, weil die Einnahmeausfälle ein Riesenloch in den Etat gerissen haben. Preuß schätzt das durch Wegbrechen des freien Kartenverkaufs, der Abo-Einnahmen, der Tourneen und Gastspiele entstandene Defizit bis zum Jahresende auf 2,5 Millionen Euro – und ein Glück ist, dass die Stadt Stuttgart kurzfristig einen Teil der Verluste ausgeglichen und 187 500 Euro überwiesen hat. „Dem Gemeinderat war von Anfang an klar, dass den Kulturinstitutionen geholfen werden muss“, sagt der Intendant, „auch in unserem Fall hat die Stadt vorbildlich gehandelt.“

Preuß muss auf jeden Euro schauen

Kurzarbeit und Nothilfe ist es zu verdanken, dass die Stuttgarter Schauspielbühnen bis jetzt keine Insolvenz anmelden müssen. Die städtische Nothilfe läuft Ende August aus, wie und wann Bund und Land dann in die Bresche springen, ist noch offen, ebenso die Frage, ob die Kurzarbeit über das Jahresende hinaus weiter verlängert werden kann. Überhaupt hängt alles vom Verlauf der Pandemie ab.

Schon jetzt startet Axel Preuß mit stark reduzierter Platzzahl in die neue Saison. Die Komödie bietet 76 Plätze statt 378, das Alte Schauspielhaus 98 statt 500.

„Sollten wir mit einem Fünftel unserer Platzkapazität auch ins nächste Jahr gehen müssen, wird es verdammt eng“ – für seine Theater und deren feste Mitarbeiter, aber auch für die rund 140 frei arbeitenden Künstler, die pro Saison andocken, angefangen bei den Schauspielern über Regisseure bis hin zu Bühnenmusikern.

Natürlich spüren auch die Stuttgarter Staatstheater die Folgen von Corona. Sitzpläne und Programme sind auch dort schmerzlich ausgedünnt. In seiner Existenz gefährdet ist Europas größtes Dreispartenhaus aber nicht. Als kultureller Leuchtturm des Landes ist es systemrelevant, anders als die Stuttgarter Schauspielbühnen, die auf jeden Euro schauen müssen. Dort hat man Anlass, sich handfeste Sorgen um die Zukunft zu machen. Kurzarbeit nimmt man dort deshalb nicht als Fluch, sondern als Segen wahr.

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