Flugreisen nach Corona Haben Piloten das Fliegen verlernt?

Blick ins Cockpit eines Lufthansa-Airbus A 380 Foto: dpa//Daniel Reinhardt

Monatelang war der Flugverkehr wegen der weltweiten Pandemie stark eingeschränkt. Experten befürchten, dass die lange Zwangspause ein Problem für manche Piloten werden könnte.

Stuttgart - Die Pandemie hat die Luftfahrt schwer getroffen. Verzeichnete der Flughafen Stuttgart zu Hochzeiten 400 Starts und Landungen pro Tag, sind es derzeit gerade mal 40. Erst mit den Pfingstferien sollen die Zahlen wieder steigen – auf 80 Flugbewegungen täglich. Doch wie wirkt sich die monatelange Zwangspause auf die Piloten aus? Was passiert, wenn die tägliche Routine fehlt? Kann man das Fliegen verlernen?

 

„Ich fürchte, dass es in den nächsten ein bis zwei Jahren infolge von Corona vermehrt zu Unfällen kommen könnte“, sagt der Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt. „Fliegen ist nicht wie Fahrradfahren. Die grundlegenden Fähigkeiten verlernt man natürlich nicht. Das Problem liegt eher in der Komplexität des Ganzen“, erklärt der 65-Jährige.

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Wenn die Routine fehle, passierten mehr Fehler. „Ein Fehler allein ist kein Problem. Das wird er erst, wenn beispielsweise ein Triebwerk ausfällt.“ Auch das sei für sich genommen kein großes Problem für einen Piloten. Doch so ein Triebwerksausfall bedeutet eine erhöhte Arbeitsbelastung. „Da schützt mich normalerweise die Routine.“ Und die fehlt derzeit.

Exzellente Standards in Europa

Europa- und USA-Urlauber müssten sich keine Sorgen machen, betont Großbongardt. „Wir haben hier exzellente Sicherheitsstandards – auch im Low-cost-Bereich –, und durch die gute Ausbildung der Piloten haben diese einen Sicherheitspuffer. Da zahlt sich aus, dass die Fluggesellschaften bei uns weit mehr tun.“

Anders sehe es bei manchen Airlines in Afrika, Indien und Südostasien aus, die nicht so hohe Sicherheitsstandards hätten: „Piloten, die ohnehin keinen zu hohen Ausbildungsstand haben, deren Fähigkeiten sind während Corona nicht besser geworden. Da hat das ganze System wenig Reserven, von denen es jetzt zehren könnte.“

Mehrere Piloten berichten von Zwischenfällen

Die Sorge kommt nicht von ungefähr. So erhielt das Aviation Safety Reporting System der Nasa – eine Stelle, an die sich Piloten und Techniker bei Zwischenfällen anonym wenden können – während des vergangenen Jahres mehrere Meldungen beunruhigter Piloten. Einer berichtete, dass er vergessen habe, ein Anti-Vereisungs-System zu aktivieren. Ein anderer rutschte bei der Landung von der Piste. Gleich mehrere erklärten, in der falschen Höhe geflogen zu sein. Als möglichen Grund nannten alle die fehlende Praxis während der Pandemie.

Großbongardt ist mit seinen Befürchtungen nicht allein. Auch der Präsident der Flight Safety Foundation, Hassan Shahidi, äußerte der „New York Times“ gegenüber seine Bedenken. „Wer nicht regelmäßig fliegt, rostet natürlich ein“, sagte Shahidi. „Wir müssen sicherstellen, dass sich die Piloten wohl und sicher fühlen, wenn sie in das Cockpit zurückkehren.“

Lufthansa passt Trainingsprogramm an

Die Lufthansa ist sich des Problems bewusst, gibt sich aber gelassen. „Durch das entsprechend angepasste Trainingsprogramm haben die langen Trainingspausen bisher keine Auswirkung auf die Kompetenz unserer Pilotinnen und Piloten oder die Qualität unseres Flugbetriebs gehabt“, erklärt Pressesprecher Michael Lamberty.

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Schon zu Beginn der Pandemie habe eine Arbeitsgruppe „spezielle Trainingsmodule zusammengestellt, um durch Simulatoreinheiten und Selbstlernprogramme die fliegerische Kompetenz aufrechtzuerhalten“. Bei zunehmender Dauer der Unterbrechung erhöhe sich die Anzahl der Trainingseinheiten, Zudem plane die Lufthansa zusätzliche Flüge unter der Aufsicht eines Ausbildungskapitäns. Durch Iata, den Dachverband der Fluggesellschaften, sei „der Ansatz der Lufthansa Group mittlerweile praktisch zum weltweiten Standard geworden“.

Gibt es genügend Simulatoren?

Auch der Pilot Jens Rauschenberger sieht sich und seine Kollegen gut gerüstet. Natürlich sei es eine Herausforderung, nach all den Monaten wieder durchzustarten. Denn das ganze System müsse ja wieder hochgefahren werden. Die Zwangspause betraf schließlich nicht nur die Piloten. Flugzeuge seien sehr anfällig für Standzeiten, ein Problem, das sich schon jetzt bemerkbar mache: „Trotz weniger Flüge gibt es derzeit im Verhältnis häufig technische Störungen. Um die Maschinen zu ‚entmotten‘, braucht es zudem spezielle Piloten, die das Flugzeug abnehmen beziehungsweise die entsprechenden Kontrollflüge durchführen. Davon gibt es pro Airline aber nur eine Handvoll.“

Laut Großbongardt könnten auch die begrenzten Kapazitäten der Simulatoren ein Problem werden: „Da könnte es zu Engpässen kommen. Das ist der Flaschenhals der Branche. Das war ja schon schwierig, als es ein zusätzliches Training für die Boeing 737 Max gab.“ Noch gibt es Termine. Er habe jüngst problemlos einen gebucht, berichtet Rauschenberger.

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