Corona-Homeschooling „Ein Laptop ersetzt keine Vorbilder“

Menschliche Nähe ist schwierig beim Homeschooling. Auch die Motivation einer Gruppe fehlt dabei. Foto: dpa/Stefan Puchner

Die Religionslehrerin und Schulseelsorgerin Beate Brielmaier aus Filderstadt befürchtet schwere Nachteile für einige Schüler, falls es erneut zu Schulschließungen kommen sollte. Nach dem Corona-Lockdown stellen sie und ihre Kollegen einen erhöhten Gesprächsbedarf fest.

Stuttgart - Beate Brielmaier gibt an zwei Schulen in Filderstadt katholischen und konfessionell-kooperativen Religionsunterricht. Psychische Probleme bei Jugendlichen würden sich im Lockdown zuspitzen, sagt sie. Und dass es sich im Einfamilienhaus einfacher lernt als in einer beengten Wohnung.

 

Frau Brielmaier, die Diözese Rottenburg-Stuttgart teilt mit, dass nach der Rückkehr der Schüler an die Schulen erhöhter Gesprächsbedarf bestehe. Worüber wollen die Kinder und Jugendlichen mit Ihnen sprechen?

Auch schon während des Lockdowns: Manche fragen sich: „Schaffe ich das?“ Manche sehen ganz realistisch, dass sie in dieser Zeit wenig gemacht haben, obwohl sie mehr hätten machen können. Einige, vor allem ältere, Schüler erzählen davon, dass sie sich schwergetan haben, eine Tagesstruktur umzusetzen und sich selbst zu motivieren. Die Sorge um den Arbeitsplatz der Eltern ist ein wichtiges Thema, und psychische Belastungen oder Störungen, die vorher schon bestanden haben, haben sich zugespitzt.

Wie können Sie diesen Schülern helfen?

In solchen Fällen ist es extrem wichtig, Schüler zu motivieren, dass sie therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Aber digitale Gespräche während eines Lockdowns können ein reales Gespräch nicht ersetzen. Deshalb können sich Dinge aufstauen. Das Bedürfnis, von Angesicht zu Angesicht zu reden, ist sehr groß, aber therapeutische Termine für Kinder und Jugendliche zu bekommen, ist während eines Lockdowns noch schwieriger als ohnehin schon.

Welche Auswirkungen hat das?

Es gibt Schüler, die schon vor dem Lockdown Schwierigkeiten hatten, sich zu motivieren, überhaupt aufzustehen und in die Schule zu kommen. Durch den Lockdown, die fehlende Tagesstruktur und die fehlende Anknüpfung an andere Jugendliche sind manche Schüler regelrecht abgetaucht, zum Teil in digitale Welten. Sie fühlten sich dann sehr einsam und überfordert. Jetzt im Präsenzunterricht nehmen einige von ihnen einen Berg von Lernstoff wahr, und sie wissen nicht, wie sie ihn abtragen könnten. Das zieht sie herunter und kann dazu führen, dass depressive Störungen oder Angststörungen zunehmen. Sie ziehen sich dann oft zurück.

Denken Sie also, dass bald ein hoher psychischer Preis des Lockdowns bei Schülern sichtbar werden wird?

Wenn im Herbst wieder Normalität einkehrt, wird es zwar für manche Schüler ein bis zwei Jahre dauern, bis sie alles aufgeholt und sich psychisch stabilisiert haben, aber das wird in den meisten Fällen mit Unterstützung gehen. Sollte es jedoch im Herbst wieder zu Lockdown-ähnlichen Zuständen an den Schulen kommen, habe ich große Bedenken, vor allem bei pubertierenden Jugendlichen. Wenn wir das Homeschooling länger fortführen müssen, mache ich mir große Sorgen hinsichtlich der Vereinsamung von Schülern. Wir haben über Jahrzehnte hinweg aufgebaut, dass Schule nicht nur Stoffvermittlung ist, sondern auch ein Lebensraum. Aber das ist im Lockdown alles weg.

Was erwarten Sie im Herbst?

Es ist jetzt schon klar, dass der Bereich der Arbeitsgemeinschaften wegen der übergreifenden Gruppen gekippt wird. Aber das sind Dinge, bei denen Schüler miteinander etwas erleben. Wenn das länger wegfällt, wird es schwierig für Schüler, die Probleme damit haben, irgendwo anzudocken. Der Mensch lebt in der Begegnung mit anderen und erfährt dadurch Verantwortung. Wenn es aber keine Begegnung gibt und alle nur mit der Maske dasitzen und den Lernstoff hören, findet kein soziales Leben statt. Über einen längeren Zeitraum wäre dies sehr folgenreich.

Es scheint dennoch Stimmen zu geben, die Online-Unterricht für nahezu gleichwertig mit Schulbesuch halten.

Man muss da differenzieren: Gute und sehr gute Schüler werden in aller Regel, sofern das häusliche Umfeld akzeptabel ist und sie einen Laptop haben, mit den Anforderungen des Homeschoolings zurechtkommen. Manche profitieren sogar davon, dass sie während des Lockdowns gelernt haben, selbstständig zu arbeiten. Aber der größere Teil unserer Schüler lernt nun einmal in der sozialen Gemeinschaft. Wenn man sich mit etwas schwer tut, kann das beste Homeschooling menschliche Nähe und direkte fachliche Unterstützung nicht ersetzen. Und ein Laptop ersetzt weder Vorbilder noch die Motivation einer Gruppe.

Machen sich in dieser Situation soziale Unterschiede besonders bemerkbar?

Unbedingt. Bei der technischen Ausstattung konnte unser Förderverein oft diskret helfen, denn je älter sie sind, desto peinlicher wird Schülern Armut. Aber es ist auch ein Riesenunterschied, ob man in einem Einfamilienhaus mit viel Platz lernt oder in einer kleinen Wohnung mit vielen Kindern. Prekäre Verhältnisse verschärfen sich, wenn Kinder und Jugendliche sehr viel Zeit zu Hause verbringen. Schule ist für einige auch ein Schutzraum.

Was würden Sie der Kultusministerin Susanne Eisenmann empfehlen?

Natürlich sehe auch ich die gesundheitliche Situation als vorrangig an. Aber ich finde es wichtig, dass – auch wenn Schule reduziert werden muss – die Kinder regelmäßig kommen, am besten jede Woche. Diese Verlässlichkeit würde viel bringen. Auch Verbindlichkeit halte ich für wichtig, denn so ticken Schüler nun mal.

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