Corona im Kreis Böblingen 4000 Menschen können Corona-Antikörper bestimmen lassen

Das Blut für den Test kommt aus dem Finger Foto: Schittenhelm

Der Landkreis spielt erneut Pilotregion bei der Pandemiebekämpfung. Ab Mittwoch können 4000 Menschen ihre Corona-Antikörper bestimmen lassen. Was bringt das?

Kreis Böblingen - Wenn es darum geht, die Poleposition im Kampf gegen Corona zu besetzen, dann ist der Holzgerlinger Apotheker Björn Schittenhelm ganz vorne mit dabei. Sein neuestes Projekt: erforschen, wie es um die Immunabwehr der Bürgerschaft im Landkreis steht. Einen Hinweis darauf gibt die Anzahl der Antikörper gegen das Coronavirus, die der Organismus aufgebaut hat. 4000 Kreisbewohner können diese nun in den fünf Test- und Impfzentren (TIZ) des Landkreises ab sofort bestimmen lassen. Kostenlos.

 

Normalerweise kostet der Test vierzig bis fünfzig Euro

Möglich wird dieses bundesweit einmalige Modellprojekt durch eine Kooperation Björn Schittenhelms mit dem Berliner Startup-Unternehmen Doctorbox, das einen Antikörpertest entwickelt hat, den es in den Apotheken auch zu kaufen gibt. Der Unterschied zu den herkömmlichen Tests, die es bei den Hausärzten gegen Bezahlung gibt: Das notwendige Untersuchungsmaterial wird nicht durch eine Blutabnahme gewonnen, sondern durch einen Ritzer in die Fingerkuppe – ähnlich wie beim Blutzuckernachweis. 4000 solcher Tests, die normalerweise 40 bis 50 Euro kosten, wurde Schittenhelm und seinen Kollegen nun von Doctorbox zur Verfügung gestellt.

Wissenschaftlicher Feldversuch oder PR-Aktion?

Wissenschaftlicher Feldversuch, ein weiteres wichtiges Instrument im Kampf gegen die Pandemie oder pfiffige PR-Aktion? „Von allem etwas“, erwidert Björn Schittenhelm. Klar, sagt er, hätte der Testanbieter damit auch den Markt im Blick. Für Björn Schittenhelm steckt aber mehr hinter dieser Aktion. Er erhofft sich nicht nur für die Teilnehmenden genauere Hinweise über ihren Immunstatus. Auch weitere wichtige Erkenntnisse für die künftige Strategie in der Pandemie sollen damit gewonnen werden. Denn die ist für den Apotheker trotz abflauender Welle und anstehendem Frühling noch lange nicht vorbei. „Wenn wir nichts tun, dann haben wir für den kommenden Herbst schlechte Voraussetzungen“, lautet Schittenhelms Überzeugung.

Die Datenlage ist katastrophal

Ein Schlüssel zur erfolgreichen Abwehr einer neuen Welle ist für ihn, zu erfahren, wer wie gut geimpft und gewappnet ist gegen das Virus. „Wir brauchen eine Datenbasis für den Herbst“, ist Schittenhelm überzeugt. Bisher gebe es keine Erkenntnisse über den Immunstatus der Menschen. Niemand wisse so genau, wie lange eine Infektion vor dem Virus schütze und wie lange die Impfung wirke. „Die Datenlage ist katastrophal – nicht nur im Landkreis“, kritisiert er.

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Ein Antikörpertest kann da laut Björn Schittenhelm Abhilfe schaffen und Licht in das Dunkel des Infektionsverlaufes bringen. „Wir könnten vor allem Menschen mit zu niedrigen Antikörperwerten herausfinden“, sagt er. Diese könnten dann informiert werden, dass sie über eine Impfung oder eine Auffrischung nachdenken sollten. „Dafür“, weiß der 38-jährige Apotheker, „ müssen wir nochmals richtig viel Geld in die Hand nehmen.“

Benötige ich eine erneute Auffrischungsspritze?

Dass die 4000 Tests, die nun im Landkreis zur Verfügung stehen, nicht dazu taugen, repräsentative Ergebnisse zu liefern, räumt Björn Schittenhelm ein. Er sieht die Aktion vielmehr als Impuls, um ein Signal an die Politik zu senden: „Lasst uns den Sommer nutzen“, müsse nun die Botschaft lauten, um mehr über den Immunschutz der Menschen zu erfahren und dann geeignete Maßnahmen zu ergreifen.

Rund 200 Tests pro Tag sind möglich

Der Landkreis mit seinen fünf großen Testzentren, hofft Björn Schittenhelm, könnte sich mit der Antikörper-Testaktion für eine große, bundesweite Studie empfehlen. „Die Infrastruktur hierfür haben wir“, versichert Schittenhelm, „wir benötigen nur noch jemanden, der das bezahlt.“

Rund 200 Tests pro Tag können in den fünf Testzentren insgesamt durchgeführt werden. Das Angebot wendet sich vor allem an all diejenigen, die wissen wollen, ob der Zeitpunkt für eine Auffrischungsimpfung gekommen ist, Genesene können erfahren, wie hoch ihre Virusabwehr noch ist. Die Tester weisen darauf hin, dass eine absolute Aussage zur Immunität damit nicht gegeben werden kann. Denn für den Schutz vor Corona, sind auch noch weitere Faktoren wie T-Zellen und sogenannte Gedächtniszellen verantwortlich.

Die Antikörpertestungen sind über die Seiten der Testzentren online buchbar. Einen Überblick gibt es auf der Homepage des Landratsamtes unter www.lrabb.de/start/Aktuelles/testzentren.html

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