Corona im Kreis Esslingen Ärzteschaft sieht planlose Politik am Werk

Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte  sehen sich durch die Ankündigung des Gesundheitsministers Jens Spahn bei der Impfkampagne ausgebremst. Foto: Wilhelm Mierendorf
Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte sehen sich durch die Ankündigung des Gesundheitsministers Jens Spahn bei der Impfkampagne ausgebremst. Foto: Wilhelm Mierendorf

In einem Offenen Brief an den Noch-Bundesgesundheitsminister Jens Spahn warnen die niedergelassenen Ärzte im Landkreis Esslingen vor einer Verknappung des Biontech-Impfstoffs.

Esslingen: Thomas Schorradt (adt)
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Kreis Esslingen - Der Geschäftsführende Bundesgesundheitsminister, Jens Spahn (CDU), will die Zuteilung des Impfstoffs des Herstellers Biontech rationalisieren. Die Praktiker in den Praxen lassen kein gutes Haar an dieser Ankündigung vom Freitag. Nicht nur die Verknappung des derzeit meist verimpften Vakzins stößt auf das Unverständnis der niedergelassenen Ärzte. Auch die auf das Impftempo der Hausärzte zielende flapsige Bemerkung des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministers Karl-Josef Laumann (CDU) „statt Golfplatz am Samstag, impfen am Samstag“ bringt den Berufsstand auf die Palme. Der Vorsitzende der Nürtinger Kreisärzteschaft, Wolf-Peter Miehe, wehrt sich gegen das „Ärzte-Bashing“ und unterstellt der Politik, die Aufmerksamkeit von ihren Fehlern ablenken zu wollen.

„Meine Kolleginnen und Kollegen haben unter größtem Einsatz tausende Impftermine bis Weihnachten zusätzlich geschaffen. Alleine in meiner Praxis sind es rund 1100“, rechnet Miehe vor. Bei 80 Wochenstunde denke niemand an Golf. „Wir verlassen morgens das Haus bei Dunkelheit und kommen abends bei Dunkelheit nach Hause“, so der Ärztesprecher.

Ärzte sind „von der Nachricht schockiert“

Miehe verweist auf einen Offenen Brief, den sein Kollege Jochen Maier, der Schriftführer der Ärzteschaft Nürtingen, als Stellungnahme der Vereinigung jetzt an Spahn gerichtet hat. In den Schreiben zeigt sich Maier, der als niedergelassener Hausarzt in einer Gemeinschaftspraxis in Nürtingen arbeitet, von der Nachricht über die Kontingentierung des Biontech-Impfstoffes schockiert. Sie verlangsame die von den Hausärzten mit Nachdruck befeuerte Impfkampagne in gravierender Weise. Maier weist darauf hin, dass die Ärzte sich auf Biontech eingerichtet haben und auch die Patienten entsprechend informiert hätten. Einschließlich des Aktionstags am Samstag würden in seiner Praxis in dieser Woche mehr als 300 Impfungen durchgeführt. Bis Jahresende seien weitere 180 pro Woche eingeplant. „Zusätzliche Terminfenster saugen wir uns aus den Fingern“, so Maier. Alle Abläufe, wie die Aufklärungsbogen, die Abrechnungsziffern, die Chargennummern und die Zeiteinteilung seien zuletzt nur auf die Verabreichung von Biontech optimiert worden. „Woher soll da Zeit für die Neuorganisation und Aufklärung kommen, wenn zunehmend an Corona erkrankte Patienten abgestrichen und behandelt werden müssen“, so der Arzt. „Man fragt sich ja fast, ob diese Änderung uns Niedergelassene vom Impfen abhalten soll, damit überteure Impfzentren erneut zum Zuge kommen“, mutmaßt Maier, der im Namen der Kreisärzteschaft fordert, den Missstand schnellstmöglich zu korrigieren.

Schützenhilfe von der Landesärztekammer

Schützenhilfe bekommen die Mediziner im Landkreis von der Landesärztekammer Baden-Württemberg. Die Standesvertretung der mehr als 70 000 Ärztinnen und Ärzte im Land bezeichnet die Entscheidung Spahns als planlos und unüberlegt. Sie sorge für eine maximale Verunsicherung in der Ärzteschaft und bei den impfwilligen Bürgern. Der Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg, Wolfgang Miller, weist darauf hin, dass die Krankenhäuser im ganzen Land seit Monaten über der Belastungsgrenze liegen und auch die Teams in den Praxen bis zum Umfallen arbeiten würden. „Dass das Impfen in den letzten Wochen und Monaten nur langsam vorangegangen ist, liegt nicht an der Unfähigkeit der Ärztinnen und Ärzte. Wir sind nicht verantwortlich für die jüngsten Fehleinschätzungen der Politik und schon gar nicht für eine nach wie vor große Impfskepsis“, so Miller.

„Genügend Impfstoff da“

Der so heftig Gescholtene verteidigt sich mit dem Hinweis auf befürchtete Engpässe bei der Lieferung von Biontech-Impfstoffen. Die Nachfrage sei wahnsinnig gestiegen in den vergangenen zwei Wochen. „Unser Biontech-Lager laufen gerade leer“, rechtfertigte sich der Noch-Minister am Wochenende. „Das hätten wir klarer kommunizieren müssen“, räumt er ein. Die entscheidende Botschaft sei aber: „Impfstoff ist genügend da.“ Es gebe mit dem Impfstoff von Moderna eine gute, genauso wirksame Alternative.

„Rückgrat der Versorgung“

Corona-Impftag
 In ganz Baden-Württemberg soll es am Samstag, 27. November, einen zusätzlichen Corona-Impftag unter dem Motto „Wir impfen für Ihr Leben gern“ geben. Organisiert wird er von den niedergelassenen Hausärzten im Land, die so die aktuelle Impfkampagne unterstützen wollen. Nach Einschätzung des Hausärzteverbands Baden-Württemberg sind die Hausärzte seit Beginn der Pandemie „das Rückgrat der Versorgung“. Sie stünden seit Monaten unter Dauerbelastungen, zurzeit noch mehr wegen des aktuellen Impfgeschehens. Mit dem Aktionstag sollen auch die Sprechstunden entlastet werden.

Ärztekammer
 Die Landesärztekammer Baden-Württemberg vertritt die rund 70 000 Ärztinnen und Ärzte in Baden-Württemberg. Zu ihren Aufgaben gehören die Fort- und Weiterbildung, die Berufsaufsicht, die Qualitätssicherung sowie die Information von Bürgerinnen und Bürgern über die ärztliche Tätigkeit und berufsbezogene Themen. 




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