Corona-Impfstoffe Wie gut schützen Impfungen vor Delta?

Israel liegt bei den Impfungen gut im Rennen. Trotzdem gibt es wieder mehr Infektionen. Foto: AFP/JACK GUEZ

Die ansteckende Virusvariante bereitet dem Impfweltmeister Israel immer größere Probleme. Die Zahl der Neuinfektionen steigt wieder – und betroffen sind auch etliche Geimpfte.

Wissen/Gesundheit: Werner Ludwig (lud)

Stuttgart - In Israel steigen die Corona-Neuinfektionen wieder deutlich an, obwohl schon fast 60 Prozent der Menschen zweimal mit dem Biontech-Vakzin Comirnaty geimpft worden sind. Experten führen die Entwicklung vor allem auf eine verringerte Wirksamkeit der Impfungen gegen die Delta-Variante zurück. Wir beantworten die wichtigsten Fragen dazu.

 

Wie ist die aktuelle Lage in Israel?

Am Dienstag wurden rund 500 Neuinfektionen gemeldet. Die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100 000 Einwohner liegt bei 26, nachdem sie im Juni teilweise unter eins gefallen war. Angesichts des neuen Anstiegs wurden einzelne Coronamaßnahmen wieder verschärft. Aktuell stecken sich viele jüngere Menschen an, die großteils nicht oder unvollständig geimpft sind. Was Experten besondere Sorgen bereitet, ist der hohe Anteil geimpfter Personen unter den Neuinfizierten. Berichten zufolge soll er bei rund 50 Prozent liegen. Auf der anderen Seite schlägt sich der Anstieg der Infektionszahlen bislang nicht in einer Zunahme von Krankenhauseinweisungen oder Todesfällen nieder.

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Welche neuen Erkenntnisse gibt es zur Wirksamkeit des mRNA-Impstoffs Comirnaty von Biontech/Pfizer?

Aktuellen Daten aus Israel zufolge schützt das Vakzin nicht so gut vor Infektionen mit der Delta-Variante wie vor Ansteckungen mit dem ursprünglichen Coronavirus oder der (britischen) Alpha-Variante. Seit dem 6. Juni habe sich die Wirksamkeit des Vakzins mit Blick auf eine Corona-Infektion mit Symptomen auf 64 Prozent verringert, teilte das israelische Gesundheitsministerium mit, verwies aber zugleich darauf, dass die Datenbasis noch vergleichsweise dünn sei. Im Februar, also vor der Ausbreitung der Delta-Variante, hatte das Ministerium die Wirksamkeit mit gut 95 Prozent angegeben. Dieser Wert war auch in den Zulassungsstudien erreicht worden, in denen Virusvarianten ebenfalls noch keine Rolle gespielt hatten. Allerdings haben doppelt mit Comirnaty Geimpfte den Angaben zufolge immer noch ein um 93 Prozent geringeres Risiko als Ungeimpfte, schwer an Corona zu erkranken oder ins Krankenhaus zu müssen. Vor dem Aufkommen der Delta-Variante lagen die entsprechenden Werte nur wenige Prozentpunkte höher.

Wie sieht es bei anderen Vakzinen aus?

Bei Vaxzevria von Astrazeneca liegt die Wirksamkeit gegen eine Infektion mit Delta der britischen Gesundheitsbehörde zufolge nach zwei Dosen bei rund 60 Prozent. Das Risiko schwerer Krankheitsverläufe wird demnach um 92 Prozent verringert. Für den mRNA-Impfstoff von Moderna liegen noch keine Daten zur Schutzwirkung unter Praxisbedingungen vor. Der Hersteller verweist aber auf Labortests, in denen Blutserum von Geimpften eine gute Wirkung gegen alle bekannten Virusvarianten gezeigt habe. Auch zu Johnson & Johnson wurden noch keine Daten veröffentlicht. Scott Gottlieb, Ex-Chef der US-Arzneimittelbehörde FDA, hält Berichte über eine Wirksamkeit von rund 60 Prozent für plausibel – gegenüber 67 Prozent bei der Alpha-Variante.

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Wie sind die verringerten Wirksamkeitswerte zu interpretieren?

Mit Blick auf den individuellen Gesundheitsschutz ist der nur leichte Rückgang beim Schutz vor schweren Krankheitsverläufen durch die Delta-Variante positiv zu werten. Eine Wirksamkeit von mehr als 90 Prozent bedeutet, dass das Risiko einer schweren Covid-Erkrankung bei vollständig Geimpften gut zehnmal kleiner ist als bei Ungeimpften. Entsprechend gering ist auch das Risiko von Krankenhauseinweisungen oder coronabedingten Todesfällen.

Aus epidemiologischer Sicht könnte eher der spürbar schwächere Schutz vor Infektionen mit Corona für Probleme sorgen. Wer sich infiziert, wird zwar in den meisten Fällen nicht schwer krank oder bleibt teilweise sogar symptomfrei, kann aber das Virus trotzdem auf andere Menschen übertragen. Und mehr Infektionen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass neue Virusvarianten entstehen, welche die Impfwirkung weiter verschlechtern. Spätestens dann wäre eine Auffrischung mit angepassten Vakzinen erforderlich.

Welche Rolle spielt die zweite Dosis?

Wer erst eine Dosis Comirnaty oder Astrazeneca erhalten hat, ist deutlich schlechter vor Infektionen und schweren Verläufen in Zusammenhang mit der Delta-Variante geschützt. Hier lag die Wirksamkeit britischen Daten zufolge jeweils nur bei gut 33 Prozent. Das erklärt die Appelle deutscher Mediziner und Politiker, auch den zweiten Impftermin wahrzunehmen. Zudem wurde der Zeitabstand zwischen den Impfterminen verkürzt, um schneller den vollen Schutz zu erreichen. Wer bereits eine Dosis Astrazeneca erhalten hat, soll wegen der höheren Wirksamkeit beim zweiten Termin ein mRNA-Vakzin von Biontech oder Moderna erhalten.

In Afrika und Indien gibt es derzeit viel Ärger um den dort eingesetzten Impfstoff Covishield. Was steckt dahinter?

In der Afrikanischen Union und in Indien wird hauptsächlich der Corona-Impfstoff Covishield eingesetzt. Er ist identisch mit Vaxzevria von Asrtrazeneca und wird als Lizenzprodukt beim indischen Serum Institute hergestellt. Im Gegensatz zu Vaxzevria hat Covishield keine formale Zulassung der europäischen Arzneimittelagentur EMA. Wer vollständig mit diesem Vakzin geimpft ist, bekommt daher bislang keinen digitalen EU-Impfpass ausgestellt. Die Afrikanische Union sieht darin eine Diskriminierung afrikanischer Reisender. In Medienberichten war von Impf-Apartheid die Rede. Inzwischen haben Deutschland und neun weitere EU-Länder Covishield zumindest auf nationaler Ebene anerkannt.

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