Corona-Impfungen für Menschen mit Behinderung Sie sind besonders gefährdet

Elke Dannhauer lebt in einer Wohngruppe des Caritasverbands in Stuttgart. Vor Kurzem wurde sie von einem mobilen Team gegen Corona geimpft. Foto: privat

In Einrichtungen, in denen Menschen mit Behinderung leben und arbeiten, beginnt das Impfen gegen das Coronavirus. Doch obwohl die Sterblichkeit bei Menschen mit Trisomie 21 zum Beispiel extrem hoch ist, wollen sich nicht alle impfen lassen. Das hat Gründe.

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Stuttgart - Wenige Tage vor dem großen Tag kann Elke Dannhauer es kaum mehr erwarten, bis ihr jemand die Spritze am Oberarm ansetzt. „Dann geht endlich das Virus weg“, sagt die 79-jährige Stuttgarterin, die eine Behinderung hat. Sie lebt in einer Wohngruppe des Caritasverbands in Stuttgart-Zuffenhausen. Seit inzwischen 13 Monaten herrscht dort Ausnahmezustand, womöglich noch mehr als überall sonst.

 

Das Sterberisiko mit Trisomie 21 ist um das Zehnfache höher

Menschen mit Behinderung haben ein erhöhtes Risiko auf einen schweren Coronaverlauf, bis hin zum Tod. Im Dezember 2020 infizierten sich sechs Personen aus einer der Caritas-Wohngruppen mit Corona, drei davon starben. Sie alle hatten Trisomie 21, das Downsyndrom. Laut einer britischen Berechnung ist das Sterberisiko bei Menschen mit Downsyndrom um das Zehnfache höher als beim Rest der Bevölkerung, wenn sie sich mit Corona infizieren. Das Risiko auf einen Krankenhausaufenthalt wegen Covid-19 liegt um das Fünffache höher. Auch deshalb ist es für viele schwer nachvollziehbar, warum Menschen mit Behinderung in die zweite Kategorie beim Impfen eingeordnet wurden und nicht in die erste.

Und es gibt noch ein Problem: Bei einigen Menschen liegt deren Behinderung in einem nachgewiesenen Impfschaden begründet. Dazu kommen noch deutlich mehr, bei denen Ärzte oder Angehörige eine Impfung als Ursache vermuten. Diese Menschen sowie deren Familien stehen Impfungen naturgemäß skeptisch gegenüber, auch den Vakzinen gegen Corona. Wenn nun also in Einrichtungen, in denen Menschen mit Behinderung leben und arbeiten, das Impfen beginnt, bedeutet dies für einige eine Risikoabwägung: Geht man das Risiko einer Impfung ein, die eine Behinderung womöglich verstärken könnte? Oder geht man das Risiko ein, sich zu infizieren und weitere Menschen anzustecken, was mehrere Todesfälle zur Folge haben könnte?

Fast alle haben gesetzliche Betreuer

Elke Dannhauer sowie viele ihrer Betreuer und Mitbewohnerinnen setzen vor allem große Hoffnungen in die Impfung gegen das Coronavirus. „Wir freuen uns, wenn wir dann endlich wieder gemütlich Eis essen oder spazieren gehen können“, sagt die 79-Jährige. Jürgen Rost, der Leiter des Wohnverbunds Zuffenhausen sowie des Projekts Barrierefrei Gesund beim Caritasverband, drückt es so aus: „Man kocht viel im eigenen Saft, wenn nicht einmal mehr Kaffeenachmittage anderswo stattfinden können.“ Seit einem Jahr dürfen sich die Bewohner der Wohngruppen nicht mehr begegnen, wenn sie auf unterschiedlichen Stockwerken leben. Der Alltag findet ausnahmslos mit Masken statt. Und die Mitarbeiter tragen Schutzkleidung – obwohl sie immer Wert darauf gelegt hatten, durch Alltagsklamotten zu signalisieren, dass in den Wohngruppen eben gewohnt und nicht nur gearbeitet wird.

Am Sonntag vor Ostern war es schließlich so weit: Ein mobiles Impfteam kam nach Zuffenhausen und impfte 135 Menschen: Menschen mit Behinderung, aber auch Mitarbeiter. Für Jürgen Rost war dies ein glücklicher, aber auch anstrengender Tag. „98 Prozent unserer Klienten stehen unter gesetzlicher Betreuung“, erklärt er. Die Betreuer übernehmen meist Rechtsgeschäfte und Vermögensfragen für Menschen, die das nicht selbst können. Deshalb musste Jürgen Rost vor dem Impftermin knapp 100 Briefe mit je rund zehn Seiten in die Post geben. Er benötigte die Zustimmungserklärungen der Angehörigen oder der gesetzlichen Betreuer – und das kurzfristig. Nicht alle haben es rechtzeitig geschafft, diese Unterlagen vollständig ausgefüllt zurückzusenden. Zwei Personen konnten daher nicht geimpft werden.

Manche Menschen wurden von den Ärzten im Bett geimpft

Dennoch sagt Rost: „Ich bin von großer Dankbarkeit erfüllt, dass es nun überhaupt geklappt hat.“ Was er besonders wertschätzt: Die Ärzte hätten nicht darauf bestanden, alle am selben Ort zu impfen, sondern seien auch dahin gegangen, wo die Bewohner eben gerade waren – etwa zu einer Frau, die aufgrund von Ängsten ihr Bett schwer verlassen kann.

Von Normalität ist man in Zuffenhausen dennoch weit entfernt. Das liegt nicht nur, aber eben auch daran, dass sich 17 Menschen nicht impfen lassen wollten, „vor allem jüngeres Klientel oder Menschen mit neurologischen Vorerkrankungen“, erläutert Rost. Er habe im Vorhinein viel mit Bewohnern diskutiert, die eine große Impfskepsis in sich trugen, „aber an manche kommt man nicht ran“. Froh sei er über die veränderte Einstellung unter den Mitarbeitern: „Bei der ersten Umfrage haben nur 25 Prozent eine Impfbereitschaft signalisiert, zuletzt waren es um die 75 Prozent.“

Lebenshilfe empfiehlt die Impfung gegen Corona

„Ein Diskussionsthema ist das Impfen überall“, sagt auch Eva Schackmann, die Sprecherin der Lebenshilfe Stuttgart. Generell empfehle die Lebenshilfe die Impfung, aber gezwungen werde niemand. Die Lebenshilfe unterstütze nur, zum Beispiel mit Informationen, bei der Terminvereinbarung oder indem man mobile Impfteams zu sich hole.

Seit Kurzem stehen diese Termine auch für die Werkstätten fest; Ende April und Mitte Juni soll an den beiden Standorten geimpft werden. „Darüber sind wir sehr erfreut“, sagt die Sprecherin. Auch bei der Lebenshilfe ist jedoch nicht absehbar, dass danach Lockerungen in Kraft treten. Denn nicht alle werden sich impfen lassen.

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