Corona-Impfungen in Afrika Liberia liegt vor unserer Haustüre

Nur ein geringer Prozentsatz der Gesamtbevölkerung Afrikas wurde bisher gegen das Coronavirus geimpft. Foto: Difäm/Joel Schäfer

Die Omikron-Variante zeigt: Wenn es nicht gelingt, die Corona-Impfstoffe gerechter auf der Welt zu verteilen, steigt das Risiko, dass immer wieder neue Coronamutanten entstehen. Die Tübinger Ärztin Carina Dinkel will das ändern.

Wissen/Gesundheit: Werner Ludwig (lud)

Monrovia/Tübingen - Carina Dinkel hat alles richtig gemacht. Rechtzeitig vor dem Besuch des SDA Cooper Hospital in Liberias Hauptstadt Monrovia hat sie sich einem PCR-Test auf das Coronavirus unterzogen. Und natürlich hat sie im Auto noch mal sorgfältig ihre Hände desinfiziert. Als Ärztin weiß sie, wie wichtig Hygiene gerade im Krankenhaus ist. Doch wenige Schritte, nachdem Carina Dinkel die Pforte passiert hat, hört sie von hinten eine energische Stimme: „Stopp! Sie müssen sich die Hände waschen.“ Die Stimme gehört einer älteren Dame, die das Handwaschbecken am Eingang beaufsichtigt. Dinkel war in der Eile daran vorbeigelaufen.

 

„In Liberia gibt es überall Handwaschbecken“, sagt die Medizinerin. Sie stehen nicht nur an den Eingängen von Krankenhäusern, sondern auch in öffentlichen Gebäuden und Geschäften. Denn der Schutz vor Infektionskrankheiten hat in dem Land einen hohen Stellenwert. „Das hängt mit dem Ebola-Ausbruch in den Jahren 2014 und 2015 zusammen. Der ist in der Erinnerung vieler Menschen noch sehr präsent“, sagt Dinkel, die als Referentin für Gesundheitsdienste beim Deutschen Institut für Ärztliche Mission (Difäm) in Tübingen arbeitet.

Strenge Regeln

Die Erinnerung an Ebola erweist sich in der Coronapandemie als Vorteil. Die Akzeptanz von Hygienemaßnahmen sei in Liberia und anderen ehemaligen Ebola-Ländern wie Guinea und Sierra Leone sehr hoch, erzählt die 43-Jährige. Die Regeln seien oft strenger als bei uns und würden mit großer Disziplin befolgt. Bei ihrer letzten Reise nach Liberia ist Dinkel aufgefallen, dass selbst die Motorradtaxifahrer Masken tragen, obwohl sie sich die ganze Zeit draußen aufhalten. Infektionsschutz habe in Liberia im Zweifel mehr Gewicht als persönliche Freiheit. Das schlägt sich auch in vergleichsweise niedrigen Corona-Infektionszahlen nieder.

Dinkel kümmert sich um die Fortbildung von Ärzten und medizinischem Personal in Liberia und anderen Teilen Afrikas. „In einem unserer Projekte geht es um den Kampf gegen multiresistente Keime“, erzählt sie. Wichtige Gesprächsthemen sind dabei die Hygiene in Arztpraxen und Krankenhäusern oder der Umgang mit Antibiotika. „Die sind in Liberia frei verkäuflich und werden ziemlich sorglos und oft in wenig sinnvollen Kombinationen eingesetzt“, so Dinkel. Dadurch steige das Risiko von Antibiotikaresistenzen. Selbst nach einem positiven Coronatest würden oft standardmäßig Antibiotika eingenommen, obwohl diese Präparate gar nichts gegen eine Virusinfektion ausrichten können.

Vorbehalte gegen Impfungen

Seit Beginn der Pandemie hält Dinkel ihre Kurse fast nur noch online ab. Doch ganz ohne persönlichen Kontakt gehe es auch nicht. Deshalb hat die Ärztin zuletzt elf Tage in Liberia verbracht und Fortbildungen in Präsenz angeboten. „Wir saßen alle im Freien und hatten Masken auf“, berichtet sie. Dinkel ist hörbar begeistert vom Engagement der Teilnehmenden. Viele hätten eigene Projekte vorgestellt und mit den anderen darüber diskutiert. „Wir wollen den Leuten nicht sagen, was sie tun sollen – wir wollen, dass sie es selbst herausfinden.“

In jüngerer Zeit nehmen in den Schulungen die Impfungen gegen das Coronavirus viel Raum ein. „Anders als bei den allgemeinen Hygienemaßnahmen gibt es in vielen Ländern Afrikas große Vorbehalte gegen Impfungen“, berichtet Dinkel, die auch schon als Chefärztin in einem Krankenhaus in Tansania gearbeitet hat.

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Besonders weit verbreitet seien in Afrika Ängste vor negativen Folgen der Impfungen für Fruchtbarkeit und Schwangerschaft. In Liberia hat Dinkel Videoclips mit „unendlich vielen Falschinformationen“ gesehen, die auf zahlreichen Smartphones geteilt werden. „Sich unabhängig zu informieren ist in Afrika noch viel schwieriger als hier in Deutschland“, sagt Carina Dinkel. Um das Vertrauen in die Impfungen zu erhöhen, setzt Difäm bei der Aufklärung auch auf die Hilfe örtlicher Kirchenvertreter und anderer religiöser Führer, die dort über eine große Autorität verfügen.

Schwierige Impfstoffbeschaffung

Die Skepsis gegenüber den Corona-Impfungen ist aber nur die eine Hälfte des Problems. Die andere sind die Impfstoffknappheit. Die weltweite Covax-Initiative konnte sich bislang bei Weitem nicht die ursprünglich angepeilte Zahl von Impfdosen sichern. Und wenn Lieferzusagen kommen, dann oft sehr kurzfristig, was die Planung erschwert.

Noch schwieriger wird die Impfstoffbeschaffung durch die laufenden Boosterkampagnen in den reichen Ländern, was auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kritisiert. „Wenn Gruppen mit einem geringen Risiko für eine schwere Erkrankung oder den Tod Auffrischungsimpfungen verabreicht bekommen, gefährdet das einfach das Leben von Menschen mit hohem Risiko, die wegen Versorgungsengpässen noch auf ihre ersten Impfdosen warten“, empörte sich jüngst der WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus. In 41 Ländern seien noch nicht mal zehn Prozent der Bevölkerung geimpft.

Dinkel hofft dennoch, dass es gelingen wird, parallel zu den laufenden Aufklärungskampagnen genügend Impfdosen für Liberia und andere afrikanische Länder zu beschaffen. „Es ist wichtig zu impfen, solange die Fallzahlen niedrig sind.“ Viel schlechter sei es, in eine laufende Welle hinein zu impfen. Virologen gehen davon aus, dass die Kombination niedriger Impfquoten und hoher Infektionszahlen das Risiko der Entstehung neuer Virusvarianten wie zuletzt Omikron deutlich erhöht. „Und davon sind dann auch wieder die reicheren Länder betroffen.“ Der WHO-Chef drückt es so aus: „Wir sind erst sicher, wenn alle sicher sind.“

Aufklärung ist das Wichtigste

Zurzeit sind knapp zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung Liberias geimpft. Für das Gesundheitspersonal besteht jedoch eine Impfpflicht. „Je nach Einrichtung sind 80 bis 95 Prozent der Beschäftigten im Medizinsektor einmal geimpft.“ Dabei kam bis jetzt vor allem das Vakzin von Astrazeneca zum Einsatz. Für die Zweitimpfungen setzt Liberia wie viele andere Länder auf mRNA-Impfstoffe. „Das verunsichert manche dann wieder“, sagt Dinkel. Das Einzige, was dagegen helfe, sei noch mehr Aufklärung. Deshalb arbeitet die Medizinerin an neuen Informationsblättern zu den Impfungen.

Organisatorisch seien Liberia und viele andere afrikanische Länder gut gerüstet für eine Corona-Impfkampagne, meint Dinkel: „Von denen können wir noch was lernen.“ Die Verantwortlichen vor Ort könnten dabei auf dem Know-how aufbauen, das sie sich bei den Impfungen gegen Ebola erarbeitet haben. „Was gut funktioniert, sind zum Beispiel Haus-zu-Haus-Impfkampagnen.“ Dabei ziehen Impfteams aus staatlichen und kirchlichen Kräften mit Kühlboxen los und machen Hausbesuche. Wer noch nicht geimpft ist, kann dann gleich vor Ort seine Dosis bekommen. „Wichtig ist, dass solche Impfkampagnen rechtzeitig angekündigt werden und dass die Leute schon vorher für das Thema Impfen sensibilisiert wurden“, sagt Dinkel.

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Um den Zugang zu Impfstoffen in ärmeren Ländern zu verbessern, bauche es Produktionskapazitäten vor Ort, sagt die Difäm-Direktorin Gisela Schneider. Dazu müssten notfalls auch Patentrechte eingeschränkt werden: „Wir müssen die lokalen Gesundheitssysteme nachhaltig stärken – das ist der beste Schutz vor künftigen Pandemien.“

Keine Kontrollen in Deutschland

Die Kontrolle der Hygieneregeln funktioniert in Liberia jetzt schon ziemlich gut. Bei Gisela Dinkels Einreise aus dem Hochinzidenzgebiet Deutschland wollen die Sicherheitsleute nicht nur ihr negatives PCR-Testergebnis sehen. Sie muss sich auch gleich eine App aufs Handy laden, in der sie täglich ihre Körpertemperatur und eventuelle Covid-Symptome eintragen soll. „Deutsche Datenschützer wären wahrscheinlich entsetzt“, meint sie.

Auch bei der Ausreise aus Liberia muss Carina Dinkel einen aktuellen negativen PCR-Test vorlegen, der allein auf dem Weg zum Gate am Flughafen viermal kontrolliert wird. Bei der Einreise nach Deutschland wird sie dagegen weder nach ihrem Test noch nach ihrem Impfzertifikat gefragt.

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