Corona in Kliniken der Region Zahl der Intensivpatienten erreicht traurigen Rekord

Viel zu tun auf den Intensivstationen: Die Zahl der Patienten wächst, ebenso der Krankenstand beim Pflegepersonal. Foto: dpa/Frank Molter
Viel zu tun auf den Intensivstationen: Die Zahl der Patienten wächst, ebenso der Krankenstand beim Pflegepersonal. Foto: dpa/Frank Molter

Auf dem Höhepunkt der zweiten Welle mussten die Kliniken im Land 650 Intensivpatienten versorgen – jetzt wurde der traurige Spitzenwert erstmals überschritten. Auch Geimpfte sind jetzt stark betroffen.

Region: Kai Holoch (hol)
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Stuttgart - „Wir unternehmen alles, um zu verhindern, dass die Zahl der Intensivpatienten auch nur ansatzweise die Höchstmarke der zweiten Welle erreicht“: Gerade einmal drei Wochen ist es her, seit Pascal Murmann, Sprecher des baden-württembergischen Sozialministeriums, dieses Ziel ausgegeben hat. Seit Donnerstag ist klar, dass das Ziel nicht erreicht wurde: Hatten die Kliniken im Land auf dem Höhepunkt der zweiten Welle maximal 650 Intensivpatienten zu versorgen, so waren am 2. Dezember bereits 659 Covid-Erkrankte auf intensivmedizinische Hilfe angewiesen.

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Zwar könne man aktuell nicht mehr von einem exponentiellen Wachstum sprechen, erklärte am Donnerstag Götz Geldner, in Personalunion Ärztlicher Direktor der Klinik für Anästhesiologie im Klinikum Ludwigsburg und Koordinator der Versorgungscluster in Baden-Württemberg. Aber schon jetzt sei klar und unabwendbar, dass es mindestens bis Weihnachten weiter leicht steigende Covid-Patientenzahlen auf den Intensivstationen der Kliniken im Land geben werde. Aktuelle Modellrechnungen gehen, so Geldner, davon aus, dass man sich im Lauf des Dezembers zeitgleich um mindestens 700 Covid-19-Patienten kümmern müsse.

Beim Pflegepersonal wächst der Krankenstand

Bei der Bewertung dieser Zahlen muss man beachten, dass den Kliniken nach 20 Monaten Pandemie immer weniger Pflegepersonal zur Verfügung steht. Zudem hat der Krankenstand des Personals an manchen Orten Höchststände erreicht. Die Regionale Klinik-Holding, die unter anderem für den Kreis Ludwigsburg zuständig ist, etwa meldet, dass aktuell ein Viertel der Pflegerinnen und Pfleger nicht arbeiten könne. Das macht deutlich, wie prekär die Situation schon jetzt ist – und auf welche Engpässe die Krankenhäuser in den kommenden Wochen noch zusteuern könnten.

Alarmierende Meldungen kommen dabei aus fast allen Kliniken der Region. Die Medius-Kliniken im Landkreis Esslingen zählen aktuell deutlich mehr Intensivpatienten als zum Höhepunkt der zweiten Welle: „Die Situation ist wirklich katastrophal“, sagt der Sprecher Jan Schnack. Alle Kliniken versuchten, sich gegenseitig zu helfen, stoßen dabei aber immer wieder an Grenzen. Mittlerweile werden zehn Intensivpatienten aus Baden-Württemberg in anderen Bundesländern versorgt. „Aber auch das hat natürlich seine Grenzen“, betont Götz Geldner. Denn nicht immer sei es möglich, Intensivpatienten über weite Strecken zu verlegen.

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Letztlich ist jedes Haus auf sich angewiesen. Beispiel Böblingen: Stand Donnerstag hatte der Klinikverbund Südwest, der Kliniken in den Kreisen Böblingen und Calw betreibt, 94 Covid-Patienten, davon 24 auf Intensivstation. Damit werden knapp 40 Prozent der zur Verfügung stehenden Intensivbetten von Covid-19-Patienten benötigt. Ähnliche Zahlen melden auch andere Häuser in der Region.

Landesweit liegt der Schnitt der Covid-Patienten auf Intensivstationen bislang bei knapp 30 Prozent. Das ist der mit Abstand höchste prozentuale Anteil im gesamten Pandemieverlauf. Der Kliniksprecher des Klinikverbunds Südwest, Ingo Matheus: „Auch vor dem Hintergrund, dass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ja schon drei Wellen bewältigen mussten, ist die physische wie psychische Belastungsgrenze nicht nur auf den Intensivstationen, sondern in allen Bereichen der Kliniken mittlerweile weit überschritten.“

Dramatische Folgen für herzkranke Patienten

Die aktuelle Entwicklung habe aber auch für andere Patienten teilweise wirklich dramatische Folgen: Gerade im kardiologischen Bereich gebe es, so die Beobachtung, wieder vermehrt Patienten, die die Klinik trotz akuter Beschwerden aus Angst vor Corona nicht aufsuchten. Ingo Matheus: „Die Folge ist, dass somit zum Teil Herzinfarkte erst drei bis vier Tage später diagnostiziert und behandelt werden können. Oftmals sind die Schädigungen am Herzmuskel dann bereits massiv und irreversibel.“

Auch Mark Dominik Alscher, der Medizinische Geschäftsführer des Robert-Bosch-Krankenhauses (RBK), hält wenig von der Aufforderung, dass die Krankenhäuser nun ihre Notfallreserven melden sollen. Das laufe darauf hinaus, dass dann die gesamte Kliniktätigkeit auf Covid ausgerichtet werde. Man müsse aber weiter „auch die anderen Notfälle behandeln“. Das RBK werde sehr bald die bisherige Höchstzahl der Covid-Patienten erreichen.

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Geändert hat sich im RBK aber das Verhältnis von ungeimpften und geimpften Betroffenen. Inzwischen handle es sich bei fast einem Drittel der Covid-Patienten auf der Intensivstation um Menschen, die schon zweimal geimpft seien, und bei Impfdurchbrüchen gebe es nun auch schwere Verläufe. Das bestätigt Ingo Matheus vom Klinikverbund Südwest, wo acht der 24 Intensivpatienten geimpft sind. In Ludwigsburg hingegen sind geimpfte Patienten auf der Intensivstation nach wie vor die Ausnahme.




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