Corona in Leonberg Der Tag, an dem alles anders wurde

Von Thomas K. Slotwinski 

Vor drei Monaten wurde der erste Patient im Krankenhaus Leonberg positiv getestet. Danach änderten sich sämtliche Strukturen und Abläufe.

Michael Sarkar, der ärztliche Direktor des Leonberger Krankenhauses, im Foyer. Dort  ist jetzt die Fieberambulanz eingerichtet. Foto: factum/Simon Granville
Michael Sarkar, der ärztliche Direktor des Leonberger Krankenhauses, im Foyer. Dort ist jetzt die Fieberambulanz eingerichtet. Foto: factum/Simon Granville

Leonberg - Weiße Stellwände sind nicht nur für Messen und Ausstellungen gut. In Corona-Zeiten leisten sie auch in Krankenhäusern gute Dienste. Denn großflächige Eingangsbereiche sind seit einem Vierteljahr passé. Jetzt geht es darum, dass sich Patienten, Personal und Besucher nicht zufällig begegnen.

So besteht auch das Foyer der Leonberger Klinik zu einem großen Teil aus Absperrungen. Schon am Haupteingang müssen sich die Besucher in Listen eintragen. Das bedeutet nicht, dass alle ungehinderten Zugang haben. „Ein Patient darf maximal einen Besucher pro Tag empfangen“, erklärt Michael Sarkar. „Das sollte möglichst stets die selbe Person sein.“

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Grund für die strengen Vorschriften: „Je mehr Menschen in die Klinik kommen, desto größer ist die Gefahr, dass das Virus von außen hereingetragen wird“, erläutert der Ärztliche Direktor des Krankenhauses. „Die meisten Besucher und Patienten haben Verständnis dafür.“

Bis vor wenigen Tagen galt in allen Häusern des Klinikverbundes Südwest eine völlige Sperre: Nur bei Geburten durften die Väter in den Kreißsaal. Und auch von den Sterbenden konnten die Angehörigen Abschied nehmen. Ansonsten herrschte striktes Besuchsverbot.

Harte Regeln waren wichtig

Die harten Regeln haben sich gelohnt. „Wir haben im gesamten Krankenhaus bisher weder Infizierte beim Personal noch bei auswärtigen Personen“, sagt Sarkar mit hörbarem Stolz. Der Chef der unfallchirurgischen und orthopädischen Klinik führt dies vor allem auf die intensiven Schulungen zurück. Die Tropen- und Hygienemedizinerin Maria Koch hat das Personal zum Beispiel unterwiesen, wie man einen Schutzanzug korrekt anlegt. Denn mit den gängigen blauen Masken ist es nicht getan. Medizinisches und Pflegepersonal sind in einer Art Rüstung unterwegs, die den Laien eher an Raumfahrtanzüge denn an Klinikkleidung erinnern.

Im Krankenhaus selbst ist ebenfalls fast nichts mehr so, wie es einmal war. „In der Anfangszeit haben wir eine Fieberambulanz im Pavillon eingerichtet“, berichtet Michael Sarkar. Für den medizinischen Chef des Krankenhauses eine „Luxussituation“, liegt doch die bisherige Caféteria außerhalb der eigentlichen Klinikgebäude, konnte also ideal isoliert werden.

Der Höchststand der Krise

Hier wurde bei Patienten mit Corona-Symptomen die Temperatur gemessen. War diese niedrig, so kamen sie in eines der Testzentren in Sindelfingen oder Herrenberg. Erkrankte wurden direkt im Haus in Einzelzimmern isoliert.

„Um genügend Platz zu haben, mussten wir ganze Stationen leerräumen“, erinnert sich Sarkar an die anstrengenden Tage im März. Betroffen war zunächst seine eigene: die Unfallchirurgie. Um vorsorglich Platz für bis zu 80 Covid-Patienten zu schaffen, wurden die anderen Kranken über das ganze Haus verteilt.

Am 18. März, also fast auf den Tag genau vor drei Monaten, wurde der erste Patient in Leonberg positiv getestet. Zwei Verdachtsfälle gab es damals. Nur zwei Wochen später war die Lage deutlich besorgniserregender: 14 nachgewiesene und zehn Verdachtsfälle verzeichneten die Ärzte am 6. April. Der Höchststand der Krise war erreicht.

Michael Sarkar und der Regionaldirektor Christoph Rieß saßen täglich in gleich mehreren Krisenstäben: im hauseigenen und im verbundübergreifenden Gremium. Um Raum für mehr Intensivbetten zu bekommen, wurden der Schockraum in der zentralen Notaufnahme und der Links-Herz-Katheder verlegt. Die Zahl der Intensivbetten mit Beatmung wurde von acht auf 16 verdoppelt. Planbare Operationen bei anderen Diagnosen wurden bis auf weiteres verschoben.

„Natürlich wurden alle medizinisch notwendigen Operationen oder Notfälle, etwa Knochenbrüche, vollumfänglich versorgt“, versichern Rieß und Sarkar. Gleichwohl wurde die Hälfte der vier OP-Säle für die Betreuung der Corona-Patienten genutzt.

Rieß: Schnell zurück zum Regelbetrieb

Der Verzicht auf die normalen Operationen belastet die ohnehin angespannte Situation des Klinikverbundes noch stärker. Christoph Rieß beziffert die Einnahmeverluste für sämtliche Häuser auf 2,9 Millionen Euro. „Deshalb müssen wir so schnell wie möglich zum Regelbetrieb zurück“, sagt der Regionaldirektor.

Einem Großteil der Patienten, deren Operationen abgesagt werden mussten, wurden bereits neue Termine angeboten. „Doch längst nicht alle sagen sofort zu“, hat der Krankenhausmanager beobachtet. „Viele haben berufliche Verpflichtungen, andere trauen sich offenbar nicht.“

In der Tat: Gebannt ist die Corona-Gefahr längst noch nicht. Zwar ist die Fieberambulanz mittlerweile in kleinerer Form vom Pavillon ins Foyer umgezogen. Auch die Ausnahmesituation im Gesamthaus nimmt ab. Die Stationen sind wieder auf den gewohnten Stockwerken. In den vier OP-Sälen herrscht Normalbetrieb.

Doch selbst wenn die Coronawelle dauerhaft abebbt, steht den Leonberger Medizinerstrategen dauerhaftes Arbeiten im Ausnahmezustand ins Haus. Mitten in der Krise haben die Vorbereitungen für die Sanierung des Gesamthauses begonnen. Mit 72,5 Millionen Euro wird die Klinik zukunftsfit gemacht. Geld, das Rieß und Sarkar für bestens angelegt halten: „Die Pandemie zeigt, wie wichtig dezentrale Strukturen sind. Wir haben in der Versorgung eine hohe Relevanz und brauchen uns nicht zu verstecken.“




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