Corona in Shanghai Lockdown hat Folgen für Südwest-Wirtschaft

Absoluter Stillstand, wo sonst geschäftiger Betrieb herrscht: Ein Kontrolleur in Schutzanzug überwacht den Verkehr. Foto: dpa/Chen Si

Die Industrie in Baden-Württemberg wird bald unter den Auswirkungen der rigorosen Corona-Beschränkungen in Shanghai leiden. Leitet dies und der Krieg in der Ukraine einen generellen Kurswechsel ein?

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Von „abenteuerlichen Umständen“ berichtet der Mitarbeiter einer schwäbischen Zuliefererfirma (deren Name nicht genannt werden soll) in Shanghai. So stand vorige Nacht um drei Uhr die Polizei vor seiner Tür, um schon wieder einen Covid-Test zu machen. Die Nervosität der Behörden ist enorm groß – sie werden immer rigoroser. Der wegen der Pandemie auf unbestimmte Zeit verlängerte Lockdown führt dazu, dass auch Standorte deutscher Unternehmen nur deswegen eingeschränkt weiterarbeiten können, weil die Mitarbeiter wochenlang auf dem Firmengelände wohnen – würden sie es verlassen, dürften sie nicht zurück.

 

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„Seit etwa zwei Wochen liegt das wirtschaftliche Leben in Shanghai, insbesondere was die Produktion betrifft, mehr oder weniger darnieder“, sagt Ulrich Ackermann, Leiter der Abteilung Außenwirtschaft beim Maschinenbauverband VDMA. Mehr als 20 Städte im Land sind im Lockdown, doch in Shanghai sind 70 Prozent der in China tätigen Unternehmen angesiedelt – das sind etwa 2150 Firmen. Dies trifft nicht nur die Automobilindustrie – auch für den Maschinenbau ist Shanghai das Zentrum der Produktion; etwa die Hälfte der deutschen Aktivitäten im Maschinenbau findet in diesem Großraum statt.

Herzkammer der deutschen Unternehmen in China

„Die Provinz ist die Herzkammer der deutschen Unternehmen in China“, betont Südwestmetall-Geschäftsführer Tim Wenniges. „Somit wird der Lockdown massive Auswirkungen haben, die man noch nicht alle im Einzelnen beschreiben kann.“ Die Dominoeffekte beginnen schon bei den fehlenden Lkw-Fahrern, sodass keine Vorprodukte mehr in die Werke kommen. Die innerchinesische Logistikkette ist unterbrochen. „Und wenn nichts nachkommt, nützt es nichts, dass große Anstrengungen unternommen werden, um die Häfen geöffnet zu halten.“

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Momentan gehen die Lockdown-Folgen noch im großen Durcheinander unter, „weil sie auf all die Krisen, die wir ohnehin haben, obendrauf kommen“, wie Wenniges meint, der selbst drei Jahre lang in China tätig war. Klar ist aber, dass sich die Verzögerungen wegen der engen Lieferbeziehungen „in zwei bis drei Monaten hier bemerkbar machen müssen – das ist praktisch nicht mehr zu verhindern, weil fast nichts mehr produziert und abgefertigt wird“, sagt Ackermann.

„Der totale Stresstest“

Somit könnten die Störungen der Lieferketten, die es hierzulande zu Beginn der Pandemie schon mal gegeben hat, sich wiederholen und die Firmen zusätzlich zu allem anderen belasten – angefangen von hohen Fehlzeiten wegen Corona über Probleme mit der Produktion wegen fehlender Teile oder Rohstoffe bis hin zum Krieg in der Ukraine. „Das ist für die Firmen der totale Stresstest“, sagt der VDMA-Außenwirtschaftsexperte. Und es sei zu erwarten, dass immer wieder eine neue Millionen-Stadt in den Lockdown versetzt werde, solange Peking seine drastische Null-Covid-Strategie verfolgt – mit mehr oder weniger großen Auswirkungen.

Die Unternehmen sind leidgeprüft, was ihre Beziehungen zu China in der Pandemie angeht. Bald könnte ein Wendepunkt erreicht sein: der Versuch, sich etwas von dem Markt zu lösen. Dazu trägt womöglich auch der russische Einmarsch in der Ukraine bei. Denn „Peking hat sich eigentlich entschieden, auf der Seite Putins zu stehen“, wie Ackermann meint. Wenn China aber bei einem anhaltenden Krieg „im großen Stile gegen westliche Sanktionen verstößt, dann werden die Amerikaner dagegen vorgehen – das heißt Sanktionen, am Ende auch für uns“. Denn solchen Maßnahmen könnten sich die deutschen Firmen nicht entziehen.

Importe aus China sollen verringert werden

Dies würde das Umdenken wohl forcieren. Gerade erst hat das Münchner Ifo-Institut eine Umfrage veröffentlicht, wonach die deutschen Industriefirmen ihre Abhängigkeit abbauen wollen. „46 Prozent aller Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes geben an, aus China bedeutsame Vorleistungen zu beziehen“, heißt es dazu. „Von diesen Unternehmen plant fast jedes zweite, diese Importe aus China zu verringern.“

Angesichts der geopolitisch schwierigen Situation glaubt der VDMA-Fachmann Ackermann, „dass man in vielen, zumindest größeren Unternehmen anfängt, noch mal strategischer das Thema anzugehen“. Viele würden sich „unter dem Eindruck des Krieges und der Reaktion Pekings noch mal mehr Gedanken machen über China und das, was sie dort in Zukunft machen wollen“.

VDMA versucht, einen Wandel einzuleiten

Heute werde in Ministerien und Parteien viel von Diversifizierung der Lieferketten gesprochen und der Notwendigkeit, sich mit gleichgesinnten Nationen zusammenzutun. „Das haben wir schon vor Jahren gesagt – nur passiert ist wenig“, betont Ackermann. „Wir versuchen unseren Firmen schon seit Längerem klarzumachen, dass das China-Geschäft auf mittlere Sicht nicht ohne Risiken ist.“ Als Verband könne der VDMA Handlungsoptionen aufzeigen, doch müsse jedes Unternehmen selbst überlegen, wie es damit umgeht.

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