Leichtathletik in der Corona-Krise Die meisten Silvesterläufe fallen aus

Auch der traditionsreiche Bietigheimer Silvesterlauf fällt ins Wasser. Foto: Baumann
Auch der traditionsreiche Bietigheimer Silvesterlauf fällt ins Wasser. Foto: Baumann

Die meisten der sonst etwa 100 000 Silvesterläufer müssen sich wegen der Corona-Pandemie eine Alternative suchen.

Stuttgart - Karneval in Trier mit Sambatänzerinnen und Konfetti, Trommler und Blaskapellen in Bietigheim, Guggenmusiker und Fasnetsstimmung im Backnanger Totengässle – Silvesterläufe waren zuletzt Volksfeste, bei denen Sportler und Zuschauer in Hochstimmung den Jahresabschluss feierten. Im Coronajahr ist jedoch alles anders. Die meisten der rund 100 Silvesterläufe fallen der Pandemie zum Opfer, rund 100 000 Läuferinnen und Läufer sind 2020 in Quarantäne.

Der Silvesterlauf in Trier gilt seit Jahren als das deutsche Sao Paulo. Mit seiner außergewöhnlichen Stimmung und zahlreichen Topathleten zog er rund 20 000 Zuschauer in seinen Bann. 30 Jahre, von 1990 bis 2020, ist dieser Silvesterlauf eine Erfolgsgeschichte. Corona-Pandemie und die Amokfahrt durch die Altstadt mit fünf Toten haben jedoch einen Schatten über Trier gelegt und die Stadt tief ins Mark getroffen, das sportliche Leben ist in den Hintergrund geraten. Der Silvesterlauf 2020 wurde abgesagt.

Die Amokfahrt schockiert

„Wir haben monatelang leidenschaftlich um den Silvesterlauf gekämpft, und waren von unserem Hygienekonzept überzeugt“, heißt es in einer Erklärung der Veranstalter, „die verschärften Corona-Regeln haben uns dennoch gezwungen, den Traditionslauf abzusagen“. Die Stadt steht nach der Todesfahrt ohnehin unter Schock, die Menschen sind traurig, entsetzt und fassungslos. Die Strecke des Amokfahrers ging über das Pflaster der Laufstrecke.

Trier und die Menschen haben in den letzten drei Jahrzehnten beim Silvesterlauf begeistert den Jahresabschluss gefeiert. Der Silvesterlauf ist ein Teil der Identität der Römerstadt. 200 Kilo Konfetti, 2000 Trillerpfeifen, Samba-Trommler und Tänzerinnen sowie 2000 Wunderkerzen machten die Römerstadt Trier, die älteste Stadt Deutschlands, für den letzten Tag im Jahr zu einem Cirkus Maximus. Statt Wagenrennen zündeten auf dem Trierer Pflaster die Läufer ihre Laufraketen.

Mit der Krönung zum „König von Trier“ 2009 hat Haile Gebrselassie, Doppel-Olympiasieger und 26-facher Weltrekordler, bis heute eine Bindung an die Stadt. Insgesamt 15 kenianische Siege bei den Männern gab es, Fünf Siege von Moses Kipsiro aus Uganda („Trier ist ein Stück Heimat für mich“) stehen für höchstes sportliches Niveau. Mit der späteren Marathon-Weltrekordlerin Tegla Lorupe aus Kenia und der vierfachen Weltmeisterin Lornah Kiplagat (Kenia/Niederlande) gilt dies auch für die Frauen.

Die Politik winkt ab

Gesa-Felicitas Krause, WM-Dritte über 3000 Meter Hindernis, war 2016 dem extra gegründeten Verein Silvesterlauf Trier beigetreten, und warb damit auch für den Silvesterlauf. Trier ist zum populärsten Silvesterlauf Deutschlands geworden. „Warum soll der Fußball auf großer Bühne stattfinden, wir als internationales Spitzenereignis nicht?“ – das fragte sich der Vereinsvorstand Norbert Ruschel zuletzt kritisch.

Trotz zahlreicher Zusagen der nationalen Spitzenathleten, die zumeist auf ihre Antrittsgelder verzichten wollten, winkte die Politik unter den verschärften Coronabedingungen ab. Die Gassen, von denen Gebrselassie so begeistert war, bleiben leer, Konfetti, Trillerpfeifen und Wunderkerzen werden diesmal nicht ausgepackt, die Trommler müssen ihre Instrumente im Schrank lassen, und auch die Sambatänzerinnen haben diesmal nichts zu tun.

Enzaue und Totengässle bleiben leer

„Nach 39 Jahren findet der Silvesterlauf in Bietigheim erstmals nicht statt“, sagt indes der Cheforganisator Gerhard Müller, „die geplante 40. Jubiläumsveranstaltung fällt aus.“ Die Enzaue beim Eisenbahn-Viadukt, sonst von 3000 Läufern und 15 000 Zuschauern bevölkert, wird verwaist bleiben. „Die Gesundheit aller Beteiligter steht an oberster Stelle, deswegen sagen wir den 30. Stuttgarter Silvesterlauf am Fuße von Schloß Solitude ab“, heißt es derweil auch aus Weilimdorf. „Nichts zu machen“, signalisiert zudem Rolf Hettich aus Backnang. Eine Alternative mit der Laufstrecke aus der Stadt hinaus wurde verworfen, die Stimmung ist auch hier, wo sonst am Silvestermittag immer das Pflaster brennt, gedrückt.

Die Veranstalter in Bietigheim, Backnang und Trier reagieren kreativ auf die Corona-Zeiten, mit einem virtuellen Lauf nach dem Motto: alle zusammen, jeder für sich. Läuferinnen und Läufer absolvieren an irgendeinem Ort die jeweilige Wettkampfstrecke. Über eine App im Handy wird die gelaufene Zeit gemeldet und daraus eine virtuelle Ergebnisliste erstellt. So will man die Läufer dennoch zur sportlichen Aktivität motivieren.

Unsere Empfehlung für Sie