Corona-Krise Experten: Staat soll sich notfalls an Firmen beteiligen

Von Thorsten Knuf 

Die Pandemie hat schwerwiegende Folgen für die Wirtschaft in Deutschland und Europa. Führende Ökonomen fordern die Bundesregierung auf, sich mit aller Macht gegen eine drohende Rezession zu stemmen. Selbst unkonventionelle Maßnahmen sollen kein Tabu mehr sein.

Vorwärts – aber wie? Es spreche einiges dafür, dass der deutschen Wirtschaft die schlimmsten Produktionsausfälle noch bevorstehen, meinen die Experten. Die Bundesregierung müsse schnell und entschlossen handeln. Foto: dpa/Wolfgang Kumm
Vorwärts – aber wie? Es spreche einiges dafür, dass der deutschen Wirtschaft die schlimmsten Produktionsausfälle noch bevorstehen, meinen die Experten. Die Bundesregierung müsse schnell und entschlossen handeln. Foto: dpa/Wolfgang Kumm

Berlin - Angesichts der Corona-Krise haben führende Ökonomen die Bundesregierung aufgefordert, sich mit aller Macht gegen einen drohenden Absturz der Wirtschaft zu stemmen. Um Firmenpleiten im großen Stil zu verhindern, könnte sich der Staat notfalls direkt an Unternehmen beteiligen, heißt es in einem Papier, das die Wissenschaftler am Mittwoch in Berlin präsentierten.

Auch eine Abkehr von der schwarzen Null, also einem Bundeshaushalt ohne neue Schulden, ist für die Experten kein Tabu: „Wenn erforderlich, muss zur Behebungen der wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise vom Prinzip der schwarzen Null abgewichen werden und es sind die Spielräume zu nutzen, die die Schuldenbremse bietet.“

Die Ökonomen kommen zum Teil von unterschiedlichen Denkschulen. Dass sie sich gleichwohl für einem gemeinsamen Appell zusammengetan haben, zeigt, wie groß aus ihrer Sicht der Handlungsdruck ist. Es handelt sich um die ehemaligen Wirtschaftsweisen Beatrice Weder die Mauro und Peter Bofinger, den Chef des gewerkschaftsnahen Forschungsinstituts IMK, Sebastian Dullien, den Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, der Leiter des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Gabriel Felbermayr, Ifo-Chef Clemens Fuest sowie den Düsseldorfer Wirtschaftsprofessor Jens Südekum. Aufgrund der Corona-Krise gebe es gegenwärtig „mehrere parallele Angebot- und Nachfrageschocks gleichzeitig“, sagte Bofinger am Mittwoch. Wenn wichtige Vorprodukte aus China oder Italien nicht geliefert werden, könnten auch in Deutschland Produktionsprozesse zum Stillstand kommen.

„Vieles spricht dafür, dass der deutschen Volkswirtschaft der Höhepunkt dieser Produktionsausfälle noch bevorsteht“, heißt es in dem Papier. Zugleich sinke unter anderem die Nachfrage nach deutschen Gütern im Ausland. Außerdem werde auch im Inland weniger Geld ausgegeben – etwa, weil Messen abgesagt werden und Verbraucher auf Restaurantbesuche oder Reisen verzichten.

„Mehrere Schocks gleichzeitig“

Mit klassischen Konjunkturprogrammen, also einer Stimulierung der Nachfrage durch den Staat, sei der Lage aber nicht Herr zu werden. Die Fachleute empfehlen deshalb mehr Liquiditätshilfen für Unternehmen, damit diese weiter ihren finanziellen Verpflichtungen nachkommen können. Sie empfehlen auch großzügigere Abschreibungsregeln und eine zinslose Stundung fälliger Steuerzahlungen. Eine vorübergehende Senkung der Steuersätze sei auch möglich. Die Ökonomen plädieren auch dafür, die Teilabschaffung des Solidaritätszuschlags vorzuziehen. Die jüngsten Beschlüsse des Koalitionsausschusses begrüßen die Ökonomen grundsätzlich, insbesondere im Hinblick auf die Vereinfachungen beim Kurzarbeitergeld.

IfW-Chef Felbermayr sagte, Deutschland werde im ersten Halbjahr „sehr wahrscheinlich“ in eine Rezession abrutschen, auch im Gesamtjahr könnte das Wachstum negativ ausfallen. In der Eurozone sei nur mit einem „homöopathischen Wachstum“ zu rechnen, Italien wiederum stehe „ganz klar“ vor einer Rezession.