Corona-Krise im Einzelhandel Die Unsichtbaren sind noch da

Von Caroline Holowiecki 

Die meisten Läden sind zu. Doch im Hintergrund versuchen die Inhaber mit unterschiedlichen Ideen, das Geschäft so gut es geht aufrechtzuerhalten. Einige Beispiele.

Der Laden ist zu, die Inhaberin ist trotzdem da. Martina Bartle dekoriert weiter wacker das Schaufenster von „Christine Schuhe“ in Sillenbuch. Foto: Caroline Holowiecki
Der Laden ist zu, die Inhaberin ist trotzdem da. Martina Bartle dekoriert weiter wacker das Schaufenster von „Christine Schuhe“ in Sillenbuch. Foto: Caroline Holowiecki

Filder - Eberhard Klink erkennt seine Epplestraße kaum wieder. Der Sprecher des Degerlocher Gewerbe- und Handelsvereins (GHV) beschreibt den Anblick der Einkaufsstraße als „seltsam“. Wenige Autos und Menschen, die allermeisten Geschäfte auf der sonst so quirligen Handelsmeile sind zu, „gerade die kleinen inhabergeführten Geschäfte, die die Epplestraße so sympathisch machen im Zusammenspiel mit den Filialisten“. Stattdessen gibt es in der Corona-Krise Schlangen vor der Drogerie und Sicherheitsleute in Supermärkten. „Die Epplestraße wirkt leer“, sagt Eberhard Klink.

Viele steigen jetzt auf einen Lieferservice um

Doch obwohl sie unsichtbar sind, die Geschäftsleute sind nach wie vor da. Wer kann, versucht sich mit alternativen Konzepten zu positionieren. Der Feinkostladen Ab Rampe etwa bietet einen Lieferservice an, das Sportgeschäft Katzmaier ist nahezu täglich bis mittags telefonisch erreichbar und baut sukzessive sein Internet-Geschäft aus. „Jeder, der irgendwie einen Online-Draht zu den Kunden hat, versucht, den Kontakt zu halten. Auch wenn man nichts verkauft“, sagt Eberhard Klink. Adis Haus-, Garten- und Eisenwaren darf als strukturerhaltender Betrieb öffnen und bietet einen To-go-Service an. Waren werden über ein Regal nach draußen gereicht. „Das wird total genutzt“, erklärt Anke Giese-Janssen.

Nicht nur in Degerloch zeigen sich die Geschäftsleute engagiert. Die Blumenscheuer aus Möhringen etwa liefert auf Bestellung „Blumen und Pflanzen als Balsam für die Seele“ nach Hause. Auch an der Kirchheimer Straße in Sillenbuch, der sonst belebten Einkaufsstraße, hängt in nahezu jeder geschlossenen Tür ein Zettel mit Infos zu Telefonnummern, E-Mail-Adressen und Internetauftritten. Der Buchladen Papyrus setzt voll auf seinen Onlineshop und versendet Lesestoff. Das Schuhhaus Duffner hat sich dem Internetportal www.stuttgartsindwir.de angeschlossen und liefert aus. Martina Bartle dekoriert ihr Schaufenster von „Christine Schuhe“ weiter wöchentlich neu und versendet Newsletter. Das werde honoriert. „Durch die Aushänge haben sich schon drei neue Kunden gemeldet, die ich gar nicht kannte.“ Kostendeckend sei das alles keinesfalls, doch: „Ich denke, diese schlimme Zeit birgt für uns auch Chancen.“ Jetzt sei die Zeit, mit besonderen Aktionen die Kundenbindung zu intensivieren.

Einzelhändler zählen auf den langen Atem ihrer Kunden

Besondere Schlagkraft erhoffen sich Selbstständige durch Kooperationen. In Leinfelden-Echterdingen präsentieren sich Selbstständige auf dem Online-Marktplatz www.myle.de. „Die Bürgerschaft muss sensibilisiert werden, in Zeiten von Corona nicht auf Global Player wie Amazon und Co. auszuweichen“, betont Marion Mohr vom örtlichen BDS. Auch die Wirtschaftsförderung der Stadtverwaltung Filderstadt hat in Zusammenarbeit mit den Gewerbevereinen eine Liste mit Gastronomen, Handwerkern und Händlern zusammengestellt, die Lieferungen anbieten. Sie ist auf der Homepage der Stadt einsehbar und wird laufend aktualisiert. „Wir unterstützen mit allem, was der rechtliche Rahmen hergibt“, sagt Patrick Rapp, der Wirtschaftsförderer.

Eberhard Klink aus Degerloch weiß von den GHV-Mitgliedern, dass sie große Zukunftsängste haben. „Ob alle überleben, weiß man nirgends.“ In diesen Tagen sei Zusammenhalt gefragt – unter den 230 Vereinsmitgliedern, aber auch mit den Verbrauchern. „Ich würde mich freuen, wenn die Kunden Zurückhaltung üben und jetzt nicht bei den großen Internethändlern bestellen“, sagt er. Irgendwann sei die Corona-Krise überwunden, und dann bräuchten die örtlichen Händler Zulauf. „Ich bin ein grenzenloser Optimist“, sagt er, „und ich denke, wir werden das in irgendeiner Art schaffen“.

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