Corona-Krise im Kreis Böblingen Die Kapazität soll in allen Bereichen steigen

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Mehr als 350 Menschen sind im Kreis Böblingen mit dem Coronavirus infiziert, drei sind daran gestorben. Der Landrat Roland Bernhard will mehr Tests, mehr Intensivbetten in den Kliniken, mehr Atemgeräte und mehr Schutzkleidung organisieren.

Große Solidarität in den Krankenhäusern, im Bild das OP-Team der Kliniken Sindelfingen Foto: Klinikverbund Südwest
Große Solidarität in den Krankenhäusern, im Bild das OP-Team der Kliniken Sindelfingen Foto: Klinikverbund Südwest

Böblingen - Der Landrat Roland Bernhard denkt voraus. Er sei noch voll im Krisenmodus, versichert er, aber er mache sich auch Gedanken, wie es im Herbst, „am Tag danach“ weitergehe. „Kein Stein bleibt auf den anderen“, davon ist Roland Bernhard überzeugt, „es wird ein grundlegender Wandel sein.“ Aber im Moment ist er damit beschäftigt, die Gegenwart zu bewältigen: Am Mittwoch, 25. März, waren im Kreis Böblingen mehr als 350 Menschen mit dem Coronavirus infiziert, drei sind bisher daran gestorben. Zur Bekämpfung der Krankheit will der Landrat in allen Bereichen die Kapazitäten erhöhen.

Wie schnell die Entwicklung ist, verdeutlichen weitere Zahlen: In den Intensivstationen der Krankenhäuser werden inzwischen 51 an Covid-19 erkrankte Patienten behandelt – 25 Prozent mehr als noch am Tag davor. Die Zahl der Beatmungsfälle ist von neun auf 14 Personen gestiegen. Derzeit verfügt der Kreis über 74 mit allen notwendigen Maschinen ausgestattete Intensivpflegeplätze, das Personal reicht momentan jedoch für höchstens 64 Patienten aus. Unter normalen Umständen gibt es 33 Betten in den Intensivstationen im Kreis. Deshalb hat der Klinikverbund Südwest einen Aufruf gestartet, um mehr Mediziner und Pflegekräfte etwa aus dem Ruhestand zu aktivieren.

Die Beatmungskapazität ist das Nadelöhr

Die Zahl der Betten für Corona-Patienten soll in einem weiteren Schritt auf 100 und schließlich auf 150 erhöht werden. Entscheidend sei, dafür die Beatmungsgeräte zu organisieren, sagt Roland Bernhard. Da die Lieferfristen momentan bis zu drei Monate betragen, sollen vorhandene Maschinen aus anderen Praxen im Kreis in den Krankenhäusern gebündelt werden. „Die Beatmungskapazität ist das Nadelöhr.“ Parallel dazu arbeitet das Landratsamt an einem Überlaufkonzept: Falls es in den Krankenhäusern keinen Platz mehr gibt, wird in geeigneten Immobilien ein Lazarett eingerichtet. Am Mittwoch hat der Landrat außerdem eine Eilentscheidung getroffen und für den Landkreis 50 000 Schutzkleidungssets im Wert von einer Million Euro bestellen lassen, statt nur auf Zuteilungen vom Bundesgesundheitsministerium zu warten. „Wir können erst aufatmen, wenn die Paletten auf unserem Hof stehen“, betont er allerdings.

Erhöht werden soll auch die Zahl der Tests. Aktuell können in den beiden Zentren in Herrenberg und Sindelfingen täglich 300 Abstriche genommen werden, geplant sind 500. „Das ist sehr ehrgeizig“, räumt Roland Bernhard ein. Dazu sei die Hilfe der niedergelassenen Ärzte notwendig. In den vergangenen drei Wochen sind im Kreis Böblingen bisher mehr als 2750 Menschen auf das Virus getestet worden. „Das absolut Wichtigste ist, die Zahl der Infizierten und der Toten möglichst gering zu halten“, erläutert der Landrat die Strategie. Die Kapazitätsgrenze erreicht hat die Corona-Hotline des Landkreises unter 0 70 31/6 63 35 00. Die zwölf Mitarbeiter könnten täglich 600 Anrufer abarbeiten, doch doppelt so viele würden sich melden, berichtet Bernhard. Immerhin geht der Ansturm zurück, am vergangenen Montag hatten noch 3000 Menschen die Nummer gewählt.

Keine Prognose über die Entwicklung möglich

Wie sich die Infektionsrate im Kreis Böblingen entwickeln wird, wagt der Landrat nicht zu prognostizieren. „Ich glaube nicht, dass wir italienische Verhältnisse bekommen“, sagt er. Die Zahlen würden nicht exponentiell steigen, dass die Kurve flacher ausfällt, hält er für möglich. Die Bevölkerung verhalte sich diszipliniert und solidarisch, findet Roland Bernhard. An der ein oder anderen Stelle müsse möglicherweise noch nachjustiert werden. Er kritisiert jedoch die Sparmaßnahmen im Gesundheitssystem und das wirtschaftliche Vorgehen in den Krankenhäusern. „Was in Straßburg passiert, muss uns wachrütteln“, findet er: Dort gibt es mittlerweile mehr Patienten als Betten in der Intensivstation.