Corona-Krise in der Arbeitswelt Kann ein krankes Kind den Job gefährden?

Von Michael Bosch 

Daheim bleiben oder arbeiten gehen? Eigentlich sind die Regeln für diejenigen, die Kontakt mit einem potenziell Infizierten hatten, eindeutig. Man kann im bürokratischen Wirrwarr aber auch verloren gehen, wie ein Beispiel aus Ludwigsburg zeigt.

Weil sie nicht krank geschrieben wurden, hat ein Ehepaar aus Ludwigsburg zuletzt zwei schwierige Wochen erlebt. Foto: dpa/Patrick Pleul
Weil sie nicht krank geschrieben wurden, hat ein Ehepaar aus Ludwigsburg zuletzt zwei schwierige Wochen erlebt. Foto: dpa/Patrick Pleul

Ludwigsburg - Lisa Peter* ist wütend auf das Gesundheitsamt. „Das war teilweise einfach nur noch lächerlich“, sagt die 29-jährige Ludwigsburgerin. Die Coronavirus-Pandemie hat das Leben der dreiköpfigen Familie in den vergangenen Wochen ziemlich durcheinander gewirbelt – so sehr, dass sie zeitweise sogar befürchteten, dass Peters Mann wegen des Gesundheitsamtes seinen Job verliert.

Was war passiert? Angefangen hat alles damit, dass die Familie Mitte März eine Mitteilung vom Kindergarten des Sohnes erhielt. Ein Kind aus der Einrichtung hatte sich mit dem Coronavirus infiziert. Die Kindergartenleitung übermittelte die Daten von Kindern, die direkten Kontakt mit dem positiv Getesteten hatten, und deren Eltern an das Gesundheitsamt. Außerdem sei ihnen mitgeteilt worden, so Peter, dass sich auch die Eltern in Quarantäne begeben sollten.

Sohn war Kontaktperson der Kategorie I

Beim kleinsten Anzeichen einer Infektion hätten die Eltern das Gesundheitsamt informieren sollen. Das Kind galt von diesem Zeitpunkt an als Kontaktperson der Kategorie I: enger Kontakt, daher auch „höheres“ Infektionsrisiko.

Der Sohn bekam trockenen Husten, war schlapp und müde, die Eltern aber blieben fit. Lisa und Tobias* Peter meldeten das dem Gesundheitsamt. Getestet wurde ihr Sohn aber erst neun Tage später. „Das Gesundheitsamt hat uns mehrmals telefonisch ein Arbeitsverbot ausgesprochen, bis das Testergebnis da ist, welches wir unseren Arbeitgebern übermitteln mussten“, sagt Peter. Das Gesundheitsamt habe die Eltern an den Hausarzt verwiesen, der sie hätte krank schreiben sollen. Tat er laut Lisa Peter aber nicht. „Er meinte, solange wir als Eltern keine Symptome zeigen, kann er uns nicht krank schreiben“, sagt die Altenpflegerin. Die Eheleute befolgten den Rat des Gesundheitsamts und blieben daheim – ohne Krankmeldung. „Leider ist der Betroffene in solchen Fällen auf die Kooperation des Arbeitgebers angewiesen“, sagt der Sprecher des Landratsamts, Andreas Fritz. Darauf habe die Behörde keinen Einfluss.

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Ihre Arbeitgeber waren zwar wenig begeistert, dass die Peters quasi unentschuldigt fehlten, nahmen es aber hin. Die Firma, bei der Tobias Peters arbeitet, saniert Gebäude, in denen es gebrannt hat oder es einen Wasserschaden gegeben hat. „Die Wasserschäden passieren trotz Corona“, sagt sein Chef. Deshalb habe er auch nicht über Gehaltskürzungen oder Entlassung seines Mitarbeiters nachgedacht.

Das Gesundheitsamt erstickt beinahe in Anfragen

So wie dieser Firma dürfte es momentan vielen Arbeitgebern gehen. Sie müssen sich darauf verlassen, dass ihre Angestellten die Situation nicht ausnutzen und krank machen. Wenn schon keine Krankmeldung möglich sei, dann müsse das Gesundheitsamt eben ein Schreiben aufsetzen, um die betroffenen Personen gegenüber ihrem Arbeitgeber abzusichern, findet der Chef.

Dass die Mitarbeiter des Gesundheitsamts sich derzeit um viel zu viele Anfragen gleichzeitig kümmern müssen, ist offensichtlich. Deshalb wurden die Zeiten, in denen die vom Landratsamt eingerichtete Hotline erreichbar ist, schon mehrmals ausgeweitet. „Dass es in einem Einzelfall mal nicht optimal läuft und es zu einem Missverständnis kommen kann, ist möglich“, sagt Andreas Fritz. „Das bedauern wir, lässt sich aber wegen der Vielzahl der Anrufe nicht völlig vermeiden.“

In den Tagen, in denen sie vergeblich versuchten, eine Bestätigung für die Arbeit zu bekommen, rief auch die Familie Peter täglich beim Gesundheitsamt an. Ohne Erfolg. Auch mit Mitarbeitern der Stadt Ludwigsburg war die Familie im Austausch – aber auch sie konnten ihr nicht weiterhelfen. „Ein Zweizeiler hätte ja genügt“, sagt Lisa Peter.

Die lange Wartezeit war das Problem

Die Kontaktsperre, die derzeit gilt, habe die Situation nicht einfacher gemacht. „Man darf ja nirgends hin, um ein Gespräch zu suchen, es läuft alles nur noch telefonisch“, beschreibt die 29-Jährige die Situation. Das habe ihren Mann, der ohnehin psychosomatisch erkrankt sei, so belastet, dass er tatsächlich krank geschrieben worden sei. Etwas mehr als zwei Wochen vergingen, ehe das Ergebnis des Cornona-Tests des Sohns vorlag: Es war negativ. Lisa Peter war erleichtert, aber ganz abgehakt hat sie die Sache immer noch nicht.

Im Fall von der Familie sei die lange Wartezeit auf das Testergebnis das Problem gewesen, sagt Andreas Fritz. „Normalerweise beträgt die Zeitspanne von Testung und Ergebnis maximal zwei Tage.“ Unglücklicherweise seien Ende März die Kapazitäten in Ludwigsburg aber derart am Limit gewesen, dass es zu einer langen Wartezeit kam. Das Landratsamt sei weiter daran interessiert, die Situation der Familie zu klären. „Aus Sicht des Infektionsschutzes hat sich die Familie absolut korrekt verhalten“, so Fritz. * Name geändert




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