Corona-Krise im Stuttgarter Norden Von Verlusten und unerwarteten Lichtblicken

Von Susanne Müller-Baji 

Auch, wenn es mancherorts schon wieder nach Normalität aussieht: Es ist noch lange nicht alles wieder wie vor der Corona-Krise. Und auch im Stuttgarter Norden gibt es unter den lokalen Einzelhändlern ein paar Gewinner und viele Verlierer.

Markus Müller mit Mund-Nase-Schutz. Er sieht   den lokalen Handel aufgewertet. Foto: Susanne Müller-Baji
Markus Müller mit Mund-Nase-Schutz. Er sieht den lokalen Handel aufgewertet. Foto: Susanne Müller-Baji

Stuttgarter Norden - Lockdown war gestern, AHA-Regel (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske) ist heute und man weiß nicht so recht, ob die zweite Welle noch kommt oder vielleicht schon da ist. Wie geht es den Einzelhändlern im Stuttgarter Norden mit den vielen Veränderungen, die Corona mit sich gebracht hat? Eine Umfrage zeigt: Manche Branchen gehören zu den großen Verlierern, andere haben aber sogar Grund zu Optimismus.

Schwer getroffen hat die Pandemie die Tourismusbranche wie das Reisebüro von Eckhardt Binder aus Weilimdorf: „Was soll ich sagen? Wir haben einen enormen Umsatzeinbruch, meine beiden Mitarbeiter sind in Kurzarbeit.“ Seit den 1960er Jahren gibt es das Reisebüro Binder. Eckhardt Binder, der es in zweiter Generation leitet, ist sich sicher, dass das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist: „Die Auswirkungen von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit kommen ja erst noch.“

In anderen Branche klagen Einzelhändler zwar über zum Teil herbe Einbußen durch Corona, doch jetzt, wo die Läden wieder geöffnet haben, zeigen sich an unerwarteten Stellen auch Lichtblicke: „Ich höre von vielen Kunden, dass sie nicht gerne in die Innenstadt fahren, sondern lieber vor Ort einkaufen“, erzählt Markus Müller von Schuh-Sport-Striegel in Feuerbach. Es scheint, als führe die Krise auch dazu, dass das lokale Angebot besser wahrgenommen wird. Demgegenüber steht freilich, dass an anderer Stelle ganze Geschäftsbereiche weggebrochen sind, erklärt Sonja Traub, Inhaberin des Feuerbacher Blumengeschäfts Blumen Pietsch: „Ich habe auch viel Blumenschmuck für Veranstaltungen gemacht, die aber noch immer alle abgesagt sind. Da muss ich viele Sträuße verkaufen, bis das ausgeglichen ist.“

Die Krise hat dort schwere Folgen, wo es vorher schon Schwachstellen gab

Christiane Knorst, Mitinhaberin der Zuffenhäuser Metzgerei Eisenmann, bemerkt ein neues Qualitätsbewusstsein bei den Kunden, sie sagt aber auch, man habe den Sommer über mit drei Problemen zu kämpfen gehabt: „Corona, der Tönnies-Skandal und die Lage vor Ort.“ Dadurch, dass die Ladengeschäfte auf der Unterländer Straße so ausgedünnt sind, lade der Standort kaum zum Bummeln ein. Optikerin Andrea Finkel vom nahe gelegenen „Sehen und hören Finkel und Geisse“ sagt auch, dass die Krise wohl da besonders schwere Folgen habe, wo es bereits vorher Schwachstellen gab.

Wer schon vor Corona einen treuen Kundenstamm hatte, kam oft leichter durch die Krise. Gloria Mangold, Inhaberin des Zuffenhäuser Nähbedarfs „Garn und Gloria“ hält sich sogar für eine Gewinnerin der Corona-Zeit: Mangels anderer Freizeitaktivitäten habe so mancher während des Lockdowns das Nähen entdeckt: „Zumal ja auch mehr Zeit bleibt, wenn man zu Hause arbeitet und das Pendeln wegfällt.“ Sie erzählt, dass die Kunden Wartezeiten von bis zu zweieinhalb Stunden in Kauf nahmen, als der Laden wieder öffnen durfte.

Gut dran war, wer flexibel auf die veränderte Nachfrage reagieren konnte: Als in der ersten Phase des Lockdowns der Umsatz durch Catering und die warme Theke wegbrach, nahm man in der Metzgerei Eisenmann vorübergehend auch Toilettenpapier, Butter, Mehl und ähnlich Begehrtes ins Sortiment und verlegte sich später auf fertig gekochte Speisen zum Mitnehmen. Kundennähe ist auch, was Eckhardt Binder in seinem Reisebüro Hoffnung gibt: Wer in so unsicheren Zeiten eine Reise daheim am Computer gebucht hat, kann oft nur unter größten Schwierigkeiten stornieren oder umbuchen. „So mancher erkennt derzeit, dass man im Reisebüro den besseren Ansprechpartner als im Internet hat.“

Angst vor der zweiten Welle

Zu jedem Zeitpunkt systemrelevant war in Zuffenhausen-Rot die Apotheke im Romeo. Hier galt es aber, schnell zu reagieren, um Mitarbeiter und Kunden vor Ansteckung zu schützen. Zwar hatte man die ganze Zeit geöffnet, „aber klar, wir hatten einen Umsatzeinbruch“, sagt Inhaber Matthias Walter: Weniger wichtige Arztbesuche wurden ja aufgeschoben.

Mehr als eine Ansteckung fürchtet der Apotheker aber die Auswirkungen einer zweiten Welle auf Gesellschaft und Wirtschaft: „Ich verstehe, dass die Leute wieder Normalität wollen, aber das geht leider nicht.“ Er appelliert dringend an alle, persönliche Befindlichkeiten hintanzustellen und die AHA-Regeln einzuhalten: „Jeder kann seinen Teil dazu beitragen, dass sich der Lockdown nicht wiederholt.“




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