Corona-Krise in Stuttgart Kulturgemeinschaft in existenzieller Krise

Von Martin Haar 

Die Kulturgemeinschaft Stuttgart, bekannt für ihre Kultur-Abos ist in Existenznot geraten. „Die Lage ist dramatisch“, sagt Vorstandsmitglied Ulrike Hermann, „wir haben seit dem 13. März keine Karten mehr verkaufen können, aber unsere Fixkosten laufen weiter.“

Die Kulturgemeinschaft veranstaltet auch Konzerte der Stuttgarter Philharmoniker. Doch durch Corona fehlen nun diese Einnahmen. Foto: Stuttgarter Philharmoniker
Die Kulturgemeinschaft veranstaltet auch Konzerte der Stuttgarter Philharmoniker. Doch durch Corona fehlen nun diese Einnahmen. Foto: Stuttgarter Philharmoniker

Stuttgart - Süddeutschlands größte Besucherorganisation, die Kulturgemeinschaft Stuttgart, ist im 96. Jahr ihres Bestehens in Existenznot geraten. „Die Lage ist dramatisch“, sagt Vorstandsmitglied Ulrike Hermann, „wir haben seit dem 13. März keine Karten mehr verkaufen können, aber unsere Fixkosten laufen weiter.“

Seit dem 1. April seien elf Mitarbeiter in Kurzarbeit. Bisher war deren Aufgabe im gemeinnützige Verein, den großen und kleinen Kulturinstitutionen in und um Stuttgart neun bis zehn Prozent ihrer Karten abzukaufen, um die Mitglieder schließlich mit Kulturabonnements zu versorgen. Doch in der kommenden Spielzeit gibt es infolge der Pandemie nur noch 20 Prozent der bisherigen Kartenkontingente. „Damit lässt sich der reguläre Abonnementbetrieb nicht mehr aufrechterhalten“, erklärt Hermann. Als Beispiel nennt sie die Staatstheater, die das Kontingent für die Kulturgemeinschaft auf ein Fünftel reduziert hätten.

Zehn Prozent der Abonnenten der Kulturgemeinschaft haben aktuell ihr Abonnement gekündigt, davon die Hälfte explizit aufgrund der coronabedingten Veranstaltungsausfälle. Da nicht alle Kunden einen Grund für ihre Kündigung angeben, gibt es zusätzlich vermutlich eine hohe Dunkelziffer. In der Saison 2018/19 hat die Kulturgemeinschaft insgesamt 140 000 Karten von den Häusern eingekauft und vermarktet, davon 37 000 allein von den Spielstätten der Staatstheater Stuttgart. „Doch in dieser Form können wir unser Geschäftsmodell nicht mehr aufrechterhalten“, sagt das Vorstandsmitglied der Kulturgemeinschaft.

Mittelfristig sind dadurch nicht nur die elf Mitarbeiter betroffen, sondern die gesamte Stuttgarter Kulturlandschaft. Denn das Abo­system war für die vielen großen und kleinen Kulturanbieter in der Stadt eine Bank, eine verlässliche Größe in der Planung. Soll heißen: Sollte es die Kulturgemeinschaft in dieser Form nicht mehr geben, werden auch viele Kulturschaffende mittelbar existenzielle Probleme bekommen oder ganz von der Bildfläche verschwinden.

Geschäftsmodell in Gefahr

Auch unmittelbar wirkt sich die Corona-Krise aus: Denn im Konzertbereich tritt die Kulturgemeinschaft selbst als Veranstalter auf und hat so 15 300 Plätze in Konzerten des Stuttgarter Kammerorchesters, der Stuttgarter Philharmoniker und des SWR-Symphonieorchesters finanziert und vermarktet. Zusätzlich kaufte die Besucherorganisation den genannten Orchestern 5150 Karten ab. Im Bereich Kunst bot die Kulturgemeinschaft bisher 4900 Karten pro Saison in ihren Kunstabos, Kunsttagen und Kunsterlebnissen an. Immerhin: In diesem Bereich kann der Verein derzeit wenigstens Stadtführungen mit verschiedenen Themen mit Kunsthistorikern im Freien anbieten.

Hoffnung stirbt zuletzt

Natürlich stirbt auch bei Hermann die Hoffnung zuletzt. Wie viele hofft sie, „dass sich im neuen Jahr wieder alles normalisiert“. Dennoch lässt sie derzeit nichts unversucht, um Unterstützung für die Rettung des Vereins zu gewinnen. Einen Teil leisten einige Abonnenten. Sie spenden den Betrag, den sie im Abopreis für die gestrichenen Veranstaltungen bereits bezahlt haben. Aber der Verein hofft auch auf Hilfen der Stadt und des Gemeinderats. Sogar an den Bund habe man sich gewandt, um die Institution zu retten. „Es ist wichtig, dass wir alle an einem Strang ziehen“, sagt Hermann, „denn es geht in diesen Tagen nicht nur um uns, sondern die gesamte Kulturlandschaft.“




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