Corona-Krise Rems-Murr-Kreis präpariert sich für mögliche zweite Welle

Von Dirk Herrmann 

Demnächst werden an Rems und Murr 20 Teams mit jeweils fünf Personen eingerichtet, die für je 20 000 Einwohner zuständig sind. Für Fellbach bedeutet dies, dass mindestens zwei Teams zur Ermittlung von Kontaktpersonen im Einsatz sein sollten.

Fellbachs Oberbürgermeisterin  Gabriele Zull, hier vor der jüngsten Gemeinderatssitzung mit Gesichtsmaske im Gespräch mit Eltern bei einer Demo auf dem Schwabenlandhallen-Parkplatz, sagt: „Wir müssen die ruhige Phase nutzen, um uns zu wappnen.“ Foto: Dirk Herrmann
Fellbachs Oberbürgermeisterin Gabriele Zull, hier vor der jüngsten Gemeinderatssitzung mit Gesichtsmaske im Gespräch mit Eltern bei einer Demo auf dem Schwabenlandhallen-Parkplatz, sagt: „Wir müssen die ruhige Phase nutzen, um uns zu wappnen.“ Foto: Dirk Herrmann

Fellbach - Das stimmt optimistisch, denn die neuesten Corona-Zahlen sind tatsächlich niedrig: In den letzten sieben Tagen gab es lediglich 25 Neuinfizierte im Rems-Murr-Kreis, erstmals seit Wochen gab es Tage ohne neue Corona-Infektionen.

Die Lockerungen erforderten ein umfassendes Monitoring auf lokaler Ebene

Doch noch ist nicht klar, wie sich die weitreichenden Lockerungen der Corona-Verordnung auswirken und inwieweit sich die Menschen zukünftig noch an Kontaktbeschränkungen halten. Die Zahlen, so eine aktuelle Warnung aus dem Waiblinger Kreishaus, könnten wieder steigen, eine zweite oder gar dritte Welle sei nicht auszuschließen. Das Landratsamt und die Städte und Gemeinden an Rems und Murr bereiten sich deshalb akribisch auf eine mögliche zweite Welle vor.

Grundlage ist das für Baden-Württemberg vorgesehene weitere Prozedere bei der Pandemiebekämpfung. Die Lockerungen erforderten ein umfassendes Monitoring auf lokaler Ebene. Wenn dort Infektionsereignisse auftreten, müssten diese schnell eingedämmt werden. Gefragt seien insbesondere die Gesundheitsämter in den Landkreisen. Die Landratsämter und Bürgermeisterämtern sind nun beauftragt, jeden neuen Infektionsherd schnell zu erkennen, einzugrenzen und zu bekämpfen. Zudem müsse man vor Ort ein Nachverfolgen der Infektionswege schnell und lückenlos sicherstellen und sofort entsprechende Maßnahmen einleiten können.

Im Rems-Murr-Kreis werden 20 Teams mit jeweils fünf Personen eingerichtet, die für je rund 20 000 Einwohner zuständig sind

Das Land hat ein dreistufiges Ampelkonzept zur Vorgabe gemacht, nach dem bei 35 beziehungsweise 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern lokale beziehungsweise regionale Maßnahmen zur Eindämmung des Virus ergriffen werden sollen. Auf dieses Szenario bereitet sich der Rems-Murr-Kreis gemeinsam mit den 31 Städten und Gemeinden vor. Es gibt ein Eckpunktepapier, das die Nachverfolgung der Kontaktpersonen auch nach neuen Vorgaben bei einer möglichen erneuten Zunahme der Corona-Fälle sicherstellt.

Zur Vorbereitung auf eine mögliche zweite Welle werden – wie von Bund und Land gefordert – neue Teams zur Kontaktpersonenermittlung geschaffen. Das bedeutet: Im Rems-Murr-Kreis werden 20 Teams mit jeweils fünf Personen eingerichtet, die für je rund 20 000 Einwohner zuständig sind. Die Teams sind durch Personal des Gesundheitsamtes sowie der Ortspolizeibehörden gemischt besetzt. Für Fellbach mit seinen etwa 46 500 Einwohnern bedeutet dies also, dass zwei verstärkte Teams im Einsatz sein werden. Genaueres will die Stadtverwaltung in den kommenden Tagen mitteilen.

Wenn die Fallzahlen wieder deutlich ansteigen und die Ampel gelb werden sollte, wird zudem ein gemeinsamer Krisenstab bestehend aus Kommunen und Landkreis gebildet

Zudem gibt es weitere Teams, die sich speziell um besondere Einrichtungen wie beispielsweise Pflegeeinrichtungen, Einrichtungen der kritischen Infrastruktur und Kliniken kümmern sollen. Sollte es örtlich zu besonders vielen Infektionen kommen, können sich die benachbarten Teams gegenseitig unterstützen.

Wenn die Fallzahlen wieder deutlich ansteigen und die Ampel gelb werden sollte, wird zudem ein gemeinsamer Krisenstab bestehend aus Kommunen und Landkreis gebildet, der über das weitere Vorgehen entscheidet.

„Wir müssen die aktuell ruhige Phase nutzen, um uns zu wappnen“, betont die Fellbacher Rathauschefin Gabriele Zull, zugleich Sprecherin der Oberbürgermeister im Rems-Murr-Kreis. Die großen Kreisstädte seien zwar personell und strukturell sehr leistungsfähig, „aber die Bekämpfung einer Pandemie ist auch für uns eine neue nie dagewesene Herausforderung, die nur im Schulterschluss und in enger Abstimmung mit den Gesundheitsbehörden gelingt.“ Die Städte hätten bei der Kontaktverfolgung, der Kommunikation mit den Infizierten und deren Betreuung bereits vielfältig Unterstützung geleistet und zahlreiche Aufgaben übernommen, die auch die Rathaus-Mitarbeiter zeitlich stark in Anspruch nehmen. „Das Virus lässt sich aber nur im Verbund bekämpfen, daher setzen wir die enge Zusammenarbeit und Vernetzung in bewährter Weise jetzt fort“, betont die Fellbacher Oberbürgermeisterin.

„Wir bereiten uns auf einen möglichen Wiederanstieg der Zahlen vor“, sagt Thomas Bernlöhr aus Welzheim

„Die Ermittlung von Kontaktpersonen zur Eindämmung des Virus hat bisher sehr gut funktioniert“, sagt Landrat Richard Sigel, verweist aber auch auf den seit Jahren herrschenden personellen Mangel bei den Gesundheitsämtern, der auch kurzfristig und entgegen aller Ankündigungen und Versprechungen nicht ausgeglichen werden könne. Die enge und unbürokratische Zusammenarbeit mit den Städten und Gemeinden „war daher einer der Erfolgsfaktoren bei der Bekämpfung des Coronavirus und soll fortgesetzt werden“, sagt der Landrat und hofft zugleich, dass auch endlich die angekündigten technischen Unterstützungen, wie beispielsweise durch eine Corona-App oder eine bessere Softwarelösung, in der Gesundheitsverwaltung kommen.

„Wir bereiten uns auf einen möglichen Wiederanstieg der Zahlen vor“, sagt Thomas Bernlöhr aus Welzheim, zugleich Vorsitzender der Bürgermeisterkreisversammlung. „Insbesondere die Kontaktnachverfolgung ist vor Ort schneller und schlagkräftiger, weil für diese organisatorische Aufgabe die Kenntnis der örtlichen Strukturen und Netzwerke im Dorf oder in der Stadt zentrale Voraussetzung sind.“ In der Krisenbewältigung gelte noch mehr als im Normalzustand: „Die Anwendung von Regelungen und die Umsetzung von Maßnahmen ist kommunal am besten aufgehoben.“ Es sei „ein starkes Signal, dass nun alle 31 Städte und Gemeinden diese zusätzliche Last der Amtshilfe für das Gesundheitsamt einmütig und freiwillig übernehmen – im Notfallmechanismus sogar noch verstärkt“, so Bernlöhr.

Der Grenzwert (rote Ampel) liegt bei 50 Neuinfizierten je 100 000 innerhalb von sieben Tagen

Es gibt allerdings auch eine gemeinsame Forderung, nämlich dass das Land auch die notwendige Unterstützung gewährt. „Die kommunale Familie ist weiterhin gerne bereit, ihren Beitrag zur Eindämmung von Neuinfektionen zu gewährleisten und die Rückkehr zur Normalität abzusichern, aber nicht auf eigene Kosten.“ Die bisherigen Soforthilfen über 200 Millionen Euro und die jüngst angekündigten Liquiditätshilfen in Höhe von 500 Millionen Euro seien letztlich kein Beitrag, die hohen Steuer- und Gebührenausfälle der Städte und Gemeinden zu kompensieren, und tragen schon gar nicht dazu bei, die Kosten, die durch die Pandemie bei der kommunalen Familie entstehen und entstanden sind, zu decken.

Hintergrund zur sogenannten Ampel: Der Grenzwert (rote Ampel) liegt bei 50 Neuinfizierten je 100 000 innerhalb von sieben Tagen. Bereits ab 35 Neuinfizierten springt die Ampel auf gelb. Für den Rems-Murr-Kreis mit seinen 426 635 Einwohnern bedeutet dies: Bis 150 Neuinfizierte in sieben Tagen ist die Ampel grün, zwischen 151 und 212 gelb, ab 213 rot.




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