Corona-Krise Ökonomen erwarten Minusquartal

Viele Geschäfte dürften den Lockdown nicht überleben. Foto: dpa/Jens Kalaene
Viele Geschäfte dürften den Lockdown nicht überleben. Foto: dpa/Jens Kalaene

Die Verlängerung des Lockdowns dürfte die Wirtschaftsleistung erneut schrumpfen lassen. Der Chefvolkswirt der LBBW fordert mehr Tests und eine bessere Nachverfolgung von Infektionsketten, um eine „Öffnungsperspektive“ zu schaffen.

Korrespondenten: Barbara Schäder (bsa)
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Frankfurt - Die Verlängerung des Corona-Lockdowns wird der deutschen Wirtschaft nach Einschätzung führender Ökonomen ein weiteres Verlustquartal bescheren. Besonders pessimistisch zeigt sich das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin: Es erwartet für die Monate Januar bis März ein Minus von rund drei Prozent gegenüber dem Schlussquartal 2020. Die Einschränkungen der Monate November und Dezember hatte die Wirtschaft nach vorläufigen Schätzungen noch recht glimpflich überstanden, im gesamten Jahr 2020 schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) jedoch um fünf Prozent.

DIW-Konjunkturchef Claus Michelsen begründete seine Prognose für das laufende Quartal mit der Annahme, dass die meisten Geschäfte bis Ende Februar geschlossen bleiben werden. „Ich gehe nicht davon aus, dass zwei Wochen Verlängerung reichen werden“, sagte er am Dienstag, als erste Berichte über eine Fortschreibung des Lockdowns bis Mitte Februar bekannt wurden.

Industrie bleibt vorerst noch verschont

Gleichzeitig wandte sich Michelsen gegen Forderungen nach einer Schließung auch von Industriebetrieben. „Die wirtschaftlichen Konsequenzen wären dann noch viel gravierender“, sagte er. Solange die industrielle Fertigung weiterlaufe, bestehe immerhin noch Hoffnung, dass die Wirtschaft im laufenden Quartal um weniger als drei Prozent schrumpfe.

Ein Verlustquartal erwarten auch andere Ökonomen. Für eine Festlegung auf konkrete Zahlen sei es zwar noch zu früh, erklärte der Leiter der Konjunkturabteilung beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), Torsten Schmidt, aber: „Durch die Verschärfung des Lockdowns zu Beginn dieses Jahres und die Anhebung des Mehrwertsteuersatzes dürfte die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal wieder spürbar zurückgehen.“

Das Vorkrisenniveau dürfte in diesem Jahr nicht mehr erreicht werden

Für das Gesamtjahr 2021 ging das RWI bisher von einem Wachstum um 4,5 Prozent aus, ähnlich wie das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle und das Münchener Ifo-Institut. Die neuesten Beschlüsse sind in diesen Prognosen noch nicht berücksichtigt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostizierte Deutschland am Dienstag ein Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent.

Um eine Verlängerung des Lockdowns noch über Mitte Februar hinaus zu vermeiden, wären unter anderem mehr Corona-Tests notwendig, meint RWI-Experte Schmidt: „Antigen-Schnelltests sollten überall dort eingesetzt werden, wo viele Menschen zusammenkommen.“

Der Einsatz solcher Schnelltests in Pflegeheimen und anderen Einrichtungen des Gesundheitswesens wird bereits von der Pflege- beziehungsweise Krankenversicherung finanziert. Eine Hürde für ihren Einsatz auch in anderen Bereichen ist, dass sie laut der nationalen Teststrategie von geschultem Personal durchgeführt werden müssen. In Österreich dagegen werden Antigen-Schnelltests mittlerweile auch an Schüler verteilt, für eine Anwendung zu Hause.

Ruf nach Tracking-App

Mehr Tests fordert auch LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert. Die jetzt beschlossene Verlängerung des Lockdowns sei angesichts der Überlastung von Gesundheitsämtern und Krankenhäusern richtig, aber: „Wir brauchen eine Öffnungsperspektive.“ Dafür müsse auch die Nachverfolgung von Infektionsketten auf eine funktionierende Grundlage gestellt werden, mahnt Burkert: „Die Datenschutzvorgaben für die Corona-Warn-App sollten gelockert und das Tracking von Bewegungsabläufen ermöglicht werden, wie in Taiwan oder Südkorea.“ Nach sechs Wochen sollten die so erfassten Daten dann wieder gelöscht werden.

Um die Ansteckungsgefahr in Bussen und Bahnen zu verringern, könnten diese technisch so nachgerüstet werden, dass sich nach Einstieg einer festgelegten Anzahl an Passagieren automatisch die Türen schließen, meint Burkert. Zugreisen sollten nur noch mit Sitzplatzreservierung möglich sein. Statt weitere Betriebe zu schließen, sollte die Einhaltung von Hygieneauflagen strenger kontrolliert werden. Übernehmen könnten diese Aufgabe beispielsweise die Berufsgenossenschaften, sagte der Ökonom.

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