Corona-Krise Sonderschichten für Klopapier und Pasta

Von  

Die Corona-Krise stellt die Lebensmittelhändler vor große Herausforderungen. Das Personal arbeitet am Limit.

Der Hinweis am Eingang dieses Marktes macht deutlich:  Kunden sollen nicht hamstern und bestimmte   Produkte massenweise in den Einkaufswagen legen. Foto: Patricia Sigerist
Der Hinweis am Eingang dieses Marktes macht deutlich: Kunden sollen nicht hamstern und bestimmte Produkte massenweise in den Einkaufswagen legen. Foto: Patricia Sigerist

Fellbach - Man könnte es einen „Nachfrage-Schock“ nennen. In der Corona-Krise herrscht der Ausnahmezustand in vielen Bereichen – das spiegelt sich auch im Lebensmittelhandel wider. Die großen Lücken oder sogar leer geräumte Regale konnte in diesen Tagen fast jeder erleben. Der Riesenandrang hinterließ seine Spuren.

In der Faschingswoche sei die erste Welle gekommen

Einen Ansturm hat auch die Kaufmannsfamilie Aupperle mit ihren Rewe-Märkten in Fellbach, Oeffingen, Hegnach und Grunbach erlebt. In der Faschingswoche sei die erste Welle gekommen, die zweite etwa eineinhalb Wochen später, berichtet Sebastian Aupperle. „Unser Personal hat Unglaubliches geleistet“, sagt er, „da muss man den Hut ziehen.“ Der Ansturm bedeutete Überstunden, man musste schauen, dass neue Ware wieder ins Regal bekommt. Dennoch sei nicht zu verhindern gewesen, dass es Lücken gab. Zudem sei es notwendig gewesen, die Mitnahme von vielen gleichen Produkten zu beschränken. „Wenn sich die ganze Bevölkerung 20 Päckchen Klopapier in den Keller legt, dann gehen manche zunächst leer aus“, macht der Händler deutlich. Doch inzwischen normalisiere sich die Lage wieder. „Schon am Montag hat es wieder anders ausgesehen“, sagt Aupperle.

Das Team braucht eine Pause zum Durchatmen

Reagiert auf die Empfehlungen der Regierung habe er schnell: „Wir bitten die Kunden, zum eigenen Schutz Abstand zu wahren und die Hygiene einzuhalten.“ Die Sitzecke ist abgesperrt, die Salatbar geschlossen. Plexiglasscheiben zwischen Kassenmitarbeitern und Kunden habe man schon vorige Woche selbst organisiert. Bis Ende der Woche sollen alle Rewe-Geschäfte im Land mit Plexiglasscheiben ausgestattet sein, berichtet er. Außerdem wird gebeten, bargeldlos zu zahlen. „Um den Kontakt so weit wie möglich zu minimieren“, erklärt Aupperle. „Wir hatten jeden Tag eine neue Situation, das war sehr, sehr schwierig“, sagt der erfahrene Kaufmann. Eines ist für ihn auch klar: „Wir werden sonntags nicht öffnen. Das Team braucht eine Pause zum Durchatmen.“ Das Credo, auf lokale Produzenten zu setzen, sei in der Krise umso wichtiger. „Es zeigt sich, dass die Globalisierung ihre Schattenseiten haben kann“, sagt Aupperle. „Es ist wichtig, dass die Lebensmittelproduktion hier läuft.“ Er hofft natürlich, dass das Coronavirus eingedämmt wird und der Ausnahmezustand bald beendet werden kann. Nach dem Fellbacher Herbst möchten die Aupperles ihr 75-Jahr-Firmenjubiläum feiern. Doch daran ist gerade nicht zu denken.

Auch andere haben sich engagiert

Großen Ansturm musste auch Björn Hansen in seinem Edeka-Markt im Wüst-Areal bewältigen: „Ich hoffe, dass die Kunden ein Nachsehen haben, dass manches ausverkauft war.“ Es könne noch Monate dauern, bis wieder ein Normalzustand hergestellt sei. „Die ganze Lieferkette, Produzenten, Logistiker, Lageristen arbeiten sieben Tage die Woche mit Hochdruck“, sagt er. „Das Weihnachtsgeschäft war ein Klacks dagegen, das kann man vorbereiten“, beschreibt der Händler den Ausnahme-Modus, in dem er sich mit seinem Team noch immer befindet. „Das hohe Engagement hat mich fast sprachlos gemacht“, sagt er über seine Mitarbeiter. Sonderschichten, Überstunden: Nur so konnte der Ansturm gemeistert werden.

Doch die Umbauarbeiten rücken gerade in den Hintergrund

Auch andere haben sich engagiert. „Aus der Nachbarschaft hat jemand geholfen, Regale einzuräumen“, berichtet Hansen. Das Weingut Aldinger habe seinen Lastwagen ausgeliehen, damit Waren abgeholt werden konnten. Die Mitarbeiter arbeiteten am Anschlag. „Am Montag sind sechs Sattelzüge gekommen mit Waren, die musste ins Regal.“ Auch Zeitarbeitsfirmen würden eingesetzt. Eine Sonntagsöffnung ist auch für ihn kein Thema. Hansen betont, wie es ihn freue, dass die Kunden den Einsatz honorierten: „Neulich kam ein Kunde mit einem Riesenherz zu uns.“

Vor zweieinhalb Jahren hat Hansen den Vollsortimenter mit seiner Lebensgefährtin Elisa Pagnozzo eröffnet, eine Erweiterung läuft. Doch die Umbauarbeiten rücken gerade in den Hintergrund. Klar sei, dass die Empfehlungen zur Hygiene umgesetzt sind, an den Kassen gibt es Plexiglasscheiben, am Eingang einen Tisch mit Handschuhen und Desinfektionsmitteln. Auch Hansen betont, wie wichtig lokale Produzenten seien. Angesichts der schwierigen Lage vieler Einzelhändler appelliert er an die Kunden, lokalen Geschäften treu zu bleiben: „Wir erleben hautnah, wie wichtig es ist, dass unsere Geschäfte in der Stadt weiter existieren können, das ist Lebensqualität für alle.“

Lokale Einzelhandels-Netzwerke nehmen Fahrt auf

Als lokale Antwort auf die mit der Corona-Krise verbundene Schließung von Ladengeschäften gibt es inzwischen mehrere Initiativen für ein Fellbacher Einzelhandels-Netzwerk. So haben das Stadtmarketing und die drei Gewerbevereine in Fellbach, Schmiden und Oeffingen in kurzer Zeit eine Aktion auf die Beine gestellt, mit der sich die Geschäfte vor Ort auch in schwieriger Zeit ihren Kunden präsentieren können. „Die Betriebe stehen weiterhin zum Standort Fellbach und leisten einen entscheidenden Beitrag zur Eindämmung des Coronavirus heißt es in dem zweiseitigen Format, dass an diesem Donnerstag erstmals in der Fellbacher Zeitung erscheint (Seiten IV und V dieser Ausgabe). Abgedruckt sind die für eine leichte Kontaktaufnahme die Telefonnummern und Internetadressen von örtlichen Unternehmen aus den Bereichen Einkauf, Gesundheit, Gastro und Bau. Über die jeweilige Homepage gibt es Infos über Warenversand, Bestellung und teils bereits eingerichtete Lieferdienste. Parallel zu der neuen Initiative haben der Fellbacher Ralf Holzwarth und sein in Schmiden lebender Arbeitskollege Jochen Burckhardt die Web-Domain FellbachSindWir.de gesichert. „Wir sind nicht werblich oder kommerziell unterwegs. Uns ist es ein Anliegen, dass sich Einzelhändler hier kostenlos eintragen lassen können“, sagt der durch sein Engagement im Waldheim bekannte Holzwarth. Vorbild für die Idee war ein Bericht über eine ähnlich gelagerte Stuttgarter Initiative. In Kernen wurde am Mittwoch eine Plattform mit dem Titel kernenhältzusammen.de geschaltet.