Corona-Krise und Gottesdienste Wenn das Smartphone zur Kanzel wird

Von Eileen Breuer 

Gemeinsam in der Kirche Gottesdienste zu feiern, ist aufgrund des Coronavirus derzeit untersagt. Zwei Pfarrer lösen das Problem auf kreative Weise. Und dieser neue Weg bringe sogar Vorteile.

Der Pfarrer Nicolai Opifanti und seine Kollegin Sarah Schindler haben am vergangenen Sonntag via Smartphone auf Instagram gepredigt. Foto: Eileen Breuer
Der Pfarrer Nicolai Opifanti und seine Kollegin Sarah Schindler haben am vergangenen Sonntag via Smartphone auf Instagram gepredigt. Foto: Eileen Breuer

Degerloch/Sielmingen - Nicolai Opifanti zieht sich den Talar über. Statt jedoch Liedblätter auf den Kirchenbänken zu verteilen, schaltet er sein Smartphone ein und öffnet Instagram. Das ist eine soziale Plattform, auf der Nutzer Fotos und Videos teilen können. Statt von der Kanzel herunter predigte er vergangenen Sonntag via Smartphone.

Rücksicht sei das Gebot der Stunde, sagt der Pfarrer aus Stuttgart-Degerloch

Aufgrund der aktuellen Coronavirus-Pandemie hatte die Evangelische Landeskirche in Württemberg die Gemeinden schon vergangene Woche aufgefordert, die Gottesdienste auszusetzen. Inzwischen hat die Landesregierung in Baden-Württemberg außerdem weitere Maßnahmen beschlossen, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Unter anderem sind jegliche Zusammenkünfte von Religionsgemeinschaften untersagt, das gilt auch für Gottesdienste.

Opifanti, Pfarrer zur Dienstaushilfe der evangelischen Gemeinde in Degerloch, hat dafür Verständnis: „Es ist das Gebot der Stunde, Rücksicht auf die Menschen zu nehmen, die gefährdet sind. Es ist Nächstenliebe pur, die Menschen keinem Risiko auszusetzen.“ Für ihn kam es trotzdem nicht infrage, komplett auf die Feier des Gottesdienstes zu verzichten. „Gerade jetzt ist der Zeitpunkt, zu dem wir als Menschen Mut und Hoffnung brauchen. Wir als Kirche sollten versuchen, dafür neue Wege zu gehen“, sagt er.

Aus diesem Grund ließ sich Nicolai Opifanti gemeinsam mit seiner Kollegin Sarah Schindler etwas Neues einfallen: einen Gottesdienst auf Instagram. Auf der Onlineplattform bringt er schon länger jungen Menschen den Glauben näher. Per Video sprach er nun zur virtuellen Gemeinde, die Gebete flimmerten als Text über den Bildschirm.

Leute konnten sich vorab Lieder wünschen

Im Gegensatz zum normalen Gottesdienst habe jener auf Instagram sogar einen Vorteil, sagt Opifanti: „Man ist nicht zur Passivität verdonnert, sondern kann auch seine eigenen Gedanken äußern.“ Während normalerweise der Pfarrer vorab bestimmt, welche Lieder gesungen werden, durften die Nutzer dieses Mal ihre Wünsche einreichen. Am häufigsten nannten sie „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Diese Sehnsucht nach Geborgenheit kann Opifanti gut nachvollziehen: „Mir hat dieser Liedwunsch gezeigt, dass die Menschen Angst haben und sich nach Geborgenheit sehnen, die die Kirche ihnen geben kann.“ Ein Gottesdienst auf Instagram könne eine geistige Verbindung zwischen den Nutzern schaffen, sodass diese sich weniger alleine fühlen, sagt er.

Tobias Geiger, Pfarrer in der evangelischen Kirchengemeinde Sielmingen, hat eine andere Strategie. Zwischen Vorratskäufen, Homeoffice und Kinderbetreuung können sich die Gemeindemitglieder seine Sonntagspredigt im Internet anschauen. Diese hat er mit einer Kamera aufgenommen, das Video hat er online auf Youtube und Facebook geteilt. Wie für Opifanti ist der Gottesdienst für ihn ein Zeichen der Gemeinschaft: „Jeder kann natürlich auch zu Hause im stillen Kämmerlein die Bibel lesen, aber die Gemeinschaft gehört zum Glauben dazu“, sagt er.

Derzeit entwickele man eine Kraft für Neues

Inzwischen haben fast 2000 Leute das Video angeschaut. „Es gibt natürlich auch auf ARD und ZDF Fernsehgottesdienste. Aber viele freuen sich, den eigenen Pfarrer zu sehen“, sagt Geiger. Trotzdem könne ein Onlinevideo den Gottesdienst natürlich nicht per se ersetzen: „Es ist, wie wenn man einen Stadionbesuch mit der Fernsehübertragung vergleicht: Die Infos kommen an, die Emotionen weniger“, sagt er. Zudem dürften auch nicht alle Gläubigen Übung mit Smartphone und Laptop haben. Für Ostern hat der Pfarrer aus Sielmingen übrigens auch eine Idee. Statt in der Kirche Kirche Saft und Hostien zu verteilen, könnten sich die Gemeindemitglieder vorab Brot und Traubensaft bereitstellen und das Abendmahl während des Onlinegottesdiensts vom Sofa aus feiern.

Die beiden Pfarrer werden in nächster Zeit ihr Vorhaben weiterführen. Opifanti sagt: „Wir entwickeln derzeit eine Kraft für Neues. Ich hoffe, dass wir als Kirche diese Innovationskraft beibehalten.“

Neue Wege
Weil es derzeit untersagt ist, persönlich zu Gottesdiensten zusammenzukommen, gehen viele Kirchen neue Wege. Predigten werden per Video gehalten, Newsletter verschickt, und die Gottesdienste können als Liveübertragung auf dem Telefon mitgehört werden. Unter anderem stellt Pfarrer Tobias Geiger aus Sielmingen seine Predigt dieses Wochenende als Video ins Netz. Zu finden ist dieses auf der Webseite der evangelischen Kirchengemeinde Sielmingen: www.ekg-sielmingen.de.

Instagram-Kanal Nicolai Opifanti feiert diesen Sonntag, 22. März, von 11 Uhr an auf seinem Instagram-Kanal @pfarrerausplastik einen Gottesdienst. 24 Stunden lang können die Nutzer den Gottesdienst anklicken, wer erst später einschaltet, findet den Gottesdienst abgespeichert in den Highlights.

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