Corona-Lernlücken in Baden-Württemberg Mehr Schulabbrecher durch die Pandemie?

Lernen unter Corona-Bedingungen macht vielen Schülerinnen und Schülern zu schaffen. Foto: dpa/Uli Deck

Corona reißt bei vielen Schülern Bildungslücken. Deshalb schnürt die neue grün-schwarze Landesregierung ein Hilfspaket. Ein Kinder- und Jugendgipfel soll klären, was am Ende reingepackt wird. Einige Details stehen aber jetzt schon fest.

Politik/Baden-Württemberg : Bärbel Krauß (luß)

Stuttgart - Welche Lücken die Schulschließungen in den Bildungs- und Entwicklungsstand der Schüler reißen, ist in Corona-Zeiten das bildungspolitische Sorgenthema Nummer eins nicht nur von Schülern, Lehrern und Eltern, sondern auch in der Bildungspolitik. Deshalb lösen Meldungen, wie die jüngst von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter verbreitete Nachricht über eine Verdoppelung der Schulabbrecherzahlen in Deutschland, Alarm aus. 104 000 Jugendliche, so die Organisation, könnten im laufenden Jahr die Schule ohne Abschlusszeugnis verlassen.

 

In Baden-Württemberg hat das Statistische Landesamt 2019 knapp 6300 Schulabbrecher (unter 154 000 Schulabgängern) gezählt. Dass die Pandemie und die Schulschließungen gerade die schwächeren Schüler hart trifft, bestätigt das Stuttgarter Kultusministerium. Eine Prognose will das Haus aber nicht abgeben, die Erwartung der Jugendämter nicht kommentieren.

Die Masterfrage der Bildungsforschung

Wie groß die durch Corona entstandenen Lernlücken sind, ist die Masterfrage der Bildungsforschung. Genaue Erkenntnisse fehlen. Es gibt aber immerhin eine wachsende Zahl von Indizien, die Schlaglichter auf die im ersten vollen Coronaschuljahr aufgelaufenen Defizite werfen. Lehrerverbände schätzen, dass seit Beginn der Pandemie 400 bis 600 Unterrichtsstunden pro Schüler weggefallen sind. Der Bildungsökonom Ludger Wößmann hat bei einer Elternbefragung ermittelt, dass Kinder während der Schulschließungen im Frühjahr 2021 täglich 4,6 Stunden mit Lernaktivitäten verbracht haben gegenüber 7,5 Stunden vor Beginn der Pandemie. Das wären täglich 2,9 Ausfallstunden. Zu einem gesamtdeutschen Bildungsdefizit oder einer durchschnittlichen Bildungslücke je Schüler lassen sich solche Einzelbeobachtungen nicht verdichten.

Keine Entwarnung - aber Indizien, die Hoffnung nähren

Dennoch bestreitet niemand, dass wegen Lockdown, Wechselunterricht oder Quarantäne den Schülern erheblich weniger Stoff vermittelt werden konnte. Das Stuttgarter Kultusministerium verweist in aller Vorsicht trotzdem auf zwei Indikatoren aus dem vorigen Corona-Schuljahr, wonach die Defizite für die meisten Schüler doch überschaubar geblieben sein könnten. „Bei den Abschlussprüfungen 2020 haben sich keine gravierenden Unterschiede zu den Vorjahren gezeigt, so war der Abiturschnitt im vergangenen Jahr sogar etwas besser als 2019“, erklärte der stellvertretende Direktor des Instituts für Bildungsanalysen (IBBW), Michael Siefert. Zweites Indiz ist die Lernstandserhebung 5 aus dem vorigen Herbst in den fünften Klassen. „Dort haben wir für Mathematik einen Lernrückstand von etwa einem Monat diagnostizieren können“, sagte Siefert.

Als Entwarnung will der IBBW-Vize das aber nicht verstanden wissen: Die aktuellen Erhebungen zum Wissensstand der dritten, fünften und achten Klassen stehen noch aus. „Erst wenn diese Ergebnisse vorliegen, können wir über den Lernstand der Schülerinnen und Schüler qualifizierte Aussagen treffen.“ Außerdem setzt das Haus darauf, dass mit Nachlernprogrammen gegengesteuert wird.

Dass bundesweit etwas passieren muss, um die Defizite zu bewältigen, ist unumstritten. Der Deutsche Lehrerverband schätzt, dass jeder fünfte von bundesweit elf Millionen Schülern zusätzlichen Unterricht benötigt, um Lücken zu schließen – im Südwesten wären das 300 000 Jungen und Mädchen. In Berlin und in den Landeshauptstädten werden Hilfsprogramme gezimmert. Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) will eine Milliarde Euro für Nachlernhilfen bereitstellen und entwickelt mit den Kultusministern der Länder ein Förderkonzept.

Grün-Schwarz plant Nachlernpaket nicht nur für die Ferien

Die grün-schwarze Regierung in Stuttgart hat sich in ihren Koalitionsverhandlungen bereits auf ein Bildungspaket zur Abfederung der Corona-Krise verständigt. Details sollen, wie die grünen und schwarzen Unterhändler erklären, nach einem baldigen Kinder- und Jugendgipfel der neuen Landesregierung festgezurrt werden. Dass es nicht nur mit „Lernbrücken“ während der Sommerferien getan ist, wie im vorigen Jahr, dass pensionierte Pädagogen, Lehramtsstudenten und externe Fachleute diesmal mit eingesetzt werden sollen, ist Konsens in den Koalitionsverhandlungen. Ebenso unstrittig ist, so hört man, dass Nachlernprojekte möglichst schon in diesem Schuljahr beginnen und weit bis ins nächste Schuljahr hinein angeboten werden sollen – und dass der künftige Kultusminister sich das Programm für die Corona-Bewältigung nicht aus den Rippen des eigenen Etats schneiden muss, sondern zusätzliches Geld dafür erhalten soll.

Was auch noch wichtig ist: Schwarzmalerei hat Konjunktur

Ursprünglich ging die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter mit einer Prognose von doppelt überhöhten Schulabbrecherzahlen hausieren: Lorenz Bahr, der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter, hatte gegenüber den Funke-Medien erklärt, er rechne mit „210 000 Schulabbrechern in 2020 und genau so vielen noch einmal in diesem Jahr“ statt mit den zuletzt bundesweit registrierten 104 000 Betroffenen. Viele Nachrichtenagenturen und Onlinemedien haben sie veröffentlicht. Beide Zahlen sind falsch.

Fakt ist, dass es laut Statistischem Bundesamt 2019 insgesamt 52 833 Schulabbrecher in der Bundesrepublik gab; das sind 6,6 Prozent der Absolventen. Wegen der Corona-Einschränkungen für die Schulen erwartet die Bundesorganisation der Jugendämter 2020 und 2021 jeweils 104 000 und beruft sich auf eine Umfrage des Instituts für Sozialpädagogische Forschung Mainz (ISM). Es wäre schlimm genug, wenn diese Erwartung einträfe. Aber immerhin droht nicht, wie die falschen Angaben insinuierten, jeder Vierte von zuletzt 800 772 Schulabgängern wegen Corona ohne Abschlusszeugnis die Schule zu verlassen. Bewahrheitet sich diese Prognose, wären 13 Prozent der Schüler betroffen. An dieser Einschätzung hält Lorenz Bahr, wie er am Telefon betont, fest; vielen Jugendlichen stehe ein „Stolper-Start“ ins Erwachsenenleben bevor, weil sie die Schule ohne Abschluss verlassen.

Hinweise, dass da ein Fehler passiert ist, gab es von der Organisation tagelang nicht. Erst auf Anfrage unserer Zeitung räumte Bahr ein, dass man keinen Versuch unternommen habe, die falsche Darstellung mit ihrem breiten Widerhall in den Medien, zu korrigieren. Inzwischen entschuldigt sich die Bundesarbeitsgemeinschaft auf ihrer Homepage dafür, dass eine „falsche Zahl sich verselbstständigt“ habe. Schlecht gefahren ist die Jugendämter-Organisation mit ihrer Falschmeldung nicht: Bei einem Treffen mit Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) wurden zwei Milliarden Euro für ein Corona-Aufhol-Paket für Kinder und Jugendliche ausgelobt. Profitieren sollen die Schulen und die Jugendhilfe – zu der die Jugendämter zählen.

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