Corona-Nöte im Basketball Die NBA als Corona-Risikogebiet

Ausgebremst: Maxi Kleber (re.) hat sich mit dem Coronavirus infiziert. Foto: AFP/Matthew Stockmann
Ausgebremst: Maxi Kleber (re.) hat sich mit dem Coronavirus infiziert. Foto: AFP/Matthew Stockmann

Angesichts der bedenklich hohen Infektionszahlen im US-Basketball, der vielen Auswärtsreisen und des enorm engen Terminplans stellt sich die Frage: Gehen den Clubs womöglich die Spieler aus?

Boston/Stuttgart - Die beste Basketball-Liga der Welt wusste, worauf sie sich einlässt. Allen war klar, dass der größte Kontrahent diesmal keine Pässe spielt, keine Körbe wirft, keine Siege sammelt, in keiner Tabelle auftaucht. Sondern unsichtbar ist. „Als Trainer willst du, dass die Sorgen deines Teams sich um Basketball drehen“, sagt Doc Rivers, der Coach der Philadelphia 76ers, „doch derzeit haben unsere Sorgen nichts mit Basketball zu tun.“ Sondern mit einem Virus, gegen das die NBA noch vor einem halben Jahr ein gutes Rezept hatte. Doch nun, nach dem Start der neuen Saison am 22. Dezember, kehren die Infektionen zurück. Eine Liga wird zum Corona-Risikogebiet.

Am Donnerstag veröffentlichten die Verantwortlichen letztmals Zahlen. Demnach wurden bereits 63 der 550 NBA-Profis positiv getestet – mehr als zehn Prozent. Und am Wochenende stieg die Quote weiter an. Mit der Folge, dass manchen Vereinen die Spieler auszugehen drohen.

Beunruhigende Meldungen

Am Samstag stand den Philadelphia 76ers gegen die Denver Nuggets nicht mal mehr die Hälfte ihres Kaders zur Verfügung, das Team brachte gerade noch die Mindestzahl von acht Profis zusammen. Am Sonntag folgte dann die zweite Absage der Saison: Den Boston Celtics, auch nur noch zu acht, weil neben zwei Verletzten sieben Spieler ins Corona-Protokoll der Liga aufgenommen worden waren (entweder als Infizierte oder als Kontaktpersonen), blieb es erspart, gegen die Miami Heat antreten zu müssen. Der Gegner aus Florida hätte zum Spielbeginn um 19 Uhr überhaupt keinen Akteur einsetzen dürfen. Ein unklares Testergebnis zog laut den Corona-Bestimmungen der NBA zwangsläufig eine Kontaktverfolgung im Team nach sich, die in der Kürze der Zeit nicht mehr zu schaffen war.

Zugleich gab es beunruhigende Meldungen aus Dallas: Neben dem deutschen Profi Maximilian Kleber haben sich offenbar drei weitere Mitspieler mit dem Coronavirus infiziert, angeblich haben die Mavericks ihr Trainingszentrum geschlossen. Eine Bestätigung stand allerdings noch aus. Unumstößlich ist, was Michael Malone, der Trainer der Denver Nuggets, angesichts der täglich zwischen 200 000 und 300 000 Corona-Neuinfektionen in den USA sagt: „Wir fangen an zu sehen, dass das, was in unserem Land vor sich geht, auch die NBA direkt betrifft.“ Und das ist eine durchaus neue Erfahrung.

Blase in Disney World

Noch im Spätsommer hatte die beste Basketball-Liga der Welt die Saison 2019/20 erfolgreich zu Ende gebracht – mit riesigem finanziellem Aufwand in einer Blase in Disney World in Orlando/Florida (angeblich soll alleine die Einrichtung des Sicherheitsbereichs rund 140 Millionen Euro gekostet haben). In den zweieinhalb Monaten, in denen die 22 einkasernierten Teams den neuen Titelträger ausspielten, gab es keinen einzigen Corona-Fall. Doch die Immunität endete mit der Rückkehr in den Alltag.

Weiterhin gilt für die NBA-Profis zwar die Ansage, ihre Kontakte strikt zu beschränken, sich an die Schutzmaßnahmen zu halten und extrem vorsichtig zu sein. Doch sie leben nun in ihren Häusern, sind in ihre Familien integriert, müssen aufgrund der zahlreichen Auswärtsspiele extrem viel reisen. Auch wegen der hohen Zahlen in der National Football-League (NFL), in der sich zwischen dem 1. August und Weihnachten 560 Spieler und Teammitglieder infizierten, ist Doc Rivers, was die Saison im Basketball angeht, ziemlich skeptisch: „Ich mache mir große Sorgen, ob wir das hinbekommen.“

Enger Terminplan

Die Liga begegnet der bedrohlichen Lage mit strengen Regeln. Die Profis werden täglich getestet, frühestens zehn Tage nach einem positiven Corona-Test oder den letzten Symptomen dürfen sie wieder trainieren. Zunächst zwei Tage lang allein, erst danach (und nach einer Herzmuskeluntersuchung) wieder mit der Mannschaft. Kontaktpersonen müssen mindestens sieben Tage lang in Quarantäne. Obwohl die Saison auf 72 Partien pro Team verkürzt wurde, ist der Terminplan immer noch sehr eng – vier bis fünf Partien pro Woche sind üblich. Weil die Regeln so strikt sind, haben Infektionen sportlich umso größere Auswirkungen: Nach einem positiven Test fehlt ein Profi stets etliche Spiele. „Wir als Trainer gehen davon aus, dass es abnormal sein wird, die Bestbesetzung beisammen zu haben“, sagt Frank Vogel, Coach von Titelverteidiger Los Angeles Lakers. Und das ist noch positiv gedacht.

Derzeit sieht es sogar so aus, als würde es stattdessen immer wieder Clubs geben, die nicht genügend einsatzfähige Basketballer haben. Trotzdem denkt die NBA offiziell (noch) nicht darüber nach, den Spielbetrieb auszusetzen. „Wir haben erwartet, dass es zu Verschiebungen kommen würde, und entsprechend geplant“, sagt Sprecher Mike Bass, „es gibt keine Pläne für eine Pause.“

Aber mit Sicherheit ein Konzept, das die Rückkehr in die Blase zum Inhalt hat. Alles andere wäre ziemlich unprofessionell. Denn der härteste Gegner in dieser Saison darf auf gar keinen Fall unterschätzt werden.

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