Ich bin zu Besuch in der Heimat. Es ist Mitte August 2020 und wir sitzen bei strahlendem Sonnenschein auf der Terrasse. „Dass wir beide diskutieren, ist sinnlos. Du wirst das nie glauben“, sagt sie mir. Ein Stich mitten ins Herz, nachdem ich über Monate versucht habe Meinung und Überzeugung trennscharf zu halten. Ich hatte akzeptiert, dass meine Aussagen ins Leere laufen und sich unsere Gespräche im Kreis drehen. Doch der Vorwurf, dass ich es nicht verstehe, dass sowieso die Jugend es vor allem nicht verstehe, geht zu weit. Tränen fließen – zuerst bei mir, dann bei meiner Mutter. Als sich unsere Blicke treffen, zerbricht zum ersten Mal die Mauer, die unsere Lebenswelten trennt. Es wird sich entschuldigt. Doch so plötzlich die Tränen flossen, so schnell ist die Mauer Tage später wieder aufgebaut.
Ein Anruf stellt die Welt auf den Kopf
Wovon meine Mutter spricht, bezeichne ich als Verschwörungsmythen. Sie bestimmen seit April letzten Jahres ihr Leben. Zuhause am Esstisch hatten wir selten über Politik gesprochen. Wenn überhaupt waren es mein Vater und ich, die Nachrichten verfolgt und Gespräche dazu angestoßen hatten. Umso überraschender war es für mich, mit welchem Selbstbewusstsein sie plötzlich über die Corona-Pandemie sprach. Es ist im April 2020, als wir das erste Mal dazu telefonieren.
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Ein Gefühlschaos bricht in mir aus. Ich bin verwirrt und frage mich, ob das alles nur ein Scherz ist: Kinder, die im Untergrund festgehalten und gequält werden, um Adrenochrom zu gewinnen, das den Alterungsprozess entschleunigen soll – „schau dir doch die Queen von England an!“. Covid-19, ein Virus, das geplant wurde. Bill Gates, der Zwangsimpfungen auf der ganzen Welt durchsetzen will und Zahlen von Grippeerkrankten, die mit der Anzahl von Covid-19-Patienten wild hin- und hergeworfen werden.
Für diese Behauptungen nennt meine Mutter keine wissenschaftlichen Belege und ihre Informationen bezieht sie aus Sozialen Medien wie Telegram oder YouTube. Während bei mir alle Alarmglocken rot leuchten, merke ich: Sie meint es ernst. Ich bin schockiert, betroffen und hilflos zugleich. Was in ihrer Welt passiert, macht für mich keinen Sinn. Vertrauenswürdige Quellen werden zum Definitionsproblem zwischen uns.
Sie erkrankt an Covid-19
Als ich in eine andere Stadt ziehe, ist es Herbst 2020. Die Entfernung zwischen uns ist größer denn je. Uns trennen über 800 Kilometer und ich merke, wie gut mir diese Distanz tut – sorry Mama, aber ich habe selbst zu kämpfen. Die Pandemie zehrt an meinen Kräften. Mein Sozialleben steht fast still und ich bemühe mich, meine Studienleistungen aufrecht zu halten.
Ich greife seltener zum Telefon, um anzurufen und zu fragen, wie es ihr geht. Doch dann erhalte ich im November die Nachricht: „Du pass auf, der Papa hat sich das Virus eingefangen“, sagt sie. Natürlich hat sich meine Mutter kurze Zeit später auch mit Covid-19 infiziert.
Aus der Ferne appelliere ich an beide, sie sollen das Virus nicht auf die leichte Schulter nehmen. Sie sollen sich melden so oft es geht. Sie sollen zuhause bleiben und niemanden der Gefahr aussetzen, sich anzustecken. Das haben sie gemacht und wir hatten Glück. Weder mein Vater noch meine Mutter hatten einen schweren Verlauf und ich bin sehr dankbar, dass sie wieder gesund sind.
Wie sich jedoch Wochen später herausstellen sollte, hat auch die Covid-19 Erkrankung nichts an dem mit Verschwörungsmythen behafteten Weltbild meiner Mutter geändert.
Was bedeutet Meinungsfreiheit?
Ich packe meinen Koffer für den Weihnachtsbesuch in der Heimat, aber die Vorfreude hält sich in Grenzen – zu sehr denke ich an die gebrochene Bindung zwischen mir und meiner Mutter. In meinem Herzen ist sie keine Querdenkerin, keine Verschwörungstheoretikerin und auch keine Corona-Leugnerin. Sie ist einfach meine Mama. Doch die Fotos von Flugzeugen mit angeblichen Chemtrails in WhatsApp, die Videos, die sie mir über Telegram schickt und ihr Sprachgebrauch, wenn sie von „unserer Obersten“ spricht und damit Bundeskanzlerin Angela Merkel meint, lassen meinen Verstand Anderes glauben.
Und so sitze ich wieder am Esstisch und höre kurz vor Weihnachten, wie sie behauptet, man dürfe seine Meinung ja nicht mehr frei äußern. Vehement verteidige ich das Grundrecht auf Meinungsfreiheit in Deutschland, beziehe mich auch auf Demonstrationen von Querdenker*innen, bis ich erkenne, was das eigentliche Problem ist: Meine Mutter verwechselt das Recht auf freie Meinungsäußerung mit dem gesellschaftlichen Druck, dem man ausgesetzt ist, wenn die eigene Meinung nicht der Mehrheitsmeinung entspricht. Mir fehlen die Worte.
Verschwörungen aus den USA
Als Rechtsextreme und Verschwörungsgläubige das Kapitol in den Vereinigten Staaten im Januar 2021 stürmen, will ich einfach nur aus meinem Albtraum aufwachen. Ich habe mich gefreut, dass Joe Biden die Präsidentschaftswahl gewonnen hat – eine Wahl, deren Ausgang meine Mutter aber nicht anerkennt, denn die Ergebnisse seien ja gefälscht. Noch immer definieren wir vertrauliche Quellen unterschiedlich. Sie sieht Trump als Schlüsselfigur, um die Strukturen des Deep State zu durchbrechen und um die Kinder aus dem Untergrund zu befreien. Ich hingegen sehe Trump als Gefahr für die Demokratie – ein Ex-Präsident, der leichtsinnig Öl in das Feuer seiner fanatischen Anhänger*innen gegossen hat.
Respekt gegenüber Angehörigen zeigen
Wenn wir nicht über die Pandemie sprechen, verstehen wir uns gut. Doch ich schätze wir wissen beide, dass unser Mutter-Tochter-Verhältnis nicht mehr das Gleiche ist und das schmerzt. Am liebsten möchte ich die Mauer zwischen unseren Welten einfach einreißen. In diesem Kampf fühle mich jedoch allein gelassen, denn Unterstützung aus der Gesellschaft oder von der Politik habe ich bisher kaum erlebt.
Seit Beginn der Pandemie wurden Querdenker*innen abgestempelt. Aus Kreisen von Studienkolleg*innen höre ich, dass diese Leute belehrt werden müssen und auch sehr abfallende Worte werden genutzt. Es fehlt an Reflektion und an Respekt besonders gegenüber den Angehörigen dieser Personen, die lange vergessen wurden. Nicht alle Querdenker*innen gehören zum radikalen Kern der Szene, sind antisemitisch oder nationalistisch. Manchen ergeht es wie meiner Mama, die sich festgefahren hat in einer Parallelwelt, deren Ausgang versperrt bleibt.
Medienkompetenz in den Bildungsplänen
Von der Politik erwarte ich endlich die Verankerung von Medienkompetenz in den Bildungsplänen aller Länder, und zwar für alle Bildungswege, und gleichzeitig mehr Angebote für Erwachsene. Eine fehlende Medienkompetenz darf nicht zur Zerreißprobe für Familien werden. Ich hoffe auch, dass die Angebote für psychische Beratungen ausreichen und allen zugänglich gemacht werden, um die durch Verschwörungsmythen entstandenen Belastungen aufzufangen.
In meinem Albtraum stecke ich noch immer fest. Unsere nächste Zerreißprobe wird die Covid-19 Impfung sein. Einen Termin habe ich noch nicht bekommen und wenn, werde ich es vermutlich für mich behalten.