InterviewCorona-Pandemie Clemens Prokop: „Olympische Spiele im Sommer 2020 wären eine Farce“

Von Jochen Klingovsky 

Warum der IOC-Kritiker und ehemalige Leichtathletik-Funktionär Clemens Prokop den Herren der Ringe verantwortungsloses Handeln vorwirft.

Das Coronavirus gefährdet auch die Olympischen Sommerspiele in Tokio. Foto: dpa/Jae C. Hong
Das Coronavirus gefährdet auch die Olympischen Sommerspiele in Tokio. Foto: dpa/Jae C. Hong

Stuttgart - Clemens Prokop ist nicht nur der frühere Chef des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, sondern auch ein Vordenker. Eine Verlegung der Olympischen Spiele 2020 aufgrund der Corona-Pandemie ist aus seiner Sicht alternativlos.

Herr Prokop, das Internationale Olympische Komitee (IOC) wiederholt gebetsmühlenhaft, vom Erfolg der Olympischen Sommerspiele in Tokio überzeugt zu sein. Sind Sie das auch?

Keineswegs.

Sondern?

Ich halte die Handlungsweise des IOC unter Aspekten der Vernunft für nicht nachvollziehbar.

Warum?

Es ist nicht nur naiv, sondern einfach nur dumm, so zu tun, als ob sich die Corona-Krise in den nächsten vier Monaten weltweit erledigt haben könnte. Ohne Virologe sein zu müssen, kann ich sagen: Das wird sicher nicht der Fall sein. Oder gibt es heute, knapp drei Monate nach dem Ausbruch in Wuhan, irgendein Gebiet auf der Welt, in dem sich das Problem endgültig erledigt hat?

Was heißt das für die Sommerspiele, die am 24. Juli in Tokio beginnen sollen?

Wenn das Corona-Problem bis dahin nicht weltweit gelöst ist, könnten – bei einer verantwortungsvollen Organisation - ganze Kontinente nicht teilnehmen. Dann wären es vielleicht noch partielle Erdteilwettkämpfe, aber nicht die Olympischen Spiele, die wir kennen. Sie hätten weder Herz noch Seele. Zudem gibt es noch einige weitere große Probleme.

Zum Beispiel?

Ich kenne viele deutsche Athleten, bei denen herrscht die pure Verzweiflung, weil Trainingslager gestrichen sind und alles geschlossen ist – Sportstätten, Fitnessstudios, Olympiastützpunkte. Dazu droht noch eine baldige Ausgangssperre. Und das in einer absolut entscheidenden Phase, in der im Training die Weichen für die sportliche Leistungsfähigkeit und damit die Ergebnisse in den Sommermonaten gestellt werden.

Was ist die Folge?

Weil die Trainingsmöglichkeiten für die Athleten – weltweit betrachtet – aktuell sehr unterschiedlich sind, steht bereits jetzt fest, dass es bei Olympischen Spielen keine Leistungs- und Chancengleichheit geben würde, sondern nur eine riesige Wettbewerbsverzerrung. Schon allein wegen dieses Umstands wären Sommerspiele im Juli und August 2020 absurd und eine einzige Farce.

„Es gibt kein funktionierendes Doping-Kontrollsystem mehr“

Gibt es weitere Gründe, die gegen eine Austragung sprechen?

Ja. Es ist doch schon jetzt klar, dass die ausstehenden Qualifikationswettbewerbe nicht mehr verantwortungsvoll organisiert und durchgezogen werden können. Ein Beispiel: Es wird in den nächsten Monaten kein Marathon mehr stattfinden. Wo soll also ein Marathonläufer seine Qualifikationszeit laufen?

Ist es nicht möglich, die Normen zu ändern oder aufzuweichen?

Natürlich. Aber nicht auf gerechte Art und Weise. Und das würde unweigerlich zu großen und womöglich langwierigen Rechtsstreitigkeiten führen.

Was ist mit den Doping-Kontrollsystemen?

Das ist der nächste Punkt. Das System ist in Zeiten der Corona-Pandemie zu weiten Teilen außer Kraft gesetzt. Wenn überhaupt, dann wird in einzelnen Ländern nur noch sehr lückenhaft kontrolliert. Ich würde sagen, dass es aktuell weltweit kein funktionierendes Doping-Kontrollsystem mehr gibt. Das ist in Zeiten einer solchen Krise natürlich nachvollziehbar…

…verschafft Dopern aber viel Raum zur Manipulation.

So ist es.

Thomas Bach ist als Krisenmanager ungeeignet“

Wie lautet Ihr Fazit?

Für mich ist klar, dass Olympische Spiele im Sommer 2020 nicht verantwortbar sind und eine Austragung keinen Sinn ergibt.

IOC-Präsident Thomas Bach erzählt bisher das Gegenteil.

Ich halte ihn als Krisenmanager für ungeeignet, weil er nicht die erforderlichen Entscheidungen trifft. Das IOC betreibt derzeit jedenfalls das Gegenteil von einem verantwortungsvollen Krisenmanagement.

Was müssten die Herren der Ringe tun?

Ehrlich und, was sie ja immer propagieren, im Sinne der Athleten handeln. Durch die aktuelle Taktiererei nähren sie doch nur das Vorurteil, dass sie vor allem unter wirtschaftlichen Aspekten entscheiden.

Was wäre im Sinne der Athleten?

Endlich auszusprechen, dass die Verlegung der Olympischen Spiele alternativlos ist. Und dann den Plan B mit einer klaren Strategie vorlegen.

Wie müsste diese aussehen?

Das IOC muss mit Tokio darüber verhandeln, ob die Stadt in der Lage ist, entweder im Sommer 2021 oder im Sommer 2022 Gastgeber der Olympischen Spiele zu sein.

Wenn nicht?

Müsste es aus meiner Sicht möglich sein, für 2022 einen alternativen Ausrichter zu finden.

Ist das die einzige realistische Vorgehensweise?

Das beantworte ich mit einem eindeutigen: Ja! Bereits jetzt gibt es durch die unterschiedlichen Trainingsmöglichkeiten eine Wettbewerbsverzerrung, die sich in den nächsten Wochen noch verschärfen wird – dieses Szenario ist unwiderruflich eingetreten, und schon allein diese Tatsache bedingt eine Verlegung. Unabhängig von der Frage, wie sich die Corona-Pandemie weiterentwickeln wird.

Sehen das die Athleten auch so?

Da bin ich mir sicher. Thomas Bach und seine IOC-Kollegen müssen im Sinne der Sportlerinnen und Sportler, die ihr Leben und Handeln an ihrem olympischen Traum ausrichten, endlich für Klarheit sorgen. Es bleibt dem IOC nichts anderes übrig, als jetzt die Konsequenzen aus der Corona-Krise zu ziehen - das ist es den Athleten schuldig.