Corona-Pandemie Mitgliederschwund kaum zu stoppen

Turnen gehört zu den Sportarten, welche während der Corona-Pandemie mit am meisten Mitglieder verloren haben. Foto: Leif Piechowski/LICHTGUT
Turnen gehört zu den Sportarten, welche während der Corona-Pandemie mit am meisten Mitglieder verloren haben. Foto: Leif Piechowski/LICHTGUT

Trotz aller Improvisationskunst: Wegen des Corona-Lockdowns verzeichnen die Sportvereine in Stuttgart viele Austritte.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)
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Stuttgart - Beim MTV Stuttgart waren sie erfinderisch. 840 Videos haben sie online gestellt mit vielen Fitnessübungen und -kursen. Mehr als zwei Millionen Klicks landeten auf der Webseite. Nicht nur der mitgliederstärkste Stuttgarter Sportverein hat sich etwas einfallen lassen, um während des Lockdowns, der von November 2020 bis in den Spätfrühling 2021 fast jede Aktivität untersagte, den Kontakt zu den Mitgliedern nicht komplett zu verlieren. Dennoch musste der Club einen negativen Saldo für 2020 schreiben – am Jahresende waren es knapp 600 Menschen weniger als im Januar 2020. „Wir sind noch glimpflich davongekommen“, sagt Geschäftsführer Daniel Wall-Massetti, „wir hatten mehr befürchtet.“ Knapp 8600 Mitglieder sind aktuell im Club am Kräherwald.

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Mit dem Mitgliederschwund ist der MTV nicht allein. Rund eine Million Sporttreibende haben Clubs in Deutschland im vergangenen Jahr eingebüßt, in Baden-Württemberg lag die Minusrate bei 2,4 Prozent, das entspricht rund 53 400 Sportlern. „Das ganze Ausmaß bekommen wir erst bei der nächsten Bestandserhebung Anfang 2022 zu sehen. Dann finden sich die Auswirkungen des zweiten Lockdowns in den Zahlen wieder“, sagt Präsident Andreas Felchle vom Württembergischen Landessportbund. Sportvereine mit bis zu 1500 Mitgliedern kamen meist stabil durch die Krise (-0,6 Prozent), bei den Großvereinen mit mehr als 1500 Mitgliedern bewegt sich der Verlust bei etwas mehr als sechs Prozent. Einige liegen aber bei über 15 Prozent. Hart erwischt wurden die TSG Heilbronn (-16,7 Prozent) und der TSV Schmiden (-15,6). Beim TSV lag der Einbruch von rund 900 Austritten an der Zwangsschließung des Fitnessstudios Activity und des Sportforums. Auch der MTV musste verkraften, dass das eigene Sportstudio Motiv monatelang leer stand – so fehlte dem Club ein mittlerer fünfstelliger Betrag im Etat. Ohne die nötigen Coronahilfen vom Staat wären sowohl der TSV Schmiden als auch der MTV heftigst gebeutelt worden.

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Nun ist es aber nicht so, dass den Vereinen die Leute davongelaufen wären, weil sie den Beitrag sparen wollten. Der Rückgang hat auch einen anderen Grund: Weil wegen des Lockdowns fast niemand neu eingetreten ist, konnten Abgänge nicht kompensiert werden. Besonders die Kinder jünger als Jahrgang 2011 fehlen. Deshalb hat die Sportart Turnen besonders unter dem Sportverbot gelitten, weil traditionell viele Menschen in dieser Sparte (Eltern-Kind, Kindersportschule) zu den Vereinen stoßen. „Die Fluktuation“, sagt Hannes Haßpacher vom Schwäbischen Turnerbund (STB), „hat sich kaum verändert, aber uns fehlen Neumitglieder speziell im Kinderbereich.“ Der STB hat die Turnabteilungen unterstützt, indem er eine Plattform aufgebaut hat, auf der die Clubs Online-Kurse anbieten konnten.

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Auch Eishockey war stark betroffen, die Laufschule beim Stuttgarter EC, in der die Neulinge ab drei Jahre herangeführt werden, liegt seit November brach – dem Club fehlt ein gesamter Jahrgang, also 20 bis 30 Neueintritte. Im Etat verbirgt sich dahinter ein guter vierstelliger Betrag. „Das spüren wir schon“, sagt Vorstandsmitglied Philipp Kordowich, „ich denke, dass die Kids wiederkommen, aber eine Delle im Mitgliederbereich bleibt.“ Auch der SEC hat sich etwas einfallen lassen. Für die älteren Jahrgänge hat der Verein eine Fläche mit Kunsteis in Reutlingen angemietet, so dass der Nachwuchs nun über den Sommer trainieren kann, da auf der Waldau die Eisfläche längst abgetaut ist – sonst fallen die Talente sportlich zu weit zurück. Bei der Finanzierung der Aktion konnte sich der SEC auf Sponsoren sowie die Unterstützung der Eltern verlassen. Der SEC kommt dadurch nicht in eine finanzielle Schieflage. „Wir kalkulieren vorsichtig und können uns auf die Sponsoren verlassen“, sagt Kordowich. Zudem hat die Landesregierung die Förderung für die Coronafolgen ausgebaut und verlängert.

Doch schon schwebt das nächste Damoklesschwert über den Clubs: die Sommerferien, in denen kommunale Sportstätten geschlossen sind. STB-Mann Haßpacher appelliert: „Für den Sport wäre das wichtig, dass die Angebote in den Ferien bestehen bleiben.“ Er dürfte damit wahrscheinlich für alle Sportvereine in Deutschland sprechen.

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