Corona-Pandemie und Waldorfschulen Widerspenstige „Waldis“

Zu Waldorfschulen gehört Eurythmie, das zeigt dieses Foto aus Vor-Corona-Zeiten. Dahinter steckt aber mehr als Namentanzen. Foto: Mauritius/Alamy/Edu Wales, privat

In der Corona-Pandemie fallen Anthroposophen und Waldorf-Anhänger immer wieder als Gegner der Schutzmaßnahmen auf. Das hat wenig mit Verschwörungen, aber viel mit dem Freiheitsbegriff zu tun.

Klima und Nachhaltigkeit: Julia Bosch (jub)

Stuttgart - Kein einziger Mund, keine einzige Nase blitzt an diesem Mittag hervor. Schüler, Lehrerinnen, Elternteile, Mitarbeiter: Sie alle tragen vorbildlich Maske. Selbst während einige jüngere Schüler übermütig die Treppe ins Obergeschoss hochrennen, verrutscht nichts. Und das an einer Waldorfschule – also an einer jener Schulen, die jüngst in die Schlagzeilen kamen, weil Eltern gegen die von der Bundesregierung angeordnete konsequente Maskenpflicht protestiert hatten.

 

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie sind Anhänger der Anthroposophie immer wieder als Gegner der Schutzmaßnahmen aufgefallen. Auf den Bühnen der sogenannten Hygienedemonstrationen hatten sich anthroposophisch orientierte Ärzte geäußert und Politiker an den Pranger gestellt. Und an der Waldorfschule Filstal in Göppingen hatten Eltern „Ich kann nicht atmen“ sowie andere maskenkritische Parolen auf Pappschilder geschrieben. Außerdem wurden Plüschtiere vor der Schule platziert und Botschaften auf Pflastersteine gekritzelt. Viele Medien berichteten darüber. Zur Wahrheit gehört: Dieselbe Aktion gab es am selben Tag auch an einer Göppinger Realschule, darüber wurde hingegen so gut wie gar nicht berichtet.

„Schonen Sie unsere Kräfte!“, bat die Schulleitung

„Ich kann schwer einschätzen, wie viele Waldorfschüler und -eltern tatsächlich an solchen Protestaktionen beteiligt sind“, sagt Ute Berthold, Lehrerin an der Michael-Bauer-Schule, einer Waldorfschule in Stuttgart-Vaihingen. Ihre Kollegin Ellen Gaiser ergänzt: „Als wir von dieser Aktion in Göppingen gelesen haben, sind wir schon erschrocken. Wir haben uns gefragt, ob dies auch an unserer Schule passieren könnte.“ Die Maskenpflicht habe die Schule relativ kurzfristig ereilt, dies habe auch dort Unmut unter Eltern hervorgerufen.Lehrer und Schulleitung hätten etliche Telefongespräche führen müssen, Mails sowie Elternbriefe versandt. In einem Elternbrief Ende Oktober wurde die Schulleitung dann sehr deutlich: „Schonen Sie unsere Kräfte!“, hieß es. Lehrer und Schulverwaltung sähen sich mit vielen Anfragen und Meinungsbekundungen konfrontiert. „Es ist der Schule in den meisten Fällen nicht möglich, den Forderungen der Eltern nachzukommen.“ Dennoch würde man diese hören, lesen und auch ernst nehmen. Es dürfe an der Schule jedoch keine Stimmung damit gemacht werden.

Waldorfeltern wählen bewusst eine Alternative

„An Waldorfschulen spiegelt sich die gesamtgesellschaftliche Situation wider“, meint Henning Kullak-Ublick, Sprecher des Bunds der Freien Waldorfschulen. In Deutschland gebe es rund 90 000 Waldorfschüler samt Elternhäuser, „und da gibt es das gesamte Spektrum“. Wer aufgrund der Pandemie etwa seinen Job verloren oder monatelang kein Einkommen mehr habe, sei vielleicht „einfach am Ende seines Lateins“. Das Maskengebot sei bei manchen Eltern der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe.

Wer sein Kind an einer Waldorfschule anmelde, suche ja bewusst eine Alternative für seine Kinder, sagt Kullak-Ublick. Viele Eltern hätten ein erhöhtes Bedürfnis nach Partizipation sowie ein starkes Bewusstsein für demokratische Prozesse. „Freiheit ist an Waldorfschulen ein ganz wichtiger Begriff.“ Wenn nun Auflagen kämen, die bis an die Grundrechte reichten, sei es berechtigt, die Legitimationsfrage zu stellen. „Ich wehre mich dagegen, dass alle in einen Topf geworfen werden, die Fragen stellen.“ Infrage stellt der Waldorfpädagoge einige Maßnahmen durchaus. „Ob eine Maskenpflicht für Kinder im Grundschulalter mehr schadet als nützt, muss man sich als Lehrer doch fragen dürfen. Eine solche Abwägung muss ständig neu austariert werden.“

Abgrenzung von Hardlinern wie Hildmann oder Ballweg

Von Corona-Hardlinern wie Attila Hildmann oder dem Querdenken-Oberhaupt und Stuttgarter OB-Kandidaten Michael Ballweg distanziert sich der Bund der Freien Waldorfschulen mit Nachdruck. „Zwangsimpfungen, die Legende von Bill Gates oder die ewige Frage nach ‚Wer zieht im Hintergrund die Fäden?‘ sind Verschwörungserzählungen, die mit Waldorfpädagogik oder Anthroposophie nichts zu tun haben.“ Zuletzt habe man oft Rechtsextreme, „Reichsbürger“, Esoteriker und Anthroposophen in einem Atemzug genannt. „Unsere Lehrerinnen und Lehrer tun wirklich alles, um den Kindern den nötigen Schutz und trotzdem einen spannenden Unterricht zu bieten.“

Ist der Zusammenhang zwischen Corona-Skeptikern und Anthroposophen also falsch? Nein, nicht vollkommen, meint Helmut Zander, Religionshistoriker und Professor an der Universität Fribourg in der Schweiz. Er beschäftigt sich seit Jahren mit Waldorfpädagogik und den Ursprüngen. „Verschwörungstheorien stecken auch tief bei Rudolf Steiner drin.“

Verschwörungstheorien waren Rudolf Steiner nicht fremd

Der Gründer der Waldorfschulen habe zum Beispiel an eine freimaurerische Verschwörung gegen Deutschland im Ersten Weltkrieg geglaubt. „Mit vielen ihrer Ideen sind Anthroposophen auf Ablehnung gestoßen. Und sie haben gelernt, mit dieser Zurückweisung zu leben.“ Bei einigen Themen hätten sie aber Jahre später recht bekommen – etwa dass es nicht sinnvoll sei, Tiere mit Antibiotika vollzupumpen oder massenweise Pestizide zu versprühen.

Das habe dazu geführt, dass sich unter Anthroposophen der Glaube verfestigte, dass sie über Wissen verfügten, das übersinnlich begründet sei, das die Welt aber noch nicht verstehe. Anerkennung finde auch der hohe Anspruch auf individuelle Freiheit in der Waldorfpädagogik, wobei Eltern die autoritären Strukturen zu Beginn oft wenig bekannt seien.

Manche Ärzte unterstützen bei der Impfverweigerung

Beim Thema Impfungen hält Zander dieses Denken für problematisch. Natürlich sei es wichtig und berechtigt, über Impffolgen nachzudenken, die Skepsis vieler Waldorf-Anhänger gegenüber der Masernimpfung beispielsweise sei aber bedenklich: „Es sterben mehr Menschen an Masern als durch die Masernimpfung.“

Rudolf Steiner hatte zu Lebzeiten Impfungen eher als problematisch bezeichnet, aber nicht grundsätzlich abgelehnt. Heute gibt es beides: Anthroposophische Mediziner, die sich recht deutlich fürs Impfen aussprechen, andere hingegen unterstützen Eltern bei der Impfverweigerung, zum Teil auch gegen die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Instituts.

An der Michael-Bauer-Schule ist dies kein Thema: „Bei uns muss jeder einen Impfpass vorlegen, sogar Praktikanten“, erläutert Ute Berthold.

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