Herr Schauder, seit März lebt auch der Main-Tauber-Kreis mit der Corona-Krise, die Dinge schienen sich zu normalisieren, doch dann hatten Sie vor gut zwei Wochen einen plötzlichen Anstieg der Neuinfektionen. Was war passiert?
Wir hatten seit dem 14. Juli wieder ein verstärktes Infektionsgeschehen, die Wochen davor waren relativ entspannt, aber dann ging die Kurve hoch. Wir hatten von Mitte Juli bis vergangenen Freitag insgesamt 68 corona-positive Fälle, davon sind 54 gesichert auf eine Teilnahme von Bürgern bei einer Familienfeier im benachbarten europäischen Ausland zurückzuführen. Welches Land das war, hat für die Bewertung des Infektionsgeschehens keinen Belang, es ist aber kein Risikogebiet.
Wie haben Sie ermittelt? Arbeiten Gesundheitsämter wie die Polizei?
Ja, das gehört mittlerweile zum Instrumentarium der Ämter. Es war die Kunst herauszufinden, ob es sich um ein diffuses Infektionsgeschehen handelt oder eine bestimmte Quelle – und es war dann in der Tat diese Familienfeier im Ausland. Nach dem wir eine positive Corona-Meldung vorliegen hatten, musste die betroffene Person Kontaktlisten erstellen, mit wem mit sie in den letzten Tagen zusammen war, was sie unternommen hat. Diese Angaben werden auf Plausibilität geprüft. Auf die Weise kamen wir dem Virus auf die Schliche. Die Zusammenarbeit mit den betroffenen Personen war insgesamt positiv, im wahrsten Sinne des Wortes.
Sie haben auch Betriebe und Schulen untersuchen lassen?
Wir wollten nicht nur die engen Kontaktpersonen testen, im Fachjargon K1 genannt, wir wollten großflächige Testungen bei so genannten K2-Personen im weiteren Umfeld, also flüchtige Kontakte am Arbeitsplatz oder in einem sozialen Treffpunkt, wo die Leute sich weniger als 15 Minuten „face-to-face“ gegenüber stehen. Wir haben umfangreiche Tests auch im Arbeitsumfeld vorgenommen und bei Sozialtreffs, um Infektionsketten früh zu erkennen und zu unterbrechen. Es waren vier Schulen betroffen, es mussten Klassen in Quarantäne, auch zwei Kindergärten waren betroffen.
Ihr Landkreis hat 132 500 Bürger, wie viele haben Sie testen lassen?
Wir haben in den vergangenen zweieinhalb Woche ungefähr 250 Personen mit engem Kontakt zu den 54 Betroffenen getestet, aber zusammen mit den flüchtigen Kontaktpersonen kommen wir auf über 700 Testungen durch eigene Kapazitäten in unserem Abstrichzentrum. Hinzu kommen zahlreiche Tests bei niedergelassenen Ärzten, mit Sicherheit hatten wir jetzt ungefähr 1000 Tests im Landkreis nur im Zusammenhang mit dieser Familienfeier.
Haben Sie einen Tipp für Kollegen in anderen Landkreisen?
Nein, das wäre vermessen. Die Gesundheitsämter im ganzen Land arbeiten seit Monaten am Limit und machen hervorragende Arbeit. Auch woanders ist es schon gelungen, die Infektionsketten zu unterbrechen. Man muss auf die regionalen Bedürfnisse eingehen und kann die verschiedenen Fälle nicht über einen Kamm scheren. Für mich ist die Krise übrigens nicht vorbei, sie ist allgegenwärtig. Die Pandemie wird uns noch eine lange Zeit im täglichen Leben begleiten.