Corona: Schulen vor der Öffnung Der Elternvertreter schäumt vor Zorn
Nächste Woche sollen die ersten Schüler in die Klassenzimmer zurückkehren. Doch wie gut läuft das Krisenmanagement der Schulen?
Nächste Woche sollen die ersten Schüler in die Klassenzimmer zurückkehren. Doch wie gut läuft das Krisenmanagement der Schulen?
Stuttgart - Die Kultusminister der Länder haben sich für eine weitere Öffnung der Schulen vom 4. Mai an ausgesprochen. Dabei sollen bundesweit einheitliche Regelungen gelten, etwa bei der Hygiene oder der Schülerbeförderung. Das sagte Stefanie Hubig, Präsidentin der Kultusministerkonferenz, bei der Präsentation des Beschlusses am Dienstag. Klassen und Lerngruppen sollen zudem geteilt werden, damit der Mindestabstand von 1,50 Metern eingehalten werden kann – auch in den Pausen.
Jede Schule muss einen Hygieneplan aufstellen. Die Vorschriften sollen die Lehrer mit ihren Schülern einüben. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) betonte, die Einhaltung der Hygienestandards sei die zentrale Messlatte für weitere Öffnungen. Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann bittet die Eltern weiterhin um Verständnis und Geduld. Die Herausforderungen seien enorm, die Situation eine „bisher unvorstellbare Belastungsprobe“, schreibt sie in einem Brief an die Eltern, der am Dienstag versandt wurde.
Das Verständnis und die Geduld von Carsten T. Rees jedoch haben in letzter Zeit deutlich gelitten. Der Landeselternbeiratsvorsitzende kann kaum so schnell sprechen, wie er schimpfen möchte. Der Fernunterricht der vergangenen Wochen? „Ein großes Desaster. 20 Prozent der Lehrer sind komplett abgetaucht.“ Das Ziel, alle Schüler noch vor den Sommerferien zurückzuholen? „Blumige Ankündigungen ohne Substanz.“ Die Kommunikation mit der Elternschaft? „Der Dialog ist komplett eingestellt.“ Die Schullandschaft im Südwesten? „Ein Bildungsroulette. Nur wer Glück hat, erwischt eine gute Schule.“ Die Ausstattung der Schulen? „Viele Toiletten sind Seuchenherde“. Und was die Digitalisierung angeht, „sind wir in der Steinzeit“.
Beim Landeselternbeirat laufen zurzeit so viele E-Mails ein, dass sie nicht mehr einzeln beantwortet werden können. Viele Familien seien am Anschlag, hätten mit Existenzsorgen zu kämpfen – und mit Kindern, bei denen der Fernunterricht recht unterschiedlich laufe. Es gebe Lob für engagierte Lehrer, die auch aus der Distanz den Kontakt zu ihren Schützlingen hielten. Es hagelt aber auch Kritik an Pädagogen, die wochenlang nichts mehr von sich hätten hören lassen. Rees vermisst konkrete Konzepte aus dem Kultusministerium, wie die Rückkehr der Schüler und ihr Schutz denn konkret aussehen soll. „Stattdessen gibt Frau Eisenmann Durchhalteparolen heraus“, so Rees. „Diese Ministerin ist überfordert.“
Von ihren Lehrern kriegt die Ministerin nicht ganz so schlechte Noten. „Ich würde mir wünschen, dass ich nicht immer alles aus der Presse erfahre“, so Kathleen Kroll, stellvertretende Leiterin des Schiller-Gymnasiums in Marbach (Kreis Ludwigsburg), mit 2500 Schülern das größte Gymnasium im Land. Es laufe nicht alles rund, aber man habe eine solche Situation eben auch noch nie erlebt.
Kroll registriert eine große Unsicherheit, insbesondere bei den Abiturienten. „Viele haben Angst, dass sie sich jetzt anstecken und zur Prüfung dann krank sind.“ Mit den 250 Abiturienten werde reine Prüfungsvorbereitung gemacht, „wir sehen das eher als Angebot“.
Die Schüler der Lernstufe eins, die nächstes Jahr ihren Abschluss machen, werden in den Leistungsfächern sowie in Mathe und Deutsch unterrichtet. Wenn am 18. Mai das schriftliche Abitur beginnt, werden die Schüler in A- und B-Gruppen eingeteilt. In der einen Woche besucht Gruppe A die Schule, Gruppe B lernt daheim. In der Woche darauf wird gewechselt.
Kroll fände es wichtig, als Nächstes die Fünft- und Sechstklässler wieder an die Schule zu lassen, außerdem die Zehntklässler, die im Herbst ins Kurssystem wechseln: „Die müssen wir wieder auf einen Stand bekommen.“ Dass Frau Eisenmann schon angekündigt hat, alle Schüler würden versetzt, kam Kathleen Kroll zu früh: „In unserem Schulsystem gibt es für alles eine Leistungsbewertung. Unsere Schüler haben es nicht auf dem Schirm, dass sie etwas aus Spaß an der Freude machen sollen.“ Klar sei auch: „Wir sollten ganz schnell raus aus dem digitalen Mittelalter, es muss mehr Geld ins Bildungssystem fließen“, so die Marbacher Konrektorin.
„Die Politik agiert auf der Basis von Unwissen“, sagt Ralf Scholl, Chef des Philologenverbands, weil das Wissen über Covid-19 noch überschaubar sei. „Da sollte man lieber auf der sicheren Seite bleiben“ und nicht zu viel wagen. Der Verband hatte sich deshalb auch für eine Maskenpflicht an Schulen ausgesprochen. Weitere Entscheidungen sollten indes von den Infektionszahlen abhängig gemacht werden.
Die GEW-Chefin Doro Moritz sorgt sich um prekäre Familienverhältnisse. In der Mannheimer Neckarstadt, sagt sie, bekämen die Lehrer von 80 Prozent ihrer Schüler keine Rückmeldung mehr. Sie spricht sich dafür aus, Konzepte zu entwickeln, „damit wir alle Kinder wieder zu Gesicht kriegen“ – etwa in kleinen Gruppen, stundenweise und an einzelnen Tagen.