In der Krise werden die Landratsämter zu Beschaffungsstellen für Medizintechnik – nicht ganz freiwillig.

Enzkreis - Nachschub an Schutzmasken eingetroffen: Das ist das freudige Thema einer Pressemitteilung, die Stefanie Frey, die Sprecherin des Landratsamts Enzkreis, jüngst verschickt hat. So ändern sich die Zeiten: In der Krise werden die Landratsämter auch zu Beschaffungsstellen für Medizintechnik.

20 000 Atemschutzmasken habe man ergattern können, heißt es in der Mitteilung, die nicht verschweigt, welch verschlungene Wege die Mitarbeiter der Landratsämter begehen müssen, um an die begehrten Güter zu kommen. Gemeinsam mit den Kreisen Neckar-Odenwald und Freudenstadt hat der Enzkreis eine Bestellung aufgegeben, da eine Firma aus Buchen direkte Kontakte zu einem chinesischen Hersteller unterhält.

Notreserve des Landratsamts

„Die Masken bleiben vorerst als Notreserve im Landratsamt“, sagt Kreisbrandmeister Carsten Sorg, der beim Enzkreis für den Bevölkerungsschutz und damit auch für die Materialbeschaffung zuständig ist. „Bei Bedarf können wir damit beispielsweise die Infekt-Ambulanzen und die Abstrichstellen versorgen, die inzwischen an mehreren Standorten in Pforzheim und im Kreis eingerichtet wurden.“

Auch die Kollegen in Böblingen sind in gleicher Angelegenheit unterwegs – nicht ganz freiwillig, wie der dortige Landrat Roland Bernhard betont. „Es ist nicht originär die Aufgabe der Landkreisverwaltung, Schutzkittel und Schutzmasken zu beschaffen und vorzuhalten“, sagt er.

Dennoch tue man derzeit genau das und greife dafür tief in die Tasche: Für 1,7 Millionen Euro hat das Landratsamt Böblingen jetzt Schutzausrüstung bestellt und verteilt das Material – sobald es eintrifft – im gesamten Landkreis. Der Krisenstab des Landkreises ist deshalb mit Aufgaben befasst, die mehr an Mangelwirtschaft erinnern als an den Standort von Hochtechnologie-Weltmarktführern – nämlich der gerechten Verteilung der raren Güter.

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Der Krisenstab erarbeitet nämlich Kriterien, um die Funktionsfähigkeit der am stärksten gefährdeten und lebensnotwendigsten Bereiche aufrechtzuerhalten. „Wir wollen nicht mit der Gießkanne über den Landkreis gehen, sondern das Material dort verteilen, wo der Bedarf am nötigsten ist“, erklärt Roland Bernhard.

Der Landrat findet aber, dass Beschaffung von Schutzausrüstung jetzt auch Aufgabe der Städte und Gemeinden ist. „wir dürfen nicht nachlassen“, sagt er. „Die Situation ist überall angespannt und der Bedarf groß.“ Denn – und auch das ist ein Merkmal der Mangelwirtschaft – niemand weiß, ob und wann die bestellten Waren tatsächlich eintreffen. „Nein, das wissen wir auch zu unseren eigenen Bestellungen nicht“, sagt der Landrat. Er hoffe, dass es bis Mitte nächster Woche erste Teile der Lieferung ausgeben zu können. Viele Anfragen würden zurzeit an das Landratsamt herangetragen. „Sehen Sie davon ab“, bittet Bernhard. „Wir kommen auf die entsprechenden Stellen zu, sobald wir etwas zur Verfügung stellen können.“

„Die Mengen sind marginal“

Er macht keinen Hehl daraus, dass er sich mehr Unterstützung von übergeordneten Stellen wünschen würde. Am Anfang der Woche hatte das Land den Kreisen Schutzmasken und Handschuhe ausgeliefert. Sowohl der Kreis Böblingen, als auch der Enzkreis gaben das sofort an Alten- und Pflegeeinrichtungen und ambulante Pflegedienste weiter. „Die Menge war nur marginal“, sagt der Böblinger Landrat Bernhard. „Sie entsprechen, um einen Vergleich zu ziehen, ungefähr dem, was im Krankenhaus Herrenberg für einen Tag reichen würde.“

Viele Berufsgruppen sind zurzeit auf der Suche nach Material – oft vergeblich. Darunter sind zum Beispiel die ambulante und stationäre Pflege, Rettungsdienste, niedergelassene Ärzte, Hebammen, Bestatter, Sozialarbeiter in Jugendbetreuungseinrichtungen, Mitarbeiter des Katastrophenschutzes, Betreiber kritischer Infrastrukturen und Polizisten.

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