Corona-Sommer in Stuttgart Fotograf zeigt, wie die Pandemie den Alltag verändert

Von Lena Hummel 

Auf dem Skateboard durch einen Autotunnel, in Badehose auf einem Parkplatz und im Dirndl auf einem leeren Festgelände – ein Stuttgarter Fotograf hält in einer Bilderserie fest, wie das Coronavirus den Alltag in Stuttgart verändert.

Das Cannstatter Volksfest fällt in diesem Jahr wegen Corona aus. Aber was bleibt eigentlich ohne Fest? Eine Serie eines Stuttgarter Fotografen rückt diese Frage in den Fokus. Foto: /Michael Rocktäschel 12 Bilder
Das Cannstatter Volksfest fällt in diesem Jahr wegen Corona aus. Aber was bleibt eigentlich ohne Fest? Eine Serie eines Stuttgarter Fotografen rückt diese Frage in den Fokus. Foto: /Michael Rocktäschel

Stuttgart - Eigentlich wären die Stadtbahnen in Stuttgart in diesen Tagen voll mit Volksfestfans in Dirndl und Lederhosen. In den Festzelten auf dem Cannstatter Wasen würden Hunderttausende halbe Hähnchen serviert und Maß ausgeschenkt. Die Festwirte, Brauereien und Schausteller würden ordentlich Umsatz machen. Doch die 175. Auflage des Cannstatter Volksfests fällt wegen der Corona-Pandemie in diesem Jahr aus, die Entscheidung fiel bereits Ende April.

Aber was bleibt eigentlich vom Volksfest ohne Fest? Dieser Frage hat sich der Stuttgarter Hobbyfotograf Michael Rocktäschel in seiner Serie „Covid Summer Vibes“ (auf Deutsch: Covid-Sommerstimmung) gewidmet. Seine düsteren Aufnahmen zeigen Frauen in Dirndl, die – Teddybär, Luftballon oder Lebkuchenherz haltend – ernst in die Kamera blicken; sie zeigen einen Mann mit Maß in der Hand – und übermäßigen Alkoholkonsum.

Künstlerisch statt dokumentarisch

Der 37-jährige Rocktäschel, der im Westerwald aufgewachsen ist und seit 17 Jahren in der Landeshauptstadt lebt, will die Betrachter seiner Fotos zum Nachdenken anregen; er will, dass sie „hinterfragen, was immer selbstverständlich war, was uns wirklich wichtig ist und auf was wir vielleicht verzichten können“. Die Wasen-Bilder sind der dritte Teil seiner Corona-Serie; die ersten Aufnahmen waren bereits während des Lockdowns unter dem gleichnamigen Titel entstanden. „Ich wollte die Gelegenheit, dass alles leer ist, nutzen, anstatt einfach nichts zu machen“, sagt Rocktäschel und ergänzt: „Aber nicht im dokumentarischen Stil, davon gibt es schon genug, sondern im künstlerischen.“

In Teil eins ist etwa ein Mann zu sehen, der in einem verlassenen Stuttgarter Parkhaus sitzt. Auf einem anderen Foto fährt er mit einem Skateboard durch einen Autotunnel in der Landeshauptstadt – beides Aufnahmen, die unter Normalbedingungen unvorstellbar sind. Doch wegen des Locksdowns „kam ja nur alle fünf bis zehn Minuten ein Auto“, sagt der Künstler zu seiner Arbeit im Tunnel.

Sonnen auf dem Parkplatz

Teil zwei der Serie „Summer Vacation“ (auf Deutsch: Sommerferien) ist auf einem Parkplatz in einem Industriegebiet in der Region entstanden. Ein Mann – Sonnenbrille, rote Badehose, Flipflops – umschlingt seinen aufblasbaren Riesenflamingo oder liegt, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, auf einem blauen Handtuch. Wo genau er die Aufnahmen gemacht hat, will der Künstler nicht verraten, die Botschaft dahinter allerdings schon: „Die Städter, die nicht mehr in den Sommerurlaub fahren können, müssen sich jetzt quasi auf dem Parkplatz sonnen.“

Mit Teil drei, „Wasen 2020“, hat Rocktäschel seine aktuellsten Bilder veröffentlicht. Das Serienende ist damit aber noch nicht eingeleitet, verspricht er. Übrigens: Schauplatz der Aufnahmen ist nicht etwa der Cannstatter Wasen, sondern das Areal Römerkastell. Warum? Das Gelände habe optisch einfach besser zur düsteren Stimmung der Bilder gepasst, so der Künstler. „Die visuelle Komponente war mir da wichtiger als der tatsächliche Ort.“




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