Coronavirus in Stuttgart Zwei Drittel der City-Händler rechnen mit dem Aus

Einsam und verlassen: das Dorotheenquartier in Stuttgarts Innenstadt Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Für Textil- und Lederwarenhändler in der Innenstadt spitzt sich die Lage dramatisch zu – der Handelsverband fordert daher sofortige Ladenöffnungen. „Nun stellt sich nicht mehr die Frage, mit wie viel Insolvenzen wir rechnen müssen. Jetzt heißt es: Wie viele überleben das?“, sagt Sabine Hagmann vom Handelsverband Baden-Württemberg.

Stuttgart - Die Verlängerung des Lockdowns bis zum 31. Januar trifft vor allem den innerstädtischen Einzelhandel ins Mark. „Nun stellt sich nicht mehr die Frage, mit wie vielen Insolvenzen wir rechnen müssen. Jetzt heißt es: Wie viele überleben das?“, sagt Sabine Hagmann vom Handelsverband Baden-Württemberg. Um das zu verhindern, was nun Fakt ist, hat Sabine Hagmann seit Jahresbeginn durchgearbeitet. Sie hat verschiedenen Entscheidungsträgern in der Politik geschrieben, hat sie telefonisch bekniet. Und sie hat versucht, Mitgefühl bei den Politikern zu entwickeln. „Sie wissen gar nicht“, berichtet sie, „wie viel heulende Menschen bei uns stehen.“ Alle verbindet eine ähnliche Geschichte: Sie hätten in den vergangenen zehn bis 20 Jahren etwas aufgebaut – und nun sei innerhalb weniger Wochen alles weg. „Diese Schicksale sind ganz furchtbar“, sagt Hagmann.

 

Florian Henneka, Inhaber des Stuttgarter Traditionsgeschäftes Korbmayer, beschreibt die Situation ebenso: „Wir sind existenziell bedroht. Wir haben bisher durch den Lockdown dramatisch Umsätze verloren“, sagt er und spricht von einer sechsstelligen Summe. Henneka steht damit stellvertretend für die am stärksten gebeutelte Gruppe: die innerstädtischen Textil- und Lederwarenhändler. Laut einer Umfrage des Handelsverbandes in Deutschland sehen sich knapp zwei Drittel der Innenstadthändler in Existenzgefahr. Sie alle leiden im Prinzip unter dem gleichen Problem: Die Lager quellen über, ohne Erträge keine Liquidität, ohne flüssige Mittel keine Gehälter für die Mitarbeiter, kein Geld um neue Kollektionen zu kaufen. Henneka prophezeit daher nicht nur ein Händlersterben: „Es wird wohl demnächst auch die Lieferanten und Hersteller treffen.“

Handel plant den Aufstand

In der Not planen daher manche Händler, wie der Mitarbeiter eines Mode-Lieferanten bestätigt, im kommenden Herbst und Winter die alte Kollektion zu verkaufen, statt neue Saisonware zu ordern. Für Henneka ist dies ein Ausdruck der puren Verzweiflung, die in der Branche herrscht. „So etwas mag sich in der Theorie gut anhören, funktioniert aber in der Praxis nicht.“

Eine andere Note in diesem Überlebenskampf wird derzeit im Internet gespielt. Zwei Initiativen gewinnen gerade großen Zulauf: die Aktion „www.derhandelstehtzusammen.de“, und der Aufruf zum zivilen Ungehorsam „Wir machen auf – kein Lockdown.“ Auch Sabine Hagmann verfolgt diese Initiativen und berichtet von einem konkreten Fall aus Bayern: „Dort sagt ein Sporthändler, ich mache meine Filialen auf. Strafen sind mir egal. Wenn ich nicht aufmache, bin ich auch tot.“

Auch ein Händler in Stuttgart zeigt Sympathie dafür. „Wenn wir mit ein paar Innenstadthändlern zusammenstehen und so ein Exempel statuieren würden, wäre ich dabei. Denn dann hätten wir endlich die Aufmerksamkeit, die wir brauchen“, sagt Norbert Kallas vom gleichnamigen Modeladen in der Tübinger Straße. Weiter sagt er: „Wenn alle Deutschen plötzlich 50 Prozent weniger verdienen würden und um ihre Existenz bangen würden, wäre der kollektive Aufschrei größer.“ In eine ähnliche Richtung argumentiert Sabine Hagmann: „Alles, was die Politik endlich zum Nachdenken bringt, ist im Ansatz gut.“ Zum Rechtsbruch ruft sie freilich nicht auf. Aber auch sie macht auf die drohenden Folgeschäden aufmerksam: „Ich erwarte im Zuge der Insolvenzen einen massiven Einbruch an Gewerbesteuer.“

Vor einer unrechtmäßigen Ladenöffnung hat Sven Matis, Sprecher der Stadt, bereits vor Tagen auf Twitter gewarnt: „Wer im Lockdown den Betrieb unrechtmäßig startet, schlägt ins Gesicht: der Angehörigen von Verstorbenen, der Erkrankten, der Pflegenden oder der fairen Mitbewerber. PS. Wir sanktionieren.“ Das Ordnungsamt fügt hinzu: „Wir haben den Eindruck, dass der Stuttgarter Einzelhandel die Regeln anerkennt. Bei aller Härte wissen die meisten, was derzeit auf dem Spiel steht. Dennoch haben Stadt und Polizei ein waches Auge darauf, ob nicht doch einzelne illegal aktiv werden. Die Internetaktion hat uns hierbei erneut sensibilisiert.“ Weiter heißt es: „Bei vorsätzlichen Verstößen drohen Bußgelder bis zu 5000 Euro und ein Eintrag ins Gewerbezentralregister.“

Staatshilfen gefordert

Was also tun? Wie sind unter diesen Rahmenbedingungen große Teile des Einzelhandels noch zu retten? Florian Henneka zäumt das Pferd anders auf: „Selbst wenn wir uns aus dem Lockdown retten, die Probleme fangen dann erst richtig an.“ Damit spielt er auf die staatlichen Hilfen an. Um den Liquiditätsengpass zu beheben, brächten Darlehen nichts. Mehr noch: Aus Sicht der Verbände und Händler braucht es nicht nur Nothilfen nach dem Vorbild der Gastronomie, es braucht dabei auch „Verlässlichkeit und Transparenz“, wie City-Manager Sven Hahn fordert. Was er damit meint, erklärt Norbert Kallas: „Obwohl ich 50 Prozent Einbußen habe, meint man Steuerberater, dass ich die bisher erhaltenen 9000 Euro wieder zurückzahlen muss.“ Die Konsequenz laut Kallas: „Wer kein Privatvermögen hat und dies einsetzen kann, muss schließen.“

Daher appelliert Hagmann an Bundesfinanzminister Olaf Scholz, dem Handel Nothilfen zu gewähren. „Wir haben Modelle für Wirtschaftshilfen vorgelegt, die auf den Handel zugeschnitten sind und von Politikern für gut befunden wurden“, sagt sie. Doch als Sofortmaßnahme zählt für Hagmann und den Handelsverband nur eines: „Die sofortige Öffnung der Läden, gegebenenfalls unter Auflagen.“ Immerhin: Ein Mindestziel hat Hagmann erreicht. Ab Montag ist Click-and-Collect wieder erlaubt. Also das Bestellen der Waren im Internet oder per Telefon und die Abholung an der Ladentür.

Auch Citymanager Sven Hahn plädiert dafür, „den Lockdown begrenzt zu beenden: Wir müssen überlegen, was sinnvoll möglich ist.“ Sowohl Hahn und Hagmann, machen in diesem Atemzug darauf aufmerksam, dass der Handel bisher „kein Infektionstreiber“ war. „In den großen Handelsgeschäften gab es so gut wie keine positiven Fälle, aber der Handel wird für etwas betraft, das er nicht zu verantworten hat.“

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