Corona-Tagebuch des Esslinger Satirikers Olaf Nägele „Der Alltag wurde aus den Angeln gehoben“

Olaf Nägele hat während der ersten 100 Tage ein Corona-Tagebuch geführt, um mit dieser neuen Situation klarzukommen. Foto: oh

Der Satiriker Olaf Nägele hat 100 Tage lang ein Corona-Tagebuch geführt, um einer schweren Zeit eine leichte Seite abzugewinnen. Im Interview erzählt er von seinen Notizen, die unter dem Motto „Ich krieg‘ die Krise – die Pandemie und ich“ stehen.

Was tut ein Autor, dessen Leben und Arbeit durch ein Virus umgekrempelt werden und den ein Lockdown ausbremst? Er tut, was er am besten kann: Er schreibt. Der Esslinger Satiriker Olaf Nägele hat von März 2020 an 100 Tage lang ein Corona-Tagebuch geführt: „Ich krieg‘ die Krise – die Pandemie und ich.“ Im Interview mit unserer Zeitung erzählt er, warum es ihm geholfen hat, in jenen Wochen seine Gedanken zu notieren. Esslingen -

 

Herr Nägele, wann haben Sie begonnen, ein Corona-Tagebuch zu schreiben?

Ich habe mit dem ersten Lockdown im März 2020 begonnen. Da war ja alles neu, täglich hat sich eine neue Regelung aufgetan, der Alltag wurde aus seinen Angeln gehoben. Man denke allein an die Kontaktbeschränkungen: „Zwei Haushalte mit maximal ‚Wurzel aus 13 Personen‘, Kinder unter 14 Jahren werden nicht mitgezählt, es sei denn, sie sind im dritten Grad miteinander verwandt.“ Wer hatte in dieser Zeit noch den Durchblick? Mir ging es nicht so sehr darum, Fakten aufzuzählen, sondern zu beobachten: Was macht diese Pandemie mit den Menschen?

Warum haben Sie die Form des Tagebuchs gewählt?

Gerade in der ersten Zeit sind unfassbar viele Dinge passiert, die ich chronologisch zuordnen wollte. In Thailand wurden zum Beispiel Aprilscherze unter Bezugnahme auf Corona unter Strafe gestellt. Meines Erachtens sollte dies bei Aprilscherzen generell geschehen (lacht). In Tagebuchnotizen fließen viele persönliche Gedanken, Sichtweisen und zum Teil persönliche Erfahrungen ein. Aber wer mich kennt, weiß, dass sich nicht alles so zugetragen hat, wie ich es erzähle. Oder doch? Zumindest so ähnlich.

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Erträgt man eine Krise leichter, wenn man Tagebuch schreibt?

Ja und nein. In erster Linie wollte ich meine Gedanken zu einigen Geschehnissen festhalten. Und damit meine ich nicht die Hamsterkäufe von Klopapier und Dosen-Ravioli. Dazu hat sich ja nahezu jeder geäußert, und es wäre anmaßend, wenn ich behaupten würde, ich hätte kapiert, was da abgeht. Wie schlimm kann eine Krise sein, dass sich Menschen nur noch von Dosen-Ravioli ernähren? Muss man denn wirklich jede lukullische Würde fallen lassen? Ich kann auch nicht behaupten, dass mir durch das Schreiben etwas klarer geworden ist. Es ging mir eher darum, eine Umgangsform mit der Pandemie zu finden. Mit einer Situation, die es in meinem Leben so noch nie gab. Einer Situation, die vielen Menschen Angst gemacht hat, weil vieles ungewiss war. Einer Situation, die zum Teil tiefe Wunden gerissen hat. Wirtschaftliche, aber auch psychische. Das Schreiben hat mir dabei geholfen, die Lage neutraler zu betrachten und zu versuchen, mich damit zu arrangieren.

Wie humorvoll muss, wie humorvoll darf man über eine Pandemie schreiben – angesichts vieler Toter, trauernder Hinterbliebener und an Long-Covid-Folgen leidender Menschen?

Das ist eine gemeine Frage. Weil sie so richtig ist. Als ich mit dem Tagebuch angefangen habe, waren die Notizen zunächst nur für mich gedacht. Ich habe Gedanken, die mir im Kopf umherschwirrten, aufgeschrieben. In meinem ureigenen Stil, in meiner ureigenen Betrachtungsweise. Vielleicht war dies eine unterbewusste Art der Realitätsausblendung, womöglich auch eine Art Galgenhumor. Mir persönlich hat diese Vorgehensweise geholfen, mit der neuen Lage umzugehen. Und die Rückmeldung der Zuhörer bei meinen Lesungen bestätigt mich darin, dass es in Ordnung ist, wenn man einer schweren Zeit eine „leichte“ Seite abgewinnt.

Ein Corona-Tagebuch – will das überhaupt jemand hören?

Diese Frage habe ich mir oft gestellt. Aber: Meine Texte sind so geschrieben, dass sie bei aller Dramatik der Situation unterhaltsam sind. Manche Eintragungen haben auch gar nichts mit dem Virus zu tun, sind nur die Konsequenz aus der neuen Erfahrung: dass es zum Beispiel plötzlich fast überall möglich wurde, von zuhause aus zu arbeiten. Dafür hätte es eigentlich keine Pandemie gebraucht, aber sie hat den Umdenkprozess in einigen Betrieben wohl gefördert.

Wenn Sie diese ersten 100 Tage mit dem vergleichen, was im Moment passiert, wo die Furcht vor einer Verschärfung der Lage durch Omikron wächst – was hat sich in der Gesellschaft verändert?

Einiges. Am Anfang waren Hilfsbereitschaft, Gemeinschaft, gegenseitige Rücksichtnahme und Engagement für Schwächere zu spüren. Es gab so einen Grundoptimismus: Die Lage ist schrecklich, aber wir werden sie meistern. Diese Botschaft hat auch die Politik ausgesendet: Wirtschaftliche Hilfspakete wurden in Aussicht gestellt, auch, um die Entscheidung für den Lockdown zu rechtfertigen. Und die Leute haben das geglaubt, größtenteils jedenfalls. Insgesamt blieb die Lage moderat angespannt.

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Hat sich das mit der dritten Welle und dem Lockdown im November letzten Jahres geändert?

Ja, das hat viele Menschen an ihre Grenzen getrieben. An wirtschaftliche, psychische und auch an die Grenze des Vertrauens in die Politik. Der Ton wurde rauer, die Leute wurden im Umgang miteinander empfindlicher, aggressiver. Die ersten Gräben deuteten sich an: die vermeintlich unverwundbaren Jungen gegen die vermeintlich kränkelnden Alten, Querdenker gegen so genannte „Schlafschafe“ und so weiter. Die Impfungen und das unentschlossene Herum-Geeiere der Politik in dieser Frage hat die Spaltung der Gesellschaft noch vorangetrieben. Ich befürchte, dass der Ton in nächster Zeit noch aggressiver wird, weil sich die unterschiedlichen Gruppierungen der Gesellschaft in ihren Realitäten eingerichtet haben. Und die passen nicht mehr zueinander.

Was macht die Pandemie mit Ihnen?

Die dritte Welle hat sehr an meiner Motivation genagt. Ein Autor kann immer schreiben, aber ich bin jemand, der Beobachtetes, Erlauschtes in seine Texte einbringt, um sie greifbarer zu machen. Ich brauche den Austausch mit anderen, und zwar von Angesicht zu Angesicht und nicht über virtuelle Formate. Die Aussicht darauf, dass in den nächsten Monaten wieder keine Veranstaltungen möglich sein werden, macht müde. Das ständige „An“ und „Aus“ macht mürbe. Es bleibt zu hoffen, dass es allen gelingt, in dieser zwangsberuhigten Zeit Kraft zu schöpfen, um 2022 energiegeladen durchzustarten.

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