Corona und das Stuttgarter Schauspiel Was für ein Theater!

Passt zur Pandemie: „Als ob es ein Morgen gäbe“, das aktuelle Spielzeitmotto des Stuttgarter Theaters. Foto: Björn Klein/Björn Klein

Das Stuttgarter Schauspiel bereitet sich auf den Tag vor, an dem es wieder loslegen darf: „Wir denken in Szenarien“, sagt der Intendant Burkhard Kosminski, dessen Ensemble originelle Videobotschaften in die Corona-Welt sendet.

Stuttgart - Corona setzt vieles außer Kraft, aber nicht alles: Vergangene Woche hat Burkhard Kosminski als Intendant des Stuttgarter Schauspiels doch tatsächlich ein kleines Arbeitstreffen einberufen. Nicht digital im Netz, sondern analog im Theater, mit Menschen aus Fleisch und Blut, die sich nach dreiwöchiger Spiel- und Probenpause zum ersten Mal wiedergesehen haben. „Mit Sicherheitsabstand sind wir im Gänsemarsch durchs Foyer und dann in den Zuschauerraum gegangen“, sagt Kosminski, wo das Plenum dann unter Vermeidung von Wangenkuss hier, Umarmung da vollkommen hygienisch stattgefunden hat. Eine eingeschworene Truppe aus Ensemblemitgliedern und Mitarbeitern der Intendanz verteilten sich auf die 660 Plätze des Schauspielhauses – genug Raum für Social Distancing, zumal der Intendant allen Angehörigen von Risikogruppen geraten hatte, dem Treffen fernzubleiben. Man hielt auf Abstand und hatte alles unter Kontrolle. Aber was, um Sars willen, gab’s zu besprechen im stillgelegten Betrieb?

 

Die Corona-Verordnung des Landes sieht vor, dass bis Mitte Juni keine öffentlichen Veranstaltungen mehr stattfinden, also auch kein Theater jeglicher Art. Ob das Spielverbot verlängert oder verkürzt wird, ob es in Stufen oder auf einen Schlag aufgehoben wird, weiß derzeit niemand zu sagen. „Wir bereiten uns auf alle möglichen Fälle vor“, sagt Kosminski, „wir denken in Szenarien“ – und was er seinen Schauspielern mitgeteilt hat und jetzt gesprächsweise wiederholt, zeugt von improvisatorischer Fantasie. Um den Hygienevorschriften zu entsprechen, wären bei einer stufenweisen Eröffnung des Spielbetriebs modifizierte Einlass- und Sitzordnungen denkbar, mit denen wie beim außerordentlichen Arbeitstreffen der Mindestabstand garantiert wäre. Auch der Probenbetrieb könnte unter strikter Maßgabe des Social Distancing wiederaufgenommen werden. „Erst zur Premiere würden wir die Schauspieler physisch aufeinander los lassen“, verspricht Kosminski. Ob eines dieser Szenarien umgesetzt wird, wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach frühestens am Donnerstag klären, wenn die Kanzlerin sich mit den Ministerpräsidenten auf das weitere Vorgehen geeinigt hat.

Spieler ohne Publikum

Als Mitte März der Lockdown kam, traf er die laufenden Vorarbeiten für fünf Inszenierungen. Sollte er Mitte Juni wieder aufgehoben werden, wie der Intendant hofft, will er alle ausgefallenen Stücke unter den geltenden Hygienevorschriften noch in dieser Saison zur Premiere bringen: von Elfriede Jelineks „Rechnitz“ in der Regie von Jossi Wieler bis zu „An und Aus“ von Roland Schimmelpfennig, das Kosminski selbst inszeniert – vorausgesetzt natürlich, dass die beteiligten Gäste und Regieteams Zeit für neue Proben in ihren Terminkalendern finden. Bedenkt man die dann bis Spielzeitende noch verbleibende Zeit, rund fünf Wochen, wäre das ein überaus ambitioniertes Ziel, das Kosminski nur erreichen kann, wenn seine Schauspieler zuhause nicht nur fleißig Text lernen, sondern auch sonst in guter Verfassung sind. Für sie, von Berufs wegen auf Publikum angewiesen, ist Homeoffice eine echte Herausforderung: keine Bühne, keine Zuschauer und auch kein Applaus, der ihre Leistung belohnt, ihre Selbstzweifel besänftigt und ihr Ego stärkt. In einem derart wider ihre Künstlernatur eingerichteten Leben können Schauspieler schon mal abstürzen. Wohl auch darum wollte Kosminski die Seinen wieder um sich scharen: Als Chef hat er eine Fürsorgepflicht gegenüber den Angestellten.

Dass im Homeoffice gelernt wird, bis das Gedächtnis glüht, daran besteht kein Zweifel. Arbeitsnachweise präsentieren die Schauspieler seit Beginn der neuen Zeitrechnung auf der Homepage des Theaters, die zur virtuellen Ersatzbühne für „Botschaften des Ensembles“ umgemodelt wurde. Tag für Tag ein neuer Videobeitrag, derzeit insgesamt rund dreißig – und in der Summe zumindest halbwegs ein Ersatz für Streamingangebote, die das Stuttgarter Schauspiel im Gegensatz zu Oper und Ballett derzeit nicht bieten kann. Dem Sprechtheater fehlt es an technisch hochwertigen, sendefähigen Aufzeichnungen ganzer Inszenierungen, doch was die einzelnen Ensemblemitglieder stattdessen in kurzen Filmen zeigen, kann sich schon auch sehen lassen.

Und ewig grüßt das Sams

Zum Beispiel Paula Skorupa. Sie steht in sieben Inszenierungen auf der Bühne und muss zusammen mit zwei noch ausstehenden Premieren neun „Texte frisch halten“. In ihrer Videobotschaft verrät sie ihren Lerntrick: In wahnwitzigem Tempo eine Karotte nach der anderen schneidend, memoriert sie die Stücke so lange, bis sie all ihre Partien wie im Schlaf kann – was nur gelingt, weil sie ihre gesamte Aufmerksamkeit mobilisiert, um sich mit dem Messer nicht auch noch in die Finger zu schneiden. Zur Nachahmung ist diese Technik nicht unbedingt zu empfehlen, auch wenn sie bei der leidenschaftlichen Gemüseesserin beste Ergebnisse zeitigt. Text für eine geplante Premiere, für Thomas Melles „Lage“, lernt auch Sebastian Röhrle. Seine Botschaft an die ins Heim gesperrte Corona-Welt ist dennoch eine andere als die von Paula Skorupa: Wenn ihr wollt, lese ich euch was vor, sagt er auf seiner Ersatzbühne und blendet die Mailadresse lesdirwas@gmx.de ein, unter der man ihn buchen kann. Das wollen viele. Rund dreißig Lesungen hat er bis jetzt absolviert, per Skype und Facetime, WhatsApp und Telefon. Gleichsam im Einzelunterricht hat Röhrle dabei drei Schülern die Angst vor Schillers „Wilhelm Tell“ genommen, indem er mit ihnen im Netz das Drama gelesen und besprochen hat. „Danach stand Schiller nicht mehr ganz so drohend vor ihnen“, sagt der Vorleser. Einen anderen Klassiker, Gogols „Nase“, hat er via Splitscreen einer vielköpfigen Familie vorgetragen, die mittlerweile übers ganze Land verteilt lebt. Und jeden zweiten Tag ist auf Skype das „Sams“ dran, das sich ein kleines Mädchen aus der Nachbarschaft gewünscht hat. „Der Laden läuft“, sagt Röhrle, „Homeoffice hat auch gute Seiten.“

Wie auch immer: Kosminski weiß, dass sein Theater nicht tot ist und jederzeit hochgefahren werden kann. Nebenbei beglaubigt es mit seiner arbeitsreichen Quarantäne auch noch das Motto der Saison, das im Rückblick geradezu hoffnungsvoll prophetisch klingt: „Als ob es ein Morgen gäbe“. Ja, das wird es geben – und das Schauspiel hält sich fit für den Tag X, an dem Coronavirus uns aus seinen Fängen lässt.

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