Corona und der Handel in Stuttgart Abkehr von Stoffmasken trifft Schneider hart

Stoffmasken-Nähen war für Menschen in Nairobi überlebenswichtig – nun finden sie in Deutschland keine Käufer mehr. Foto: Weltpartner

Es ist eine absehbare Folge der Vorschrift, künftig medizinische Masken im öffentlichen Leben zu tragen: Schneiderinnen in Stuttgart wie auch Nairobi leiden unter der geringen Nachfrage nach Stoffmasken.

Architektur/Bauen/Wohnen: Andrea Jenewein (anj)

Stuttgart - Es ist fast schon wieder Alltag geworden: die bunten, selbstgeschneiderten und teilweise auch aussagekräftigen oder lustigen Stoffmasken sind verschwunden und wurden ersetzt durch meist hellblaue oder weiße Einheitsmasken. Am 19. Januar haben Bund und Länder beschlossen, dass in einigen Bereichen wie dem öffentlichen Nahverkehr oder Supermärkten eine medizinische Maske zu tragen ist. Als medizinische Masken sind OP-Masken oder FFP2-Masken zu verstehen. Die Maskenpflicht gilt seit dem 25. Januar.

 

Doch was ist mit denen, die sich kein Zubrot mehr mit dem Verkauf von Alttagsmasken dazuverdienen können? Der Designer Michael Knoedgen hatte Mitte April 2020 in Kooperation mit lokalen Schneiderbetrieben das Community-Projekt Gesichtsmode.de gestartet. „Wir wollten dafür sorgen, dass die Masken besser aussehen und die Leute zum Lächeln bringen“, sagt Knoedgen.

Spende an Ärzte ohne Grenzen

Zugleich aber wollte er, dass trotz des Lockdowns Schneider weiterhin arbeiten können: Die von ihm designten Masken ließ er ausschließlich in der Region Stuttgart in kleinen Schneiderei-Betrieben und einer Druckerei herstellen. Fünf Prozent der Onlineshop-Verkäufe wird an Ärzte ohne Grenzen gespendet. „Wir wollen uns durch das Projekt nicht bereichern, sondern uns ist der soziale Aspekt sehr wichtig“, sagt Knoedgen, der in Festanstellung arbeitet und Gesichtsmode.de nebenher betreibt.

Knoedgen und sein Team hatten in den vergangenen Monaten „ordentlich zu tun“. Bisher. „Ich persönlich denke, dass mit der neuen Regelung die Stoffmaske in Deutschland ziemlich gestorben ist“, sagt Michael Knoedgen. Das trifft ihn – zwar nicht existenziell, aber persönlich: „Ich war immer mit Leidenschaft dabei, weil ich das Gefühl hatte, damit wirklich helfen zu können“.

Doch die Schneiderinnen seien ungleich härter betroffen: „Teilweise haben sie von dem Verdienst durch das Maskennähen ihre Miete bezahlt“, sagt Knoedgens Kollegin Julika Dreyer, die die Schneidereien und die Druckerei betreut. „Für die ist das teils schon dramatisch.“ Eine Schneiderin betreibe etwa ein Brautmodenatelier – und habe seit November keinen einzigen Auftrag mehr. Die Textildruckerei produziere etwa für den Wasen und das Oktoberfest – und auch da seien natürlich alle Aufträge weggebrochen.

 

Deshalb wollen Dreyer und Knoedgen nun neue Wege zu begehen, um zu helfen, deren Umsatzeinbrüche zu überbrücken. „Wir haben je einen Prototypen einer Hülle für die OP-Maske als auch für die FFP2-Masken entworfen“, sagt Dreyer. Nun wolle man auf Instagram die Community befragen, ob ein Bedarf daran bestehe.

Kostenlose Masken für Menschen in Nairobi

Im Weltladen FairOst an der Ostendstraße werden verschiedene Mund-Nasen-Bedeckungen angeboten, die meisten davon werden in Afrika gefertigt. So etwa auch die Stoffmasken von Weltpartner mit Sitz in Ravensburg. Diese werden in einem kleinen, fair zertifizierten Betrieb in Nairobi/Kenia produziert. Der Käufer finanziert durch seinen Kauf eine weitere Mund-Nasen-Bedeckung, die in Nairobi kostenlos an Menschen verteilt wird, die eine solche Bedeckung dringend benötigen, sich diese aber nicht leisten können.

Doch Käufer für diese Masken – die sich bisher sehr gut verkauft hätten – gibt es nun nicht mehr, wie eine Mitarbeiterin des Weltladens, Nicole Batel, sagt. „Für die Menschen, die die Masken produzieren, ist das ganz schlimm, ja eine kleine Tragödie.“ Diese Menschen arbeiten beim 1996 gegründeten Handelspartner Kiboko Leisure Wear in Nairobi. Kiboko startete mit 20 Mitarbeitern, mittlerweile sind es 80. Alle Mitarbeiter werden im eigenen Haus ausgebildet und qualifiziert und erhalten faire Löhne. Sie erhalten zudem Kleinkredite zu fairen Konditionen, um beispielsweise die Schulbildung ihrer Kinder zu finanzieren. Ein Vorzeigeprojekt.

Mit dem Nähen der Mund-Nasen-Bedeckungen wurde bisher einem kleinen Teil der Belegschaft von Kiboko eine wichtige Einkommensmöglichkeit in der Krise ermöglicht. Doch nun ist „die Nachfrage nach den Masken sehr stark eingebrochen“, bestätigt Lukas Nöth, Pressesprecher von Weltpartner. „Daher können wir leider auch keine weiteren Aufträge an unseren Partner Kiboko in Kenia erteilen.“ Nöth bekräftigt, dass es „wirklich sehr schade um die positive Wirkung ist, die wir vor Ort erzielen konnten“. So konnten durch das Nähen der Masken Arbeitsplätze gesichert werden und ein Einkommen in der sonst sehr schwierigen Phase im Lockdown generiert werden. „Ohne diese Unterstützung wäre der Betrieb nicht so gut durch die Krise gekommen, wie uns eine Näherin versicherte“, so Nöth. Zudem konnten 30 000 Masken in den Slums von Nairobi verteilt werden. Das alles fehlt jetzt.

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