Vorausgesetzt, die Netzverbindung ist stabil und gut genug, kommen die Stuttgarter Stars Diana Haller, Helene Schneiderman, Johannes Kammler und Michael Nagl nun also direkt in die gute Stube. Roland Kluttig dirigiert ein glänzend vorbereitetes Staatsorchester. Und dank einer genau durchdachten Bildregie kann man hier in Christiane Pohles Inszenierung noch tiefer in die vielen „Ikea“-Betten auf der Bühne schauen, als es selbst von ganz vorn im Parkett aus möglich wäre.
Herrlicher Theateralltag, nun Geschichte
Doch so schön das alles ist – gleich die ersten zwei Minuten der Aufzeichnung zeigen auch das ganze Drama, das hier hinter der Komödie steckt: Da wandert der Blick der Kamera langsam durch den noch erleuchteten Zuschauerraum, hoch droben vom 3. Rang, der berühmten „Zwetschgendörre“, bis hinunter zum Orchestergraben. Fast ausverkauft sind die Reihen. In den letzten Sekunden bis zum Erlöschen des Saallichts unterhalten sich die Leute, blättern noch ein wenig im Programmheft, stecken die ersten Bonbons in den Mund oder posieren noch paarweise für ein Smartphone-Selfie. Herrlicher Theateralltag.
Das ist das eigentliche Geheimnis dieses Abends in dieser Stadt an diesem Abend (es war übrigens der 21. Dezember 2019) – der nun folgende „Figaro“ ist an diesem Ort und in diesem Moment für genau dieses Publikum. Es ist wunderbar, dass nun digital noch viele weitere Menschen in seinen Genuss kommen können. Aber es ist eben nicht dasselbe.
Unfreiwilliger Rückzug ins Private
James Blunt hat am vergangenen Mittwoch in der ansonsten leeren Elbphilharmonie gesungen. Daniel Barenboim hat am Donnerstag in der Berliner Staatsoper Unter den Linden vor leerem Parkett die „Carmen“ dirigiert. Die Berliner Philharmoniker schalten auf ihrer Webseite mehr als 600 Konzertaufnahmen frei. Der weltweit gefeierte Pianist Igor Levit kündigt an, jeden Abend um 19 Uhr in seiner Wohnung in Hannover ein privates Konzert live auf Twitter zu streamen. All das sind wunderbare Aktionen, die vielen Menschen im Privaten durch die nächsten Wochen begleiten können und womöglich sogar jene ansprechen, die den Weg zur Kultur sonst gar nicht gesucht hätten.
Aber all das ist nicht das, was die städtische Kultur im Kern ausmacht. Es ist nicht das Kulturerlebnis, um dessentwillen sich jeden Tag in allen Städten des Landes Menschen auf den Weg machen – ins Theater, ins große oder kleine Konzert, ins Museum, in die Lesung, ins Kabarett, in den Klub. Es ist nicht das unmittelbare Erlebnis, das hier und jetzt zwischen Künstler und Zuschauer stattfindet.
Ohne Publikum ist ein Konzert kein Konzert
Auch die Künstler werden das niemals bestreiten. So sehr der Zuschauer im Einzelfall auch nerven mag, weil er hustet, mit Papier raschelt oder überhaupt zu spät kommt, weil er an der falschen Stelle lacht oder klatscht oder abschließend buht: ohne Publikum da unten im Saal ist die Theateraufführung keine Aufführung, das Konzert doch kein Konzert.
Selbst der Schriftsteller und der bildende Künstler, die ihre Werke ja gemeinhin im Privaten schaffen – beide sind sie in aller Regel begierig darauf, Reaktionen der Leser und der Betrachter einzufangen, ob nun in der Lesung oder in der Ausstellungseröffnung. Und noch auf einer dritten Ebene ist zu Corona-Zeiten die ausschließlich medial oder digital erlebbare Kultur letztlich von einem Defizit geprägt: Den Städten, ob nun groß oder klein, gehen bis auf weiteres nicht nur Erlebnis-, sondern auch Begegnungsräume verloren; Orte des Feierns, der Debatte, des Austauschs. Seit Jahrhunderten ist in der europäischen Tradition die Stadt auch ein Ort des Kultes, der Kultur und der kulturellen Verständigung in einer Gesellschaft. Wir werden in den kommenden Wochen merken, wie anders unsere Städte plötzlich sind, wenn eben nicht nur die Kneipen geschlossen bleiben müssen, sondern tagsüber die Museen und Büchereien, abends das Renitenz und die Liederhalle.
Ein Trauerspiel – doch niemand buht
Keine Frage: All das ist jetzt nötig! Nirgendwo regt sich von den Institutionen und Veranstaltern verständnisloser Protest. Auch Ulrike Liedtke, die Vizepräsidentin des Deutschen Kulturrats, hält eine Absage aller Kulturveranstaltungen aus Vorsorge vor dem Coronavirus für sinnvoll: „Kompromisse halte ich im Moment für falsch, wenn man die Kette der Ansteckungen unterbrechen will.“ Entscheidend wird sein, dass Bund, Länder und Kommunen ihre Zusage wahr machen, nicht nur Industrie und Handel, sondern auch der Kultur- und Kreativszene mit ihren vielen finanziell knapp auf Kante gestrickten Existenzen zügig und fair unter die Arme zu greifen.
Irgendwann wird diese Virus-Krise, die für Millionen Menschen jetzt auch in Europa nicht nur Sorgen um ihre Gesundheit, sondern vor allem völlig neue Alltagserfahrungen beschert, abflauen. Irgendwann werden die Städte wieder zum gewohnten Leben erwachen – vielleicht ja tatsächlich schon eine Woche nach Ostern; vielleicht wird es auch Mai oder Juni. Bis dahin brauchen wir auf Kultur nicht zu verzichten – es gibt Lektüre, Filme und Medien genug, um viele Abende und Wochenenden zu gestalten, ohne in Stumpfsinn zu verfallen.
Zum Glück ist der Verlust nur auf Zeit
Und doch wird vielen dieser besondere Augenblick fehlen, aufzubrechen zu einem Termin, zu einer Veranstaltung. Etwas schickes anzuziehen, etwas cooles oder etwas lässiges; jedenfalls etwas anderes. Sich mit Freunden verabredet zu haben zu diesem oder jenem. Das, worauf man sich schon Tage gefreut hat, tatsächlich zu erleben. Oder auch etwas völlig Unerwartetes. Sich wieder mal schrecklich zu ärgern über diesen oder jenen Regisseur. Oder wirklich gar nicht zu verstehen, was der Künstler mit alledem meint. Aber doch bei alledem unterwegs zu sein. Draußen. In der Stadt. Wir sind halt nicht nur privat. Wir sind vor allem Gesellschaft.
Das wird uns schrecklich fehlen. Zum Glück nur auf Zeit.