Viele Erfahrungsprozesse fehlen“, sagt Ingrid Hinzel-Hees, die Schulsozialarbeiterin am Eislinger Erich-Kästner-Gymnasium. Das fehlende soziale Miteinander während der Coronapandemie habe Spuren hinterlassen. Mit Blick auf die Pubertät hätten, durch die Isolation der Kinder zuhause, wichtige Ablösungsprozesse vom Elternhaus nicht stattgefunden. „Ängste jeglicher Art sind ein großes Thema“, berichtet Hinzel-Hees, Folgen seien unter anderem Essstörungen, Depressionen oder der Zwang, sich selber zu verletzten.
Kinder haben verlernt, Kontakte zu pflegen
Der Austausch mit den Freunden habe den Jugendlichen gefehlt, betont die Sozialarbeiterin. Das gilt auch bei der Sexualentwicklung. „Sich in anderen Rollen, im Kontakt zum anderen Geschlecht zu sehen, konnte nicht stattfinden,“ sagt sie. „Viele Kinder haben einfach verlernt, Kontakte zu pflegen“, sagt auch Thomas Golder, der für die Schulsozialarbeit an der Eislinger Silcherschule zuständig ist. Die Folge: Die Rückkehr an die Schulen überfordere viele Kinder, die Fehlzeiten im Unterricht hätten zugenommen. „Oft sind auch die Eltern sehr hilflos“, sagt Golder.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Medien in der Pandemie – was Corona mit dem Journalismus gemacht hat
Die sozialen Defizite müssten aufgeholt werden, das mache es auch leichter, Lerndefizite auszugleichen, sagen die Experten. Beziehungsarbeit sei das A und O, die Stärkung des psychosozialen Bereichs sei wichtig. Die Freude der Kinder über die Normalität sei zwar groß, „aber mit viel Unsicherheit verbunden“, sagt Julia Hilkert, Teamleiterin der Süßener Schulsozialarbeiter. Was sie ebenfalls beobachtet hat: Die Schüler seien mittlerweile sehr Ich-bezogen, sich anzupassen bereite manchmal große Schwierigkeiten. Es habe sich eine gewisse Lethargie, eine Antriebslosigkeit breit gemacht. Es brauche viel Motivation, um Kinder wieder zu aktivieren.
Beratungsstellen und Therapeuten sind überlastet
Leistungsdruck und Perspektivlosigkeit, Zukunftsängste und Konzentrationsmangel seien eine gefährliche Mischung für die Psyche von Kindern und Jugendlichen, da sind sich die Schulsozialarbeiter einig. Der Bedarf an Beratung sei stark gestiegen, nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei Lehrkräften und Eltern. „Die Schüler verbleiben wesentlich länger bei den Schulsozialarbeitern“, sagt Hinzel-Hees. Der Grund: bei Beratungsstellen und Therapeuten, an die normalerweise weiter verwiesen wird, sind Termine kaum zu bekommen. Es gebe „viele kleine Einzelkämpfer, stark auf sich selbst fokussiert“, so bringt Beate Wagner, Bereichsleitung der Schulsozialarbeit im SOS-Kinderdorf Göppingen, das Dilemma auf den Punkt. Die Konfliktlösungsfähigkeit sei stark eingeschränkt, es herrsche ein aggressiverer Grundton, die tätlichen Auseinandersetzungen hätten sich verstärkt.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Corona hat den Mangel verstärkt – Mehr Betten für die Jugendpsychiatrie in Stuttgart und Esslingen
Auch sie spricht von Frustration, Fehlzeiten in der Schule, Perspektivlosigkeit, sogar von Schwierigkeiten, sich in Tagesstrukturen einzufinden. „Die Selbstverständlichkeit des Schulbesuchs ist ein Stück weit abhanden gekommen“, erläutert Wagner. Bei Kindern mit Migrationshintergrund wurden nach den Schulschließungen und langen Phasen mit Fernunterricht außerdem Rückschritte beim Erlernen der deutschen Sprache festgestellt. Der Fokus liegt auf der Aufarbeitung der sozial-emotionalen Probleme, aber in einem Punkt sind sich die Schulsozialarbeiter einig: Vorbeugung ist derzeit wichtiger denn je. Der Bedarf an Klassenprojekten sei enorm, die stärkere Zusammenarbeit von Schulsozialarbeitern und Lehrern wichtig. Thomas Golder spricht auch das Thema Berufsvorbereitung und Praktika in Firmen an. „Da muss dringend angesetzt werden. Vieles konnte ja lange Zeit nicht stattfinden“, sagt er mit Blick auf Zukunftsperspektiven.
Eislingen, Süßen und Göppingen stellen Schulsozialarbeiter ein
Ein weiterer Punkt seien Präventionsangebote zur Sexualpädagogik. Die Themen sexueller Missbrauch, Pornokonsum, Homosexualität oder Transgender gelte es aufzuarbeiten. Fazit: Es wird mehr Personal für die Schulsozialarbeit benötigt. Unter anderem in Eislingen, Süßen und Göppingen wurde das erkannt. Weitere Stellen sind dort bereits genehmigt.
Kooperation von Schule und Jugendhilfe
Zusammenarbeit
Schulsozialarbeit ist eine intensive Form der Kooperation zwischen Schule sowie Kinder- und Jugendhilfe. Sie wird deshalb auch in gemeinsamer Verantwortung von Jugendhilfe und Schule organisiert. Sie ist grundsätzlich an allen Schulformen sinnvoll und erforderlich.
Ziele
Schulsozialarbeit zielt vor allem darauf ab, junge Menschen in ihrer individuellen, sozialen, schulischen und beruflichen Entwicklung zu fördern sowie Bildungsbenachteiligungen zu vermeiden und abzubauen. Die Schulsozialarbeit bedient sich der Methoden der Jugendhilfe gemäß der Grundlagen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes und ist Teil der kommunalen Bildungslandschaft.