Corona und Gerechtigkeit „Natürlich kann der Staat eingreifen“

Philipp Keil leitet die Stiftung Entwicklungszusammenarbeit Baden-Württemberg. In Berlin gibt es das Bundesentwicklungsministerium. Warum das Thema trotzdem auch auf Landesebene eine Rolle spielt, sagt Keil im Interview. Foto: SEZ

Baden-Württemberg hat eine eigene Stiftung für Entwicklungszusammenarbeit. Welche Aufgaben sie hat und was er aus der Coronakrise für seine Arbeit gelernt hat, sagt Geschäftsführer Philipp Keil im Interview.

Stuttgart - Ein paar Minuten später als vereinbart geht die Tür zu Philipp Keils Büro auf. Keil arbeitet in der Stuttgarter Werastraße nahe dem Eugensplatz. Dort hat die Stiftung Entwicklungszusammenarbeit Baden-Württemberg ihren Sitz, Keil ist der geschäftsführende Vorstand. Gerade lief in seinem Büro noch ein Bewerbungsgespräch. Der „Future Fashion Store“, den die Stiftung Anfang Juli im Gerber eröffnen wird, sucht Mitarbeiter. Generell will die Stiftung Menschen im Südwesten zum Nachdenken über globale Gerechtigkeit anregen und fördert mit Partnern auch Projekte in verschiedenen Ländern wie Bangladesch, Burundi oder Costa Rica.

 

Nun bittet Keil zum Gespräch. Er leitet die Stiftung seit 2015, zuvor war er bei der Messe Stuttgart Abteilungsleiter für Nachhaltigkeit. Im Interview sagt der 39-Jährige, warum die Coronakrise den Blick der Menschen auf den Staat verändert hat – und was das für die Entwicklungszusammenarbeit bedeutet.

Herr Keil, die Stiftung Entwicklungszusammenarbeit will „die baden-württembergische Bevölkerung für ein global verantwortliches Handeln sensibilisieren“. So steht es auf der Website. Doch in der Coronakrise machen sich viele Menschen Sorgen um ihren eigenen Job. Die Armen der Welt sind gedanklich weit weg. Sind Sie derzeit überhaupt noch arbeitsfähig?

Natürlich ist die Arbeit zur Zeit schwierig. Diskussionen und andere Veranstaltungen sind wichtig, damit unser Thema beim Mainstream auch nur ansatzweise ankommt. So etwas ist zur Zeit Zeit kaum möglich. Trotzdem glaube ich, dass wir für den Weg hin zu einer gerechteren Welt aus der Coronakrise etwas Wichtiges lernen können.

 Und zwar?

Bei vielen Themen hieß es vor der Pandemie immer: Da kann der Staat nicht eingreifen. Nehmen Sie das Beispiel von Produktsiegeln, etwa für Textilien oder Fleisch. Wir haben zig Selbstverpflichtungen, aber zu wenig gesetzlich verpflichtende Standards. Das Ergebnis: Verbraucher verlieren den Überblick – und Produktionsweisen, die ökologisch und sozial schädlich sind, bleiben weiterhin möglich. Wenige Monate später sehen wir: Natürlich kann der Staat eingreifen – in alle möglichen Dinge und sogar viel stärker, als wir es lange für denkbar gehalten hätten.

Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Weil es um den Schutz von Menschenleben ging, wurde das Alltagsleben, wie wir es kannten, komplett umgekrempelt. Nach dieser Erfahrung werden Politiker in Zukunft sehr unglaubwürdig, wenn sie sagen: Kitas zu, Innenstädte dicht, Grenzen geschlossen, das haben wir zwar alles gemacht – aber gegen die Tatsache, dass die Handys und die Akkus die wir hier kaufen, Kobalt enthalten, der im Kongo von Kindern abgebaut wird und dabei täglich Kinder sterben, können wir leider nichts tun. Oder: Einen vernünftigen CO2-Preis können wir leider nicht einführen – auch wenn durch die Auswirkungen des Klimawandels Menschen sterben.

Es gibt ja schon viele Akteure, die sich um Entwicklungszusammenarbeit kümmern – zum Beispiel das Bundesentwicklungsministerium, eine Generaldirektion bei der EU-Kommission und das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen. Warum braucht das Land Baden-Württemberg für das Thema eine eigene Stiftung?

Das kommt stark darauf an, wie man Entwicklung definiert. Viele Ursachen von Armut in anderen Ländern liegen ja in der Handelspolitik, die von uns gewählte Politiker aushandeln und werden von unserem Verhalten hier konkret vor Ort in Baden-Württemberg verstärkt. Im Südwesten wird gerne betont, wie viele Tüftler, Denker, Weltmarktführer wir haben. Der Export von Waren ist sehr wichtig für den Wohlstand hier. Wir profitieren enorm von der Globalisierung – aber damit geht auch eine Verantwortung für die Zustände in den Ländern in denen wir auf der Welt produzieren einher. Wer von dem Gehalt, dass er beim Daimler verdient, bei Primark im Milaneo ein Trägertop für 2,30 Euro kauft, der darf sich nicht wundern, dass die Textilarbeiterin in Bangladesch, die das Top genäht hat, nicht genügend Geld verdient, um ihre Familie zu ernähren – und die wohnt wiederum nicht weit weg von China, wo Daimler die meisten seiner Autos verkauft.

Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?

In unserem vernetzten Wirtschaftssystem hängt alles miteinander zusammen. Für mich ist Entwicklung kein Geldtransfer von Nord nach Süd, sondern die Frage „Wie wollen wir auf der Welt zusammen leben?“ – und die müssen wir hier vor Ort diskutieren. Natürlich fördern wir mit unserer Stiftung auch Projekte mit Partnern im globalen Süden. Aber parallel dazu wollen wir konkret hier in Baden-Württemberg ansetzen.

Was fordern Sie?

Zum Beispiel, dass staatliche Förderung und Investitionen an Bedingungen für Transparenz in den Lieferketten gebunden werden - und dass die Unternehmen Subventionen kriegen, die soziale und ökologische Kriterien in ihre Geschäftsmodelle integriert haben. Für jede Entscheidung sollten Landesministerium die Agenda 2030 und die Ziele für nachhaltige Entwicklung als Check-Liste zur Hand nehmen und prüfen, ob eine Entscheidung den Zielen widerspricht. In der Agenda 2030 haben die Vereinten Nationen 17 Ziele definiert, die Soziales, Umwelt und Wirtschaft gleichermaßen berücksichtigen. Die Frage, wie wir die Nachhaltigkeitsziele erreichen, müsste eine genauso hohen Stellenwert haben wie zur Zeit etwa die Frage, wie es mit der deutschen Autoindustrie weitergeht.

Jeder einzelne könne etwas für eine gerechtere Welt tun, heißt es auf der Webseite der Stiftung. Wie stellen Sie sich das vor?

Ich könnte zum Beispiel im Supermarkt oder im Einkaufszentrum nachfragen, wo die Produkte herkommen, die ich kaufe und dann entscheiden. Welche Auswirkungen hat die Produktion der Dinge, die ich kaufen will? Ich kann die Informationen einfordern und dann in dem Wissen handeln. Oder fragen: Brauche ich das überhaupt? Über die letzte Frage haben viele Menschen in der Coronakrise neu nachgedacht und manche sind vielleicht zu anderen Antworten gekommen als vorher.

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