Corona-Visite in Heilbronn Am Limit auf der Intensivstation

Schutzkleidung erschwert die Arbeit zusätzlich. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Eine Begegnung mit Ärzten und Krankenschwestern der Intensivstation am SLK-Klinikum in Heilbronn: Wir sind müde, sagen sie.

Heilbronn - urchgang verboten. „Achtung, Covid-Bereich“ steht auf einem roten Schild. Hinter der Glastür liegt die Medizinische Intensivstation (MINT) des SLK-Klinikums in Heilbronn, wo derzeit 16 an Covid-19 Erkrankte behandelt werden. Man sieht ein großes, offenes Mitarbeiterzimmer mit Computern und einem Bildschirm an der Decke, der die Daten der Patienten anzeigt, es erinnert an den Leitstand eines Kraftwerks. Eine nüchterne, freundliche Atmosphäre, eine spärliche Weihnachtsdekoration ist aufgehängt – schon zwei Wochen vor dem ersten Advent. Wie soll die Corona-Zeit hier, bitte, schneller vergehen?

 

Pflegekräfte streifen sich Schutzanzüge über, füllen Dokumente aus, bereiten Apparate vor, und dann erhascht man einen Blick auf das Drama: Auf einem Rollbett wird ein Mann vorbeigeschoben, kräftige Statur, halb nackter Oberkörper, verkabelt auf weißen Bettlaken, umsorgt von vielen Händen, hilflos, schwer krank. In einem Konferenzraum berichten Ärzte und Pfleger, wie es ist auf einer Intensivstation, neun Monate nach dem Ausbruch einer Pandemie, die die Welt in Atem hält.

Das Virus hat eine unheimliche Eigenschaft, die selbst die erfahrensten Mediziner enorm unter Druck setzt. „Wir haben viel dazugelernt. Covid-19 ist ein sehr aufwendiges Krankheitsbild“, sagt Professor Marcus Hennersdorf (55), der für die Intensivmedizin zuständige Klinikdirektor. Dass Ebola- und HIV-Medikamente nicht helfen, dass die Liege- und Rekonvaleszenz-Zeiten um Wochen länger sind als bei anderen Krankheiten, dass ein Covid-19-Patient bei schweren Verläufen von starken Entzündungen der Gefäßinnenwände betroffen ist, die zu Thrombosen, Lungenembolien oder Organversagen führen: Das haben die Ärzte und Krankenschwestern angenommen. Ebenso die Tatsache, dass man eigentlich nicht viel machen kann, so Hennersdorf, solange keine medikamentöse Therapie existiere: Cortison geben, beatmen, die Organfunktionen erhalten, viel mehr ist nicht drin. „Wir müssen dem Körper die Möglichkeit geben, zu heilen.“

Die Rückschläge kommen aus dem Nichts

Aber die Unberechenbarkeit ist es, die den Medizinern zu schaffen macht, die Heimtücke des Virus. Da wirkt ein Patient stabil, er soll vom Beatmungsgerät genommen werden, aber wie aus heiterem Himmel schnellt seine Atemfrequenz wieder auf 30 pro Minute – normal sind zwölf. „Es kommt immer wieder zu plötzlichen Verschlechterungen“, sagt der Chefarzt. Bei anderen Krankheiten – Influenza oder Lungenentzündung – seien die Verläufe absehbar, es gebe einen Peak – einen Höhepunkt der Erkrankung – und im Anschluss ein allmähliches Abflauen. Nicht so bei Covid-19, Rückschläge sind unabsehbar.

Petra Strauch (57) arbeitet als Fachkrankenschwester seit 32 Jahren auf der„Intensiv“, und ihre Kollegin Karin Schifferer (51) kommt auf 27 Jahre. Sie haben viel erlebt, aber auch für sie toppt Covid-19 alles – im negativen Sinn. Anfangs kamen die Rückschlägen überraschend, sagt Strauch. „Da bin ich von meinen alten Erfahrungen ausgegangen. Wenn ein Patient einen stabilen Eindruck gemacht hat, und Angehörige riefen an, habe ich das denen so mitgeteilt.“ Heute weiß sie es besser, da sei ein Patient „gut drauf“, aber binnen einer Stunde könne das komplett umschlagen.

Zum Verbund der SLK-Kliniken gehören drei Krankenhäuser in und um Heilbronn mit 1600 Betten und 5400 Mitarbeitern. Am schlimmsten hatte die Corona-Krise die SLK-Kliniken an Ostern erwischt, als 38 Covid-19-Patienten auf der Intensivstation lagen. Damals ist ein Notfallplan erstellt worden, um in einer schweren Krise umzusteuern: Zwei Kliniken könnten bei ausreichend Personal nun 600 Covid-Patienten auf Normalstationen und 200 auf Intensivstationen aufnehmen. Ein drittes Krankenhaus würde die Versorgung der Covid-freien Notfallpatienten übernehmen. Alle hoffen, dass dieser Plan in der Schublade bleiben kann.

„Wir fahren auf Sicht“, sagt Jürgen Bollgönn-Kirch (59), derzeit der Intensivkoordinator. In der Osterkrise hat die Klinik gelernt, planbare Operationen zurückzufahren und rasch Personal von Allgemeinstationen zu rekrutieren – von der Pflegeschülerin, über die Krankenschwester von der Inneren bis zum Ergotherapeuten. Derzeit ist die Lage noch fragil. Im gesamten Klinikverbund liegen 86 positiv auf Corona getestete Patienten, das ist noch einigermaßen überschaubar für eine 1600-Betten-Klinik. Aber wird die Lage so bleiben?

„Wenn wir einen großen Schub kriegen, kippt das System“, befürchtet Oberarzt Dominik Scharpf (38). Die Arbeitsbelastung für die Pflegekräfte wegen Covid-19 sei enorm, die Arbeit sei „sehr aufwendig“. Ein halbes Dutzend Schläuche, Kabel oder Kanülen hängen an einem beatmeten Patienten, müsse der in die Bauchlage gebracht werden, brauche man dafür bis zu fünf Leute, es dauere eine halbe Stunde.

Eine Pflegekraft ist auf der Intensivstation normal für zwei Patienten zuständig, bei Personalknappheit im Beisein von Hilfspflegern auch für vier. Sechs bis acht Spritzen muss eine Krankenschwester täglich ihren Patienten geben, aber das sind nicht einfache „Pikser“, das sind Spritzenpumpen mit Medikamenten, eine aufwendige Prozedur. Waschen, beim Essen und Trinken assistieren, Sonden wechseln. „Wir sind eigentlich für alles zuständig“, sagt Karin Schifferer. Einige Patienten werden mit einem Tubus durch den Mund oder die Luftröhre beatmet, die leichteren Fälle habe nur eine Nasensonde – und die langweilten sich oft, da sie keinen Besuch erhalten dürfen. „Wir sind für die der einzige Kontakt, die wollen auch unterhalten werden.“

Dabei schaffen Schutzkittel, Maske, Face-Shield und doppelte Handschuhe eine ungewohnte Distanz zum Patienten – und die Ausrüstung erhöht die Belastung. Eine Schwester berichtet von Druckstellen durch die Maske, auch von Schwindelgefühl und Hautirritationen. Das Umziehen sei so umständlich, dass man sich eine Kaffeepause gut überlege. „Nach zehn oder zwölf Stunden mit der FFP-2-Maske komme ich an die frische Luft und merke, wie cool es ist, frei zu atmen“, sagt Oberarzt Scharpf.

Eine ungewohnte Distanz zu den Patienten

Man sei eigentlich ständig am Limit, sagt Intensivpfleger Bollgönn-Kirch. „Seit Ostern sind wir einfach ein Stück weit müde.“ Da sei immer das Gefühl, man dürfe nicht krank werden. Und der Druck strahlt in den privaten Bereich aus. Eine Schwester berichtet von getrennten Schlafzimmern, um ja von ihrem Mann nicht angesteckt zu werden – und umgekehrt. Auch besuche sie ihre Mutter nicht mehr aus Corona-Vorsicht. Für ein leichtsinniges Verhalten von Bürgern in der Corona-Krise hat keiner Verständnis. „Es ärgert mich“, sagt Professor Hennersdorf, „wenn sich die Leute im Supermarkt nicht an die Regeln halten oder im öffentlichen Raum dichte Gruppen bilden.“

Die anfängliche Bewunderung der Krankenschwestern als „Helden“ am Beginn der Krise ist verblichen. Laut Gewerkschaft Verdi erhält eine Krankenschwester in der tariflichen Endstufe 3500 Euro brutto. Petra Strauch erhielt mal privat einen Präsentkorb, und freute sich über die Anerkennung. Ihre Motivation speist sich heute aus „ihrem guten Team“, einer hohen Eigenverantwortung auf der MINT und den „emotionalen Momenten“ trotz der Belastung. Oberarzt Scharpf sagt, dass manchmal Covid-19-Patienten aus der Reha-Klinik Briefe des Dankes schicken. „Sie schreiben uns, sie seien noch mal davon gekommen. Das motiviert uns natürlich schon.“

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