Corona zwingt zur Auszeit Fischers Fritzen fischen frische Forellen

Clemens König (li.) holt Franz Feckls Fang mit dem Kescher ein. Foto: /Siegfried Dannecker

Was machen Chorleiter Clemens König und Sternekoch Franz Feckl, wenn sie wegen Corona beruflich monatelang ausgeknockt sind? Sie gehen „Fliegenfischen“ an der Nagold in Bad Liebenzell.

Ehningen/Bad Liebenzell - Der eine muss seit Monaten die Küche kalt lassen. Der andere darf keinen seiner Chöre dirigieren: Sternekoch Franz Fecklund Chorleiter Clemens König, beide aus Ehningen und Nachbarn, sind – durch Corona ausgeknockt – zum relativen Nichtstun verdammt. Das schmeckt ihnen nicht, klar. Also machen die beiden, zumindest zeitweise, aus der Not eine Tugend. Und so tun sie nun häufiger das, was sie auch sonst regelmäßig gemeinsam machen: „Fliegenfischen“.

 

Bad Liebenzell, Sonntagmittag. Die Nagold plätschert geschätzte sieben Grad kalt Richtung Pforzheim, als das Duo Feckl/König eine B-Klasse am Ufer- und Radweg parkt. Ihre Anglerkluft haben die beiden Männer bereits an – König auch die Wathose. Alles andere wird aus dem Fahrzeugheck gefischt – die Angeln mit ihren langen Schnüren. Und die Köder. „Das hier ist eine Nymphe“, zeigt König auf das, was er am Haken aufgespießt hat – künstlich hergestellt aus beispielsweise Hühnerfedern.

Anglerglück und -pech liegen nah beieinander

Auf sie, hoffen die Petrijünger, werden die Nagold-Bewohner heute anbeißen. Genau weiß man das ja nie. Beziehungsweise erst hinterher. Anglerpech und Anglerglück können nah beieinander liegen. „Aber auch wenn wir mal nix fangen, kommen wir erholt und glücklich zu unseren Ehefrauen heim“, lacht das Duo. Also jeder zu jeweils seiner eigenen! Der Fang sei nicht das Wichtigste. Jedenfalls weniger wichtig als die erholsamen Stunden in der Natur, die das Angelhobby mit sich bringt.

Clemens König angelt schon lange. „Eigentlich von Kindesbeinen an“, lacht der 54-jährige Musiker, Sänger und Chorleiter verschmitzt. Als er Kind war in Stuttgart, habe er im Bärensee geangelt – heimlich, schwarz, ohne Erlaubnis. Verjährt. Heute besitzt König eine Lizenz, hat den Angelschein vor zig Jahren gemacht. Seit über zehn Jahren ist er Mitglied im Fischereiverein Bad Liebenzell, seinem Revier. Auch Feckl ist dort Mitglied, seit er dem Fliegenfischer-Vorbild seines Freundes gefolgt ist. Auch der 65-jährige Maitre de Cuisine angelt schon lange. Doch erst seit er Clemens König kennt, ist er vom Wurm zum Insekt als Köder gekommen: Aufstieg in die Champions-League des Angelsports.

Robert Redfords Hollywood-Opus stand Pate

„Fliegenfischen“ wollte Feckl spätestens, seit er das Hollywood-Epos „Und in der Mitte entspringt ein Fluss“ gesehen hat. Der legendäre Streifen von Robert Redford und mit Brad Pitt geisterte dem Mittsechziger immer im Kopf herum. Nun kann er den Bildern von damals selber nachjagen; nicht in Montana, USA. Dafür im Nordschwarzwald. Auch nicht schlecht. Bergig ist es hier auch.

Den richtigen Dreh haben König als Lehrmeister und Feckl als Geselle voll raus. Will heißen: Sie beherrschen die Technik, eine praktisch nichts wiegende Angelschnur so mit Schwung Richtung Fluss zu zirkulieren, dass der Köder auf der Wasseroberfläche auftrifft, dort, wo sie einen Fisch erspähen. Oder zumindest erahnen. Mit der Zeit habe man ein Gespür dafür, lachen die beiden. Steigen Blubberblasen auf? Hechtet ein Fisch nach einem Bachfloh?

Es könnte eine Äsche sein. „Das ist der Leitfisch hier in unserem Abschnitt. Da gibt es eine natürliche Population“, sagt Clemens König und greift nach seinem Smartphone, um ein Foto eines früheren Fangs zu zeigen. Das Männchen mit seiner großen Rückenflosse ist ein beeindruckendes Geschöpf. „Duftet ganz leicht nach Thymian“, schmunzelt Franz Feckl. Ganz Koch halt.

Ein Reiher zieht über die Nagold: „Der fischt auch hier – wie der Schwarzmilan mit seinen Krallen“, erzählt Clemens König über die friedliche Koexistenz. Auch der Eisvogel, der sein (Brut-)Revier mit dem von König/Feckl teilt, soll nicht darben. Angler sind nicht nur Jäger, sondern auch Heger und Pfleger.

Alles, was zu Beginn der Angelsaison nicht mindestens 30 Zentimeter groß am Haken hängt und zweimal abgelaicht hat, bekommt seine Freiheit zurück. „Wir fischen ohne Widerhaken“, erklären die beiden Ehninger. Heißt: Normalerweise bleibt dann auch keine Verletzung im Fischmaul zurück.

In der Natur und ganz bei sich

Fliegenfischen sei ein gezieltes Fischen, ein sportliches, erklärt König: „Man sucht den Wettbewerb in der 1:1-Situation.“ Bleibt der sportliche Erfolg aus – egal. Das Hobby ist meditativ, kontemplativ. Man(n) ist in der Natur, dort, wo Wasseramseln und Ringelnattern auch sind. Man ist Teil von ihr und bei sich. König und Feckl, die schon mehrfach zusammen in Alaska zum Lachsangeln waren, erzählen von Corona und von ihren Kindern, Kochrezepten und etwas Anglerlatein. Und mal erzählen sie länger rein gar nichts. Spätestens dann, wenn einer anbeißt, wie jetzt eine schöne Forelle.

Die eine ist zu klein, um in der Pfanne zu enden. Die andere ist groß genug. 1:0 für Franz Feckl. Der Küchen-Maestro geht in Führung. Doch das Match ist noch nicht zu Ende; die Partie, zu der das gegenseitige Frotzeln zwingend gehört, geht ein paar Stunden lang. Am Ende steht es 4:0 für Geselle Feckl. Sein Lehrmeister hat nur eine Äsche gefangen, die ihrer Schonzeit wegen zurück in die Fluten darf. Aber es ist wie beim Fußball. Am Wochenende drauf kann es schon wieder ganz anders ausgehen. Möglicherweise unentschieden. „Das ist atmosphärisch natürlich am besten“, lacht Clemens König, bevor er mit Franz Feckl die Heimfahrt antritt.

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