Landauf, landab hatten im Sommer die Infektionszahlen nach den großen Volksfesten fast überall stark zugelegt. Die Stuttgarter Inzidenz liegt dagegen eine Woche nach dem Wasen-Abschluss mit 452 um fast die Hälfte unter der landesweiten (762). Während sich in den Infektionskarten halb Bayern nach der Wiesn tiefrot färbte, bildet Stuttgart eine Insel der Gesunden. Oder?
Ganz so gut sind die Nachrichten leider nicht, weil man für eine Beurteilung die ganze Region in den Blick nehmen sollte. In den Kreisen Esslingen, Böblingen und Rems-Murr liegt die Inzidenz nach steilem Anstieg über dem Landesschnitt (siehe Schaubild). Dort haben sich die Infektionszahlen ähnlich wie in München nach der Wiesn während des Volksfests fast vervierfacht.
Gesundheitsamt nennt einen Grund
Warum gibt es in der Landeshauptstadt keine solche Entwicklung? Vielleicht gehen die Stuttgarter seltener auf ihr eigenes Volksfest. Die wahrscheinlichere Erklärung sind seit einer Woche bestehende „technische Probleme“, die laut Stadtverwaltung zu einem „Rückstand in der Bearbeitung der Labormeldungen“ führen. Die Infektionen werden also nicht gemeldet. Ansteckend oder krank sind die Menschen trotzdem.
Auch im Stuttgarter Abwasser könnten Hinweise stecken. Proben vom Hauptklärwerk Mühlhausen werden regelmäßig auf den Gehalt von Corona-RNA untersucht, und der stieg während des Volksfests ausweislich der diese Woche veröffentlichten Daten deutlich an. „Unsere Erfahrung ist, dass auf solch einen Ausschlag im Abwasser ein deutlicher Anstieg der Inzidenz folgt“, heißt es im aktuellen Corona-Lagebericht der Stuttgarter Stadtverwaltung.
In den Kreisen rund um Stuttgart sind die Inzidenzen zwar in den vergangenen Wochen ebenfalls stark angestiegen. Es gibt aber beachtliche Unterschiede: Während die Inzidenz am Freitag in Göppingen mit 533 und in Ludwigsburg mit 573 deutlich unter dem Landesdurchschnitt lag, melden der Rems-Murr-Kreis (840), Esslingen (1053) und Böblingen (884) deutlich höhere Zahlen.
Zahl der Bürgertests bricht ein
Wie viele tatsächlich infiziert sind, bleibt freilich im Unklaren. Das hat mit der Testintensität zu tun. Neben den PCR-Tests werden auch Bürgertests deutlich seltener genutzt als im Winter und Frühjahr. In Zahlen: Der bisherige Höchststand in Stuttgart wurde mit 1,7 Millionen Bürgertests im Januar erreicht, im September waren es gerade einmal 87 000. Entsprechend bleiben mehr Infektionen unentdeckt.
Die Inzidenz ist also eher ein Trendindikator als ein exaktes Maß für den regionalen Pandemiestand. Wie entspannt oder dramatisch die Lage wirklich ist, verraten andere Aspekte – etwa „die Lage in den Krankenhäusern“, wie Simone Hotz sagt, die Sprecherin des Böblinger Landratsamts. Die spitzt sich mittlerweile zu, wie diese Woche eine Abfrage unserer Zeitung ergeben hat.
Landrat appelliert an die Bürger
Der für den Kreis Böblingen zuständige Klinikverbund Südwest hat nach Angaben von Simone Hotz bei der Zahl der coronapositiven Patienten mittlerweile den höchsten Wert im gesamten Pandemieverlauf der vergangenen zweieinhalb Jahre erreicht. Der Kreis Göppingen meldete diese Woche, dass an den dortigen Kliniken, in den Arztpraxen und Pflegeheimen krankheitsbedingt sehr viel Personal ausfalle – sei es infolge des Volksfestbesuchs oder weil viele mittlerweile weniger vorsichtig sind.
Aus Pflegeeinrichtungen im Kreis Göppingen seien in den vergangenen Tagen wieder vermehrt Corona-Erkrankungen gemeldet worden. Das sei besonders bedauerlich, sagt der Landrat Edgar Wolff, weil solche Patienten bei einer Covid-19-Erkrankung lebensbedrohlich gefährdet sind. Er appelliert nachdrücklich an die Bürger, eine FFP-2-Maske zu tragen, wenn sie sich in einem Innenraum mit vielen Menschen oder im öffentlichen Raum aufhalten, wo entsprechende Abstände nicht eingehalten werden können: „Damit schützt man sowohl sich selbst als auch andere.“
„Durchseuchung überall sehr hoch“
Wie groß der mögliche „Wasen-Effekt“ auf die geschilderten Entwicklungen ist, lässt sich aus den Daten also nicht herauslesen. Dass unter den geschätzt drei Millionen Besuchern des Cannstatter Volksfests auch Ansteckende waren und andere angesteckt haben, ist gewiss. Wie viele sich dort das Virus (oder eine andere Atemwegserkrankung) eingefangen und das wiederum an Mitmenschen weitergegeben haben, bleibt dagegen im Ungefähren. In den Infektionszahlen jedenfalls „lässt sich eine räumliche Zuordnung zu diesem Event nicht finden“, sagt Frank Wittmer, der Sprecher des Ludwigsburger Landratsamts. Er verweist darauf, dass die Wasen-Besucher auch von weiter her kämen. Zudem sei „die Durchseuchung überall sehr hoch“.
Wittmer spielt damit auf die angelaufene Herbstwelle an. Nach einem an Infektionen relativ armen Sommer kann man sich Viren mittlerweile überall einfangen. In Deutschland leiden aktuell etwa 7,6 Millionen Menschen an akuten Atemwegserkrankungen, schätzt das Robert-Koch-Institut, der Corona-Anteil daran liegt zwischen 15 und 30 Prozent. Angesichts solcher Werte ist das Cannstatter Volksfest „einer von vielen Faktoren“ für die Erkrankungen, vermutet der Stuttgart-Sprecher Sven Matis. Und weil Kontakte nicht mehr nachverfolgt werden, bleibe der Infektionsort meist unklar.