Studien untersuchen medizinische Hintergründe Warum das Coronavirus für Männer besonders gefährlich ist

Ein positiver Coronatest kann sehr unterschiedliche Folgen für die Betroffenen haben. Foto: imago /Christian Ohde

Die Schwere der Erkrankung und das Risiko, an einer Corona-Infektion zu sterben, hängen von vielen Faktoren ab. Studien untersuchen die medizinischen Hintergründe und geben Antworten auf die Frage, warum das Virus für Männer besonders gefährlich ist.

Stuttgart - Das Spektrum der Folgen einer Coronavirus-Infektion ist groß: Manche verspüren ein leichtes Halskratzen oder hüsteln etwas, andere haben leichte Atemnot. Dann sind da die vielen Patienten, die wochenlang invasiv beatmet werden müssen, nicht wenige sterben trotzdem. Kann man das eigene Risiko für einen schweren Verlauf abschätzen? Was bislang bekannt ist.

 

Gibt es eine genetische Veranlagung, die das Risiko für einen schweren Verlauf erhöht?

Eine Genvariante ist die Folge einer minimalen Veränderung eines winzigen Bausteins in einem Gen. Aktuell sind sechs Genvarianten bekannt, die einen schweren Verlauf begünstigen. Zwei davon hängen mit der angeborenen Immunabwehr und der Produktionsmenge spezieller Proteine, sogenannter Interferone, zusammen. Infizierte Zellen produzieren sie, damit sich das Virus in ihnen möglichst nicht mehr vermehren kann. Drei weitere Genvarianten haben mit schweren Entzündungsprozessen zu tun. Die sechste Genvariante erleichtert es dem Coronavirus Sars-CoV-2, Schleimhautzellen in den Atemwegen und in der Lunge zu infizieren. Die Genvariante hat zur Folge, dass die Zellen das Virus schlechter abwehren können. Das verdoppelt das Sterberisiko bei Covid-19. Rund 15 Prozent der europäischen Bevölkerung sind Träger dieser Genvariante.

Welche Rolle spielen Vorerkrankungen?

Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Asthma und Lungenleiden sowie Übergewicht erhöhen unabhängig von Geschlecht und Alter das Risiko für einen schweren Verlauf. Patienten mit Autoimmunerkrankungen oder Krebs, die aufgrund ihrer Erkrankung mit dem Medikament Rituximab behandelt werden, haben ein erhöhtes Risiko für einen schwereren Covid-19-Verlauf und damit ein deutlich erhöhtes Sterberisiko.

Inwieweit spielt das Alter eine Rolle für das Sterberisiko?

Ältere Menschen haben ein deutlich höheres Sterberisiko als jüngere. Aktuelle Studienergebnisse deuten darauf hin, dass die Zahl der Eintrittspforten, der ACE-2-Rezeptoren, für das Virus in die Lungenzellen mit dem Alter zunimmt. Jüngere Covid-19-Patienten unter 65 Jahren machen nur etwa 5 bis 9 Prozent aller Corona-Todesfälle in Europa aus. Aber aufgepasst: Covid-19-Patienten mit Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Asthma oder Lungenleiden in der Altersgruppe „jünger als 65 Jahre“ hatten ein doppelt so hohes Risiko wie die gesamte Altersgruppe. Vermutlich ist auch Übergewicht relevant.

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Werden mehr Männer oder Frauen bei Covid-19 ins Krankenhaus eingeliefert?

Studienergebnisse zeigen, dass Männer stärker gefährdet sind als Frauen. Zwar sind Männer und Frauen offenbar gleich anfällig für eine Infektion mit Sars-CoV-2, aber Männer haben das größere Risiko für einen schweren Verlauf und sterben auch häufiger als Frauen daran. Gerade bei den jüngeren Covid-Toten unter 65 Jahren ist der Anteil der Männer in Europa überproportional hoch. Vergleicht man den Anteil von Männern und Frauen an den Toten über alle Altersklassen hinweg, dann beträgt das Verhältnis in Deutschland fast 2:1.

Woran liegt das?

Frauen haben bis zu den Wechseljahren dank ihrer Sexualhormone gewisse Vorteile. Ihre Immunantwort auf Impfungen und Infektionen fällt stärker aus, sowohl allgemein als auch speziell gegen Sars-CoV-2. Männer haben mehr ACE-2-Rezeptoren, an die das Coronavirus andockt, um eine Zelle zu infizieren. Befinden sich mehr dieser Rezeptoren auf der Zelloberfläche, gelangt Sars-CoV-2 leichter in die Zelle.

Kann die Immunantwort eines Menschen auf Sars-CoV-2 auch einen negativen Effekt auf den Verlauf von Covid-19 haben?

Schon früh in dieser Pandemie wurde deutlich, dass bei einem Teil der Patienten das Immunsystem überschießend reagiert und es deshalb zu schweren Verläufen von Covid-19 kommt. Überschießend bedeutet, dass das Immunsystem viel zu große Mengen bestimmter entzündungsfördernder Immunbotenstoffe produziert. Das ist sehr gefährlich, kann im ganzen Körper Entzündungen verursachen und im weiteren Verlauf zu Organversagen und schließlich zum Tod führen. Zugleich ist genau bei diesen Patienten zu wenig Interferon-Alpha für die Virusbekämpfung vorhanden, und sie haben zu kleine Mengen bestimmter Immunzellen, die infizierte Zellen abtöten können.

Gibt es weitere Risikofaktoren?

Rauchen ist zwar keine Vorerkrankung, kann aber Schäden an der Lunge verursachen und so das Risiko für schwerere Verläufe erhöhen. Weiterhin scheint bei Männern der Wert für das männliche Sexualhormon Testosteron eine Rolle zu spielen. Ist er zu niedrig (etwa ein Fünftel des Normalwertes), dann ist ein schwerer Verlauf wahrscheinlich. US-Wissenschaftler haben festgestellt, dass auch dann die Gefahr noch nicht gebannt ist, wenn ein Mensch eine schwere Covid-19-Erkrankung überlebt hat. Im ersten Jahr nach dem Klinikaufenthalt ist das Sterberisiko weiterhin erhöht, weil sich der Gesundheitszustand allgemein verschlechtert hat – insbesondere bei den jüngeren Betroffenen.

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