Coronapandemie und die Reizüberflutung Das nervt!

Kurz vor dem Explodieren. Foto: lassedesignen - stock.adobe.com/lassedesignen

Die Pandemie, der Klimawandel, der eigene Körper und diese irre Informationsflut – das nervt alles so sehr, dass man sich am liebsten verabschieden will aus dem achtsamen Leben. Warum eigentlich nicht? Ein Plädoyer fürs Ausklinken.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Stuttgart - Letztens wieder den halben Tag Heimwerkersendungen geglotzt. Im ehemaligen Bildungsfernsehen. In den Werbepausen nicht gezappt, Nachrichten gemieden, um ja nichts mehr mit Corona zu sehen oder zu hören. Bloß keine aktuellen Statistiken mehr mit Toten, Frischinfizierten, Wiedergenesenen, Erstimpfungen, Zweitdosen, Mutanten, Thrombosen!

 

Mathe ist okay

Und zwar nicht aus dem Grunde, weil man einer dieser unverbesserlichen Coronaleugner wäre, ganz im Gegenteil. Man zählt sich zu jenen, die über ein mathematisches Grundwissen verfügen, nicht erst seit der Pandemie Statistiken interpretieren und dank eines naturwissenschaftlichen Studiums die Wahrscheinlichkeitsrechnung wertschätzen und auch einigermaßen verstehen.

Blanke Horror

Genau deswegen ist diese Pandemie auch der blanke Horror für alle, die sich nicht angesprochen fühlen, wenn sich der mittlerweile pensionierte Mathematik-Professor Norbert Henze im „Spiegel“ darüber echauffiert, dass „Zahlenblindheit und statistisches Analphabetentum“ dem Verständnis für die Maßnahmen entgegenstünden. Wer in Mathe nicht geschlafen hat, versteht, wie gefährlich diese Pandemie wirklich ist.

Keine Rückzugsorte

Doch man hält es trotzdem einfach nicht mehr aus im Kopf. Allein die hysterischen Aufwallungen zum Thema in den sozialen Medien sind ein sehr guter Grund, sich von Twitter und Facebook endgültig zu verabschieden und einen Raum ohne Infektionsgefahr aufzusuchen. Was allerdings schwierig ist. Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen beschreibt das Netz als Ort der ständigen Reizüberflutung: „Es gibt keine Rückzugsorte mehr – alles erreicht uns sofort.“

Latzhosen im TV

Recht hat der Mann. Und wie. Also starrt man Latzhosen im Fernsehen an, bis die Kreissäge im Hirn jault und der Sanitäter kommt. Danach auf der Couch gepoft und weitergesägt. Nach dem Aufwachen der Beschluss, niemals ein Schnäppchenhaus zu kaufen, zu renovieren oder mit Vorschlaghammer abzureißen. Selbst wenn in der „Vogue“ zu lesen ist, dass in dieser Saison die Latzhose voll im Trend ist, wieder einmal.

Häufiger Fernsehkonsum

Hartnäckig hält sich das Gerücht, Frauenzeitschriften und TV-Sendungen wie „Let’s Dance“, „Ex on the Beach“ oder die bei Sofakartoffeln beliebte Do-it-yourself-Show „Mit Nagel und Köpfchen“ machten dumm. Der geistige Verfall beginnt angeblich früh, in der Kindheit. Häufiger Fernsehkonsum habe, da sind sich Experten einig, einen negativen Einfluss auf die Gesundheit der Kinder. Die Reizüberflutung verwandle sie in Sportmuffel, mache sie zu aggressiven, frühreifen Doppelwhoppern mit Schulnoten, die erfolgreiche Suchtkarrieren auf minderwertigen, nach Tacosoße müffelnden Polstermöbeln begünstigten.

Schritte zählen

Da könnte was dran sein. Oder auch nicht. Vielleicht ist es nämlich ganz in Ordnung, geistig mal in eine ausgebeulte Latzhose zu schlüpfen. Möglicherweise ist es gut, dass es vermeintlich dumme Sendungen und sinnlose Freizeitbeschäftigungen gibt, die einen davor bewahren, komplett verrückt zu werden.

Denn in der Coronakrise zeigt sich, dass viele den durch die Flut an negativen Informationen erzeugten Stress mit Aktivitäten bekämpfen wollen, die ihrerseits Stress verursachen. Andauernd soll man Sport treiben, in überfüllten städtischen Grünanlagen laufen, täglich seine Schritte zählen, nicht zunehmen, gesund essen, Kochrezepte von Sterneköchen ausprobieren, sich im Homeoffice ordentlich anziehen, nicht in Depressionen verfallen. Und das am besten unter professioneller Anleitung. Wer davon profitiert? Die Selbstoptimierungsindustrie.

Wut und Ängste

„Gesunder Geist, gesunder Körper, mach Yoga, sei achtsam, beherrsche deine Wut und deine Ängste“, heißt es in dem Buch der niederländischen Psychologin Marian Donner mit dem sinnigen Titel „Das kleine Buch der Selbstverwüstung“, in dem sie ein Plädoyer für das Ausklinken hält: öfter mal fünfe gerade sein lassen, morgens im Bett liegen bleiben, einen zu viel oder zu wenig heben, seinen in der Pandemie angefutterten Rettungsring lieben lernen.

Ein Haufen Tricks

„Letztlich bietet dir die Selbsthilfeindustrie bloß einen Haufen Tricks an, Puffer und Life-Hacks, damit du länger durchhältst. Damit du das Spiel besser mitspielst und vergisst, wie unbegreiflich diese Welt eigentlich ist“, konstatiert Marian Donner. „In erster Linie bringt man dir bei, deine Wut und deine Ängste gelassen hinzunehmen und das eigentlich Unerträgliche zu ertragen.“

So betrachtet ist es okay, den halben Tag lang in Latzhosen und mit einer Tüte Chips irre Heimwerker-Sendungen anzuschauen, auch wenn man gerade nix zu renovieren hat. Ohne schlechtes Gewissen. Vielleicht ist diese Pandemie doch immerhin für etwas gut.

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