Coronapandemie Wie Covid die Behandlung von Krebskranken gefährdet

Die Intensivbehandlung von Covid-Patienten ist sehr aufwendig. Foto: dpa/Jan Woitas

Wegen voller Intensivstationen werden Operationen verschoben. Drohen dadurch auch mehr Tote durch andere Erkrankungen?

Wissen/Gesundheit: Werner Ludwig (lud)

Stuttgart - Wenn ein Krebskranker auf seine Tumoroperation warten muss, weil auf der Intensivstation kein Platz mehr ist, kann das schlimme Folgen haben. Denn der Krebs hat dann mehr Zeit, sein zerstörerisches Werk fortzusetzen. „Solche Fälle haben wir bereits bei uns beobachtet“, sagt Michael Hallek, Direktor der Klinik I für Innere Medizin an der Uniklinik Köln. Problematisch sei auch, wenn ein Herzinfarktpatient auf der Suche nach einem freien Bett stundenlang durch die Gegend gekarrt werden muss.

 

„Wir reden hier nicht nur über verschobene Hüftoperationen“, sagt auch Stefan Kluge, der die Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf leitet. Er spricht von „latenter Triage“, wenn beispielsweise ein schwer Leukämiekranker nicht behandelt werden kann, weil die Intensivstation schon voll ist. Besonders schwierig sei die Situation in Bayern, Thüringen und Sachsen, doch wenn die Infektionszahlen weiter steigen, sei auch bald der Rest der Republik betroffen. Weil es die Politik nicht geschafft habe, die Pandemie unter Kontrolle zu bekommen, stünden Ärzte nun oft wieder vor einem ethischen Dilemma, so Hallek.

Dabei liegt der Anteil der Covid-Patienten an den Intensivpatienten derzeit nur bei rund einem Sechstel, wie der Berliner Gesundheitsmanagement-Forscher Reinhard Busse erläutert. Allerdings sei der Arbeitsaufwand für die Betreuung höher als bei anderen Erkrankungen. Zudem liegen schwere Covid-Fälle im Mittel 14 Tage auf der Intensivstation – gegenüber vier Tagen im Durchschnitt aller anderen Intensivpatienten.

Inwieweit sich aufgeschobene Krebsoperationen oder auch -diagnosen am Ende in einer erhöhten Krebssterblichkeit niederschlagen werden, könne man erst in einigen Jahren sagen, so Hallek. Modellrechnungen für Großbritannien lassen allein aufgrund der ersten beiden Coronawellen einen Anstieg der Krebsmortalität um fünf bis 17 Prozent binnen fünf Jahren erwarten. Allerdings gebe es in Großbritannien viel weniger Intensivbetten als in Deutschland, so dass die Behandlung anderer Krankheiten dort noch stärker gelitten habe.

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Laut Divi-Intensivregister befinden sich in Deutschland aktuell knapp 3400 Covid-Patienten in Intensivbehandlung. Jeden Tag kamen zuletzt rund 90 hinzu. Die Zahl der Intensivpatienten laufe den Infektionszahlen etwa drei Wochen hinterher, sagt Kluge. Im Durchschnitt landen 0,8 Prozent der Infizierten auf der Intensivstation. „Da kommt eine Welle auf uns zu“, befürchtet Kluge. Gleichzeitig könnten rund 30 Prozent der Intensivbetten mangels Personal nicht genutzt werden.

Durch eine Impfung könne jeder dazu beitragen, dass die Situation auf den Intensivstationen beherrschbar bleibe, sagt Kluge. Trotz zunehmender Impfdurchbrüche sei das Risiko einer Intensivbehandlung für Geimpfte rund zehnmal kleiner.

Der Impfstatus dürfe allerdings kein Kriterium bei der Vergabe von Intensivplätzen sein. „Wir behandeln schließlich auch Autofahrer, die bei einem Unfall nicht angeschnallt waren.“

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