Coronavirus in Baden-Württemberg Das Land tanzt zurück in die Freiheit
Der Inzidenzwert verliert in Baden-Württemberg seine Macht. Diese Entscheidung ist mutig, aber in der aktuellen Situation völlig richtig, kommentiert unser Autor Tim Höhn.
Der Inzidenzwert verliert in Baden-Württemberg seine Macht. Diese Entscheidung ist mutig, aber in der aktuellen Situation völlig richtig, kommentiert unser Autor Tim Höhn.
Stuttgart -
Corona hat nicht nur das Handeln, Denken, Fühlen umgewälzt, sondern auch unsere Sprache. Begriffe, die früher nur Virologen oder Linguisten bekannt waren, sind Teil der Alltagssprache geworden und bestimmen, wie wir leben – oder: leben dürfen. Ein Wort hat im Verlauf der Pandemie ein Gewicht bekommen wie nur wenige andere. Gebannt starren Menschen täglich auf die Inzidenz, auf eine Zahl, die zum Gradmesser für fast alles wurde. Und so ist das, was die Landesregierung jetzt beschlossen hat, weit mehr als die Neuausrichtung der Coronapolitik. Es ist die Entmachtung einer mathematischen Formel, die zur Grundlage von Freiheit und Unfreiheit wurde.
Der Inzidenzwert soll von der kommenden Woche an keine Rolle mehr spielen bei der Beurteilung, ob Menschen in Restaurants, zu Konzerten, in die Oper, in Clubs dürfen. Besucher dicht an dicht, in Innenräumen, vielleicht tanzend, singend, eng umschlungen, küssend und dabei sicher massenhaft Aerosole austauschend – all das wird erlaubt sein. Baden-Württemberg kehrt zurück in ein Leben, das sich viele nicht mehr vorstellen können. Es ist ein mutiger Weg.
Der Verzicht auf eine Vielzahl von Auflagen mag als Experiment erscheinen, aber die Regierung macht der Bevölkerung damit kein Geschenk, sondern sie löst eine Pflicht ein. Freiheit ist ein Grundpfeiler unserer Gesellschaft, und beschränkt werden darf sie nur, wenn es zwingende Gründe dafür gibt. Genau dafür lieferte die Inzidenz durchaus erfolgreich die Kriterien. Als Frühwarnsystem, um Menschen in einer Situation zu schützen, in der es um Leben und Tod geht. Die Orientierung an dieser Zahl war nie ein Selbstzweck, sondern diente dazu, die Überlastung des Gesundheitswesens zu vermeiden. Leben zu retten war das Ziel.
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Diese Funktion hat sie verloren, weil andere Parameter wie die Impfquote bedeutender geworden sind. Eine Gesellschaft auf dem Weg in die Herdenimmunität kann höhere Inzidenzen aushalten. Jetzt an alten Grenzwerten festzuhalten würde bedeuten, auf ein Frühwarnsystem zu setzen, das zu früh warnt.
Damit entfällt auch die Grundlage, die Verbote aufrechtzuerhalten. Es war immer klar, dass irgendwann eine andere Phase beginnen muss. Die Phase, in der Corona nicht mehr den Ausnahmezustand befeuert, sondern als Übel verstanden wird, das vermutlich nie wieder verschwindet und mit dem wir leben müssen. Für die Kultur, die Gastronomie oder die Veranstaltungsszene beginnt jetzt eine neue Zeitrechnung. Natürlich gibt es Kritik, Sorgen, wie vor jedem Neuanfang. Viele fragen sich gerade, wie sie die Vorgaben der Verordnung umsetzen sollen. Denn die neue Freiheit gilt nur für Geimpfte und Genesene, während alle anderen zu Tests gezwungen werden. Der Aufwand dürfte enorm werden. Auch Haftungsfragen sind zu klären: Wer ist verantwortlich, wenn Kontrollmechanismen versagen? Wer, wenn bei einer Veranstaltung das Virus grassiert? Aber wenn das Land auch in den Details die richtigen Antworten gibt, wird das Leben bald wieder bunter.
Kritiker mögen einwenden, dass die neue Strategie vor allem eine Werbeaktion fürs Impfen ist. Aber das ist nur konsequent. Impfen oder Inzidenz – das sind die Alternativen. Steigt die Impfquote, wird der Inzidenzwert vermutlich nie wieder die Bedeutung erlangen, die er hatte. Dann wird der 11. August 2021 den Tag markieren, der das Ende der Pandemie einleitete, zumindest in Baden-Württemberg. Stockt die Impfkampagne, werden wir, wenn im Herbst die nächste Welle heranrauscht, wieder ein Frühwarnsystem benötigen. Dann kehrt auch die Inzidenz zurück in unser Leben. Mit aller Macht. Und wir haben wieder ausgetanzt.