Coronavirus in der Region Stuttgart Zugverkehr eingeschränkt – Keine Nachtfahrten mehr

Von Konstantin Schwarz 

Vom 23. März an gilt im Land nur noch ein Stundentakt. Der VVS verliert mehr als die Hälfte der Fahrgäste, den Busunternehmen fehlt Liquidität.

Der VVS versucht, die Fahrgäste gegenüber den Fahrern auf Abstand zu halten. Dennoch könnte es im Nahverkehr zu einer Ausdünnung des Taktes kommen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Der VVS versucht, die Fahrgäste gegenüber den Fahrern auf Abstand zu halten. Dennoch könnte es im Nahverkehr zu einer Ausdünnung des Taktes kommen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Die Fahrgastzahlen im Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) brechen wegen der Schulschließungen und einem Rückgang im Berufsverkehr ein. Die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus hinterlassen im Nahverkehr Bremsspuren. „Unsere Zahlen liegen unter 50 Prozent des normalen Aufkommens“, sagt Horst Stammler, einer der beiden VVS-Geschäftsführer. Durch die Produktionspausen in den großen Autowerken werden sie weiter sinken.

Am Mittwoch wurde beschlossen, den Nachtverkehr bei den Stuttgarter Straßenbahnen, regionalen Busunternehmen und im regionalen Zugverkehr von diesem Freitag an auszusetzen. Im regionalen Zugverkehr soll es vom 23. März an nur noch einen Stundentakt geben. Die Zuglängen sollen nicht gekürzt werden, damit die Fahrgäste Abstand voneinander halten können.

Diese Entwicklung hat unmittelbare Auswirkungen vor allem auf kleinere, oft familiengeführte Busunternehmen im Verkehrsverbund. „Liquidität ist ein großes Thema, da können wir nicht auf den großen Rettungsschirm warten“, sagt Stammler.

Ganze Gruppen fehlen

36 Prozent aller Fahrten im Verkehrsverbund unternehmen Schüler, Auszubildende und Studenten. Diese Gruppen fehlen seit spätestens Dienstag dieser Woche in den Bussen und Bahnen. Weil viele Firmen ihre Beschäftigten ins Homeoffice geschickt haben, Urlaub und Überstunden abgebaut werden, der Großteil des Handels seine Leute zwangsweise nach Hause schicken muss und nun auch Fabriken die Tore schließen, ist auch der Berufsverkehr „deutlich reduziert“, so Stammler. Und der Gelegenheitsverkehr, also etwa die Fahrt zum Einkaufen in die City, zum Gaststätten- oder Kinobesuch, habe sich ebenfalls mehr als halbiert.

Einnahmen brechen weg

Die Folge ist ein erheblicher Einnahmerückgang, der vor allem private Busunternehmen empfindlich treffe. „Wir dürfen die nicht hängen lassen, das größte Problem wären Insolvenzen“, so der Geschäftsführer. Dann wäre der Verkehr nach der Epidemie an vielen Stellen nur schwer wieder in Gang zu bringen. Deshalb erörtere der VVS mit den Landkreisen Soforthilfen. Das Thema sei wirklich dringlich, so Stammler.

In den nächsten Tagen, wenn die von Bund, Land und Stadt verfügten Einschränkungen noch stärker greifen, rechnet der Verkehrsverbund mit einem noch weiteren Rückgang der Fahrgastzahlen. Täglich wird daher mit Vertretern der rund 40 im Verbund tätigen Unternehmen die Lage in einer Telefonkonferenz erörtert. „Anschließend stimmen wir uns in einer weiteren Telefonschalte mit dem Verkehrsministerium ab, dann bringen wir Änderungen in die Fahrplanauskunft“, so Stammler. „Wir wollen den Betrieb grundsätzlich aufrecht erhalten“, so die SSB-Sprecherin.

Pandemiepapier für die Unternehmen

Auch die Personalsituation ist jetzt ein Dauerthema. Jedes Unternehmen im VVS hat laut Stammler einen Pandemieplan. Bei den SSB tagt ein Krisenstab, der Betriebsrat ist eingebunden, so eine Sprecherin. Im Vergleich zum Vorjahr sei der Krankenstand bisher nur um ein Prozent erhöht.

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) hat eine Handreichung auf seine Homepage gestellt. Das von Fachärzten aus Anlass der Schweinegrippe erstellt Papier sei weiter gültig, sagt VDV-Sprecher Lars Wagner. Es enthält Zahlen des Centers for Disease Control and Prevention, quasi des amerikanischen Robert-Koch-Instituts (RKI), das bei 600 000 Einwohnern und mehreren Pandemie-Wellen 140 000 Erkrankte und 500 Todesfälle annimmt. Das RKI nimmt an, dass die Dunkelziffer bei Corona bei 1000 Prozent liegt.

Der VVS koordiniert das Vorgehen der Mitgliedsbetriebe, zum Beispiel den Buseinstieg nur noch hinten, um die Fahrer zu schützen. „Wir gehören zur kritischen Infrastruktur, wir wollen den Nahverkehr so lange wie möglich aufrecht erhalten“, so der VVS-Chef, schließlich müssten zum Beispiel Beschäftigte der Krankenhäuser an ihren Arbeitsplatz kommen können.

Nicht jede Linie ist sakrosankt

Doch nicht jede Fahrt oder Linie ist sakrosankt. „Die Bars sind zu, brauchen wir da noch Nachtbusse um 4 Uhr oder Verstärkerlinien wie die U 16?“, fragt Stammler. Solche Angebote könnte der VVS je nach Ansage der Behörden und der Personalsituation bei Fahrzeugführern und in den Leitstellen zurückfahren. Weil die Schulen geschlossen sind, hat der VVS die speziellen Schülerfahrten im regionalen Busverkehr bis zum Ende der Osterferien ausgesetzt. Der nächst größere Schritt wäre, das Angebot auf den Samstagsfahrplan zu reduzieren. Stammler: „Das könnte die nächsten Tage kommen.“

Keine Auswirkung wird die Corona-Krise auf die zum 1. April beschlossene Fahrpreiserhöhung im Verbund haben. Von dem „moderaten Aufschlag“ von 1,9 Prozent ist der Ausbildungsverkehr ausgenommen.

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